Absurdistan

Alberigo TuccilloGesellschaft, Sprache Schreibe einen Kommentar

Absurdistan ist eine sarkastische, manchmal scherzhafte, an reale Staatsnamen mit der Endung ‹-stan› angelehnte Bezeichnung für ein fiktives Land (meistens ist damit das eigene gemeint), in dem nach Ansicht derer, die den Begriff verwenden, völlig unsinnige, unnötige, lächerliche — eben absurde — Gesetze, Erlasse, Verordnungen und Regeln eingeführt werden. Der Ausdruck hat insofern einen leicht rassistischen Beigeschmack, als er es als zwingend betrachtet und zweifellos davon ausgeht, dass eine Gesellschaft, in der Absurdes dekretiert wird, sich unbedingt in Richtung einer Staats- und Gesellschaftsform entwickelt, die in westlichen Strukturen längst überwunden sein sollten, in Ländern hingegen, deren Namen mit ‹-stan› enden, der Normalfall sind.

Der Gebrauch des Begriffes ist seit Anfang der 1970er-Jahre nachweisbar. Seine frühen Verwendungen beziehen sich ausschließlich auf konkrete, als unverständlich gewertete politische Situationen. Die bislang früheste bekannte Erwähnung findet sich in Politische Studien: Monatshefte der Hochschule für politische Wissenschaften, München, veröffentlicht vom Isar-Verlag, 1971: «Sie brauchen sich bloß vorstellen, was es bedeutet, wenn etwa ein Wehrpflichtiger gültig seiner Wehrpflicht gegenüber der Bundesrepublik Deutschland sie durch zweijährigen Dienst in der Nationalen Volksarmee ableisten könnte, um zu erkennen, dass wir uns hier in Absurdistan bewegen.»

Die später auch im englischen Sprachraum verbreitete Bezeichnung erschien erstmals im Londoner Spectator vom 26. August 1989 in einem Artikel über die damalige Tschechoslowakei (Abstract: «Czechoslovakians have taken to calling their country ‹Absurdistan›, because everyday life there has long resembled the Theater of the Absurd.»). Der Begriff wurde am 18. September 1989 in The Nation (New York) in einem Artikel mit dem Titel Prague Summer of ’89: Journey to Absurdistan aufgenommen. Die erste Erwähnung in der New York Times erfolgte am 30. August 1990 in einem Artikel über die Sowjetunion (Moskau als Capital of Absurdistan.)

Was bedeutet aber ‹-stan› in Namen von anerkannten Staaten wie Afghanistan, Kasachstan, Kirgisistan, Pakistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan, oder von Ländern oder Gegenden (noch) ohne völkerrechtlich anerkannte Staatshoheit wie Kurdistan, Belutschistan, Hindustan, Waziristan, Nuristan? — Obwohl viele dieser Staaten und Länder turksprachig, also nicht indoeuropäisch sind, ist die Endung neupersisch, also indoeuropäisch. ‹ـستان› [stān] bedeutet ‹Ort, Land, Gegend oder Wohnstätte› und geht auf gleichbedeutend Altpersisch ‹stāna› zurück.

Dieses wiederum ist verwandt mit dem indoeuropäischen Verbstamm ‹*ste(h)₂-› (stehen, sich befinden, bleiben, verharren), was eine Fülle an vertrauten Wörtern in der gegenwärtigen deutschen Sprache und in anderen europäischen Sprachen generiert hat: ‹stehen›, ‹bestehen›, ‹gestehen›, ‹verstehen›, ‹ausstehen›, ‹erstehen›, ‹Stand›, ‹Zustand›, ‹Zuständigkeit›, ‹Verstand›, ‹Anstand›, ‹Stätte›, ‹Stadt›, ‹Staat›; Englisch ‹stand› und ‹stay›; Lateinisch ‹stare› (sich befinden) und das Partizip ‹status› (gewesen); Griechisch ‹ἵστημι› [hístēmi] (ich stelle, ich lasse stehen). — Aus dem Lateinischen und Griechischen sind wiederum unsere ‹Stadien›, unsere ‹Statuten›, unsere ‹Statistiken›, die ‹Statik› der Bauingenieurinnen, die ‹Standards› der Computer-Schnittstellen und der physikalischen Einheiten, die ‹Ekstase› der Übertreibenden und die ‹Stabilität› der Gesetzteren, die ‹Distanz› und das ‹System› entstanden, aber auch direkt aus dem Protoindoeuropäischen über das Germanische: das ‹Gestade›, das ‹Gestatten›, das ‹Bestatten›, der ‹Stuhl›, der ‹Stamm›, der ‹Stab›, das ‹Stemmen›, das ‹Entstehen›, die ‹Stute›, die ‹Stunde› und unzählige mehr! 

Das Absurde in Absurdistan kann uns freilich weiterhin absurd vorkommen, doch das Stan am Wortende ist weit weniger exotisch, als manchem lieb ist.

Eine letzte Bemerkung noch zum Namen ‹Pakistan›. Dieser wurde 1933 von Choudhry Rahmat Ali geprägt. Er wählte das persische Wort ‹pāk› (rein) und fügte
‹-stan› an, sodass ‹Land der Reinen› entstand. Gleichzeitig ist ‹Pakistan› ein Akronym aus den Namen der damaligen Provinzen Punjab, Afghania (Nordwestprovinz), Kashmir, Sindh und Baluchistan.

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