Linguistische Amuse-Bouche 71 bis 75

Alberigo Tuccillo Gesellschaft, Politik, Sprache, Vermischtes

Nummer 75:

Geldleihe gab es bereits in der Antike. Ob in Mesopotamien, in Ägypten, im alten Griechenland oder im Römischen Reich, der Geldhandel war fest in den Händen der Priesterinnen und Priester, und der Ort, wo die Geschäfte abgewickelt wurden, war der Tempel. Im Verlauf der Spätantike und des Mittelalters änderte sich die Sache. Private Unternehmen kamen durch vorindustrielle Produktionsstätten und Handel zu Reichtum. Das machte sie vom Geldhandel der Geistlichkeit unabhängig und gab ihnen, vorerst vor allem in Italien, die Möglichkeit, ihrerseits die Funktion des Geldleihers einzunehmen.

Auf der einen Seite kam den Herrschern diese neue Entwicklung durchaus gelegen: Kriege, neue Burgen, Ausbau eines Verließes, modernere Einrichtungen von Folterkammern… alles kostete viel Geld, und ein Darlehen bei einem reichen Geschäftsmann aufzunehmen, war oft die einfachste Lösung. Wenn man dann als Ritter oder Graf den Kredit nicht zurückzahlen konnte oder nicht zurückzahlen wollte, konnte man den Gläubiger enteignen, einkerkern oder hinrichten, was man jedoch nicht sehr gern tat, denn dies schwächte die Wirtschaft und verringerte die Aussicht auf eine weitere Finanzierung in der Zukunft. Auf der anderen Seite war den Adeligen die wachsende Macht der Geschäftsleute nicht geheuer, weil sie fürchteten, mit der Zeit Kontrolle und Privilegien zu verlieren.

Aus dem Grund wurde ein Verbot erlassen, Geldgeschäfte in geschossenen Räumen, im Innern von Gebäuden abzuwickeln. Geldleiher mussten ihrer Tätigkeit unter freiem Himmel nachgehen, damit sie von den Schergen der Adeligen jederzeit kontrolliert werden konnten.

Die Geldleiher hatten also eine Art Marktstand, den sie am Abend wieder abbauen konnten — auf Italienisch ‹un banco›, daraus entstand das Wort ‹Bank›. Das Geld konnten sie selbstverständlich über Nacht auch nicht dort liegen lassen. Das nahmen sie jeweils in einer Kiste mit — auf Italienisch ‹una cassa›, daraus entstand das Wort ‹Kasse›. In der Kiste (cassa) war das Geld von verschiedenen Kunden. Um zu wissen, von wem wie viel in der Kiste war, wer etwas zugute hatte und wer etwas schuldete, führte der Stand-Besitzer (‹banchiere›, daraus ‹Bankier›) für jeden Kunden eine eigene Rechnung, auf Italienisch ‹un conto›, daraus entstand das Wort ‹Konto›. Wurde ein Fehlbetrag mit einer Einzahlung zusammengefügt (saldato), war die Schuld (debito) ‹saldiert›. War eine Einzahlung nicht direkt für die Kiste, sondern für eine andere Rechnung bestimmt, musste man das Geld dem Gläubiger (creditore) zuwenden (girare), was man dann als ‹Giro› bezeichnete, wie man es heute noch tut. Wurde einem Kunden ein Teilbetrag nicht auf dem Konto belastet, war dies ‹uno sconto›, daraus wurde ‹Skonto›. Ein Betrag konnte ‹grob›, das heißt: ohne Gebühren, Steuern und sonstigen Abzügen angegeben werden, also ‹brutto›, oder man gab es nach Abzug von Gebühren und Steuern an, also ‹gesäubert› (netto). ‹tassare› bedeutet ‹verpflichten›, daraus entstand die ‹Tax› (und auch das ‹Taxi›). Auch ‹obbligare› bedeutet ‹verpflichten›, daraus wurde die ‹Obligation›. Wenn eine Bank aufhörte zu existieren, war sie eine ‹banca rotta› (eine in Brüche gegangene Bank) und daraus wurde ‹bankrott›. Weitere Wörter: ‹ribasso› (Vergünstigung) → ‹Rabatt›; ‹bilancia› (Waage) → ‹Bilanz›; ‹borsa› (Tasche) → ‹Börse›; ‹portare› (tragen, bringen, zustellen) → ‹Porto›; ‹procurare› (für jemanden etwas besorgen) → ‹Prokura, Prokurist›; ‹solvere› (lösen, auflösen, begleichen) → ‹solvent, Solvenz›; ‹capitale› (hauptsächlich, Grund-…, zum Beipiel: Grundvermögen) → ‹Kapital›; ‹portafogli› (Mäppchen für lose Blätter) → ‹Portfolio› und viele mehr.

Das Verbot, Geldgeschäfte im Innern von Gebäuden abzuwickeln, blieb nicht lange bestehen. Die Bankiers tauschten ihre Marktstände bald gegen prunkvolle Palazzi ein, aber die Begriffe wurden beibehalten und in fast allen europäischen Sprachen übernommen.

Im Jahr 1183 war die Macht des Dogen von Venedig, Sebastiano Zani, der im Wesentlichen ein Bankier war, dermaßen groß, dass er Kaiser Friedrich Barbarossa im Konstanzer Frieden die Bedingung diktieren konnte, auf die Geldsouveränität zu verzichten und der Republik Venedig das Geld- und Währungsrecht zu gewähren. Und während der Renaissance war die Macht der Familie De Medici aus Florenz so groß, dass Frankreich — zu der Zeit der mächtigste Staat der Welt — bei den florentinischen Bankiers so tief verschuldet war, dass wichtige politische Entscheidungen des französischen Königs an den Schreibtischen und in den Betten von Palazzo della Signoria getroffen wurden.

Nummer 74:

Aus dem Griechischen ‹πούς (poús), im Genitiv ‹ποδός› (podós), was Fuß bedeutet — daher ‹Podologie›, ‹Podium›, ‹Podest› —, ist durch die zweite Lautverschiebung die deutsche ‹Pfote› als Hand oder Fuß von Tieren, entstanden. Woher hingegen die synonymische ‹Tatze› kommt, weiß man zurzeit noch nicht. Sie taucht erst im Mittelhochdeutschen auf; zwar in den lokalen orthografischen Varianten ‹tatze›, ‹tatse›, ‹taze›, ‹tazze›, bleibt aber phonetisch weitgehend unverändert.

Merkwürdig ist, dass gleichzeitig mit dem Erscheinen des Wortes auch ihre perverse Metapher aufkommt: die Tatze als Form der Körperstrafe, die überwiegend im Schulunterricht angewandt wurde: Schläge auf die Handflächen eines oder einer zu Bestrafenden. Als im Mittelalter Schulen gegründet wurden, wurde die Praxis in den Kanon der Schulstrafen festgeschrieben. Zum Schlagen verwendete man Weiden- und Haselnussstöcke (Tatzenstecken) oder Lineale. Die zu Bestrafenden wurden nach vorne gerufen. Die Schläge erfolgten meistens auf die Innenseite, selten auf die Außenfläche der hinzuhaltenden Hand. Je nach verwendetem Züchtigungsgerät waren die Spuren teilweise mehrere Tage zu sehen. Die Traumata wie geplatzte Gefäße, verletzte Sehnenscheiden, Gelenkkapseln, Nerven konnten mitunter mehrere Wochen lang schmerzen und sogar zu bleibenden Behinderungen führen. Einen besonderen Effekt sah die perverse Pädagogik darin, dass die Opfer die Hand zur Züchtigung hinhalten mussten. Dadurch wurde das Kind zusätzlich gedemütigt und gebrochen. Wer die Hand in Erwartung des bevorstehenden Schmerzes zurückzog, musste mit Strafverschärfung wie Zusatzhiebe rechnen. Außerdem konnte damit die Lehrkraft ihre unangefochtene Autorität zum Ausdruck bringen.

In den Siebzigerjahren begann man allmählich körperliche Züchtigungen durch Schulverordnungen zu unterbinden und das ‹Tatzengeben› wurde in Europa nach und nach seltener praktiziert. Die körperliche Bestrafung in der Schule blieb jedoch lange eine Angelegenheit, die von Schulverordnungen geregelt und nicht vom Strafgesetz verfolgt wurde. So entschied das Bayerische Oberste Landesgericht 1979 (!), dass auch durch die neuen Schulverordnungen «das gewohnheitsrechtlich begründete Züchtigungsrecht wie das Tatzengeben für Lehrer nicht außer Kraft gesetzt werden» könne. Körperstrafen wurden dann 1980 auch an bayerischen Schulen abgeschafft.

In den Jahren 2016 bis 2020 habe ich in Klassen von Flüchtlingen unterrichtet. Von den Lernenden habe ich erfahren, dass in vielen Ländern die Tatze noch immer für eine erzieherische Maßnahme gehalten wird — zum Teil sogar von den Opfern! Mancherorts gibt es noch eine Steigerung der menschenverachtenden Praktik: die Tatze auf die Fußsohlen, was beabsichtigt und dazu führt, dass die Opfer danach nicht mehr gehen können und folglich kriechen oder von Geschwistern und Freunden getragen werden müssen.

Bild: Gesetzeslage zur Körperstrafe in Europa:

Grün: an Schulen und zu Hause verboten
Blau: nur an Schulen verboten
Rot: keine gesetzliche Regelung

Nummer 73:

Sagt man nun ‹der› oder ‹das› Virus? — Duden sagt: «Beides geht, aber sächlich ist korrekter.» Das ist zwar für viele keine befriedigende Antwort, aber ich muss da für das Mannheimer «Leibniz-Institut für Deutsche Sprache» doch eine Lanze brechen. Jahrzehntelang hat man auf den Linguistinnen und Linguisten herumgehackt, wenn sie sehr lange und sehr sorgfältig überlegte, fundierte Regeln und Richtlinien herausgaben, warf ihnen vor, sie würden sich über das einfache Volk hinwegsetzen und eine elitäre, puristische Sprache erschaffen, die ihre Anwendung erschwert. Natürlich kamen jene Angriffe kaum aus den Reihen des «einfachen Volkes», was auch immer das sein mag, sondern mehrheitlich von Akademikern, die vielleicht von Quantenphysik oder von Ökonomie etwas verstehen, aber nicht von Linguistik. Vor allem bei der (genau aus diesem Grund gescheiterten) Orthografie-Reform von 1998 waren die Attacken von Seiten der Intellektuellen so heftig wie unehrlich — der wahre Grund für die phobische Ablehnung war, dass die Gegner keine Lust hatten, etwas zu lernen. So ist es verständlich, wenn die linguistische Forschung sich in den Elfenbeinturm zurückgezogen hat und nicht mehr präskriptiv, sondern bloß deskriptiv an die Öffentlichkeit tritt. Mit anderen Worten: Ein Fehler wird dann zur neuen Regel, wenn die Mehrheit ihn zu begehen wünscht. Wer dann eine korrekte Form weiterhin benützt, begeht mit einem Mal einen Fehler. — Drum wird sich Duden hüten, beim Virus ein Genus vorzuschreiben.

Nun bin ich aber frei und erlasse auch keine Vorschriften, also kann ich den Sachverhalt einfach darstellen und es jeder und jedem überlassen, den Schluss daraus zu ziehen, der ihr beziehungsweise ihm passt:

Es gibt zwei lateinische Nomen, die sehr ähnlich sind, etwas ganz anderes bedeuten und durch ihre Ähnlichkeit für Verwirrung sorgen. Ich gebe hier die Beugung in allen Fällen an. Warum, wird gleich klar werden. Maskulin, Singular: ‹vir, virī, virō, vīrum, virō› bedeutet ‹Mann, Krieger, Held, cooler Typ›. Davon sind Wörter wie ‹viril›, ‹Virilität›, ‹Triumvirat› abgeleitet.

Dann gibt es noch das andere Wort! Neutrum, Singular: ‹vīrus, vīrī, vīrō, vīrus, vīrō›! Wir sehen, dass jede Deklinationsform sich in der Betonung unterscheidet, außer Akkusativ, aber da haben die beiden Wörter eine andere Endung: das männliche ist ‹virum›, das sächliche ebenfalls ‹virus›, wie Nominativ. Für Lateinerinnen und Lateiner ist es also nie ein Problem, die beiden auseinanderzuhalten, aber für uns vom Fußvolk kann es schon tückisch werden.

Tröstlich, dass wir uns auf Deutsch nicht um die Deklination kümmern müssen — das Virus, des Virus, dem Virus, das Virus; Plural: die Viren.

Ich habe aber das Wichtigste noch nicht gesagt: was das Wort nämlich bedeutet! Es bedeutet schlicht und einfach ‹Gift›! Ja, so ist es! Es bezeichnet das Gift von Pilzen, Schlangen, Spinnen, Skorpionen, Hornissen, feindseligen Nachbarn und das, was man seit dem letzten Urnengang weiterhin auf Feldern und Plantagen versprühen darf.

Und dies scheint mir von großer Tragweite und Wichtigkeit zu sein: Es ist nicht falsch, die Proteintröpfchen mit einem kurzen RNA-Strang in ihrem Innern, die uns zurzeit das Leben erschweren, schlicht als Gift zu bezeichnen! Es ist im Gegenteil vollkommen richtig. Viren leben nicht! Sie befallen uns auch nicht, sondern WIR atmen sie ein, schlucken sie oder tauschen sie beim Liebemachen mit unseren Körpersäften aus. Sie mutieren auch nicht, um uns zu ärgern, sondern weil die Chemie es so mit sich bringt, wie Blitze nicht einschlagen, um eine Scheune in Brand zu stecken. Dass die Varianten mit der Zeit weniger oft tödliche Folgen haben und in Zukunft jüngere Menschen treffen werden, hat nichts mit der vermeintlichen Boshaftigkeit von Viren zu tun. Alles folgt der reinen Mathematik. Wann und wo ein einzelnes Virus mutiert, lässt sich nicht voraussagen, aber bei der enormen Zahl an Viren, die replizieren, kann man eine Mutationsrate berechnen, wie man voraussagen kann, dass bei 12 Milliarden Würfelwürfen 2 Milliarden Mal die Drei geworfen wird. Wenn mehrere Varianten im Umlauf sind, vermehren sich diejenigen häufiger, die den Wirt nicht umbringen (weil Tote keine Viren mehr kopieren), und diejenigen, die sich in Individuen vervielfältigen, die ihre Sekrete häufiger und heftiger mischen. Viren haben keine Strategie, sie haben keinen Willen und finden es weder gut noch schlecht, wenn wir uns impfen oder nicht impfen, weil sie gar nichts finden und empfinden. Sie leben schlicht und einfach nicht — im Gegensatz zur Sprache!

Nummer 72:

Wir haben es in der Schule gelernt, dann vergessen, dann götternseidank durch Astérix unserer Allgemeinbildung wieder zugeführt: ‹Alea iacta est› bedeutet ‹der Würfel ist geworfen› und gemeint ist ‹es ist beschlossen›, ‹die Sache ist entschieden› oder ‹les jeux sont faits, rien ne va plus›. Übersetzt wird es zwar meistens mit ‹die Würfel sind gefallen›, beide Übersetzungen sind jedoch unsorgfältig und ungenau, denn eigentlich lautet der Text ‹Iacta alea est›! Eines der vielen Beispiele für das von Seiten der Schulbuch-Verlage beliebte und meiner Meinung nach nicht legitime «Korrigieren» klassischer Zitate, wie wir schon im Fall von Senecas ‹Non vitae sed schole discimus› (nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir) gesehen haben, das immer verkehrt zitiert wird, nämlich als ‹nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir›.

Vielleicht hält man es nun für pedantisch, bei Cäsars Würfelgeschichte auf diese an sich unerhebliche syntaktische Umkehrung hinzuweisen. Dem ist aber nicht so, denn auf der ältesten und bis zu den Humanisten einzigen Abschrift des Werkes, aus dem das Zitat stammt, ist hinter dem T von ‹est› ein Loch! Ziemlich sicher stand da also nicht ‹Iacta alea est›, sondern ‹Iacta alea esto› (der Würfel soll geworfen werden), folglich nicht: ‹die Sache ist entschieden›, sondern ‹jetzt muss ich in der Sache endlich zu einer Entscheidung› kommen›.

Was ist daran so wichtig? — Nun, diesen Satz hat Gaius Iulius Caesar mit ziemlicher Sicherheit nie ausgesprochen. Cäsar starb 44 v. Chr. und Sueton schrieb um 100 n. Chr. (also gut 150 Jahre nach Cäsars Tod) dessen Biografie. Wie hätte Sueton wissen können, was er in einer Nacht seinen engsten Vertrauten gesagt haben soll? In der Episode, aus der das besagte Zitat stammt, kommt Cäsar mit seinen Soldaten von Gallien nach Rom. Er weiß, dass Feldherren mit ihrem Heer die Grenze zum römischen Kernland (ein Fluss namens Rubikon) nicht passieren dürfen. Darauf steht der Tod. Er hat aber einen Staatsstreich vor, und da muss er erst recht mit der Todesstrafe rechnen, wenn dieser misslingt. Das kann er nur mit seinen Legionären schaffen. Nach Suetons Darstellung macht er an der Grenze einen militärisch-taktisch unsinnigen Halt von fast zwei Tagen. Die Legionäre haben Hunger und er bekommt dort sicher keine Informationen darüber, was sich jenseits der Grenze tut. Der Grund für diese Verzögerung kann nur in Cäsars Unentschlossenheit liegen! Deshalb ist es wahrscheinlicher, dass die Worte, die Sueton ihm in den Mund legt, ausdrücken wollen: «Wenn ich noch länger zuwarte, gibt es eine Meuterei. Entweder wir kehren um und plündern ein paar gallische Dörfer, damit meine armen Legionäre endlich etwas zu essen kriegen, oder wir überqueren das Flüsschen und plündern ein paar römische Dörfer! Da findet man sowieso die besseren Speisen. Entscheiden muss ich mich aber schnell! Abwarten kann ich nicht mehr.»

Das hat bereits Erasmus von Rotterdam vermutet. Und Erasmus fand auch heraus, dass der Spruch viel älter ist! Er taucht unter anderem bei Plutarch auf. Auf Griechisch lautet er: ‹ὁ κύβος ἀνερρίφθω› (ho kybos anerriphtho) ‹hochgeworfen sei der Würfel›, was eher dem Bild eines von Zweifel heimgesuchten Cäsar entspricht, das wir von Goscinny und Uderzo her kennen, als jenem unerschütterlichen, selbstsicheren und selbstherrlichen Cäsar des VENI VIDI VICI.

Nummer 71:

Synonyme sind sinnverwandte Begriffe, das heißt: Wörter, deren Bedeutungsbereich eine nennenswerte Überschneidung aufweist, zum Beispiel: ‹gehen›, ‹sich fortbewegen›, ‹spazieren›, ‹wandern›, ‹schlendern›. Das ist wohl allen bekannt. Etwas weniger bekannt ist, dass es auch das Gegenteil gibt: Homonyme, das heißt: Wörter, die gleich klingen (homophon) oder sogar gleich geschrieben (homograph) sind und die etwas völlig anderes bedeuten; zum Beispiel: ‹Tau› kann ein dickes Seil sein oder der griechische Buchstabe ‹τ›, ‹die Taube› kann ein Vogel sein oder eine Frau, die einen Gehörschaden hat, ‹Tor› bezeichnet die große Tür und den Dummkopf (obwohl hier das Genus der Verwechslung meistens vorbeugt). Das gibt es auch zwischen verschiedenen Sprachen: ‹burro› ist in Italien die Butter, in Spanien der Esel, ‹homo› bedeutet auf Lateinisch ‹Mensch›, auf Griechisch ‹gleichmäßig›, ‹Gift› ist im Englischen ein Geschenk und im Deutschen eine gesundheitsschädigende Substanz.

Das kann zu Missverständnissen führen, aber die können mitunter auch ganz reizend sein:

Als meine Großmutter starb, wollte mein Großvater um keinen Preis ins Altersheim! So sagte er: «Ich habe fünf Töchter. Bei jeder meiner Töchter werde ich zwei Monate leben und dann zur nächsten reisen. Ich denke, dass es zwei Durchgänge geben wird, dann hat mich meine Frau wieder.» Als wir in Olten, in der Schweiz, an der Reihe waren, den Nonno bei uns aufzunehmen, war es ein Riesenfest! Wir zeigten ihm Bern, Basel, die Herbstmesse, Augusta Raurica, die Rheinfälle, den Vierwaldstättersee, Museen, Denkmäler, die zauberhafte Natur, die Berge… — Nonno Albano (daher mein zweiter Vorname) zeigte nie viele Emotionen, aber ich glaube, dass er glücklich war. Nach vier mal zwei Monaten (in Tat und Wahrheit war’s dann weit über ein Jahr später, weil er so liebenswürdig war, dass man ihn nicht gern weiterziehen ließ), kam er dann erneut zu uns. Inzwischen waren aber meine Schwester und ich in Aarau, einer Stadt in der Nähe von Olten, im Gymnasium. Mein Vater war schon sehr krank und meine Mutter arbeitete in einem nahen, aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht schnell zu erreichenden Dorf. Der alte Mann, der kein Wort Deutsch konnte, musste sich den ganzen Tag allein beschäftigen. — Wir hatten alle ein schlechtes Gewissen! Aber zu unserer Überraschung war der Nonno glücklicher als beim ersten Mal. Und diesmal waren seine Zufriedenheit und Lebensfreude nicht zu übersehen. Am Morgen marschierte er jeweils los und am Abend saß er bereits eine Viertelstunde vor dem Essen am Küchentisch. Dass er tagsüber genug getrunken hatte, konnte man am entrückten Blick ablesen und an seinem Atem riechen.

In der Straße, wo wir wohnten, lebte auch ein anderer alter Mann. Ziemlich genau das Gegenteil von meinem Großvater: Er ging nie aus dem Haus, war 365 Tage im Jahr den ganzen Tag am Fenster im zweiten Stock, grüßte niemanden, fluchte über das Wetter, über die Autos, über spielende Kinder und über die Ausländer. Niemand wusste, wie er hieß, noch interessierte es überhaupt jemanden. — Eines Abends kamen meine Schwester und ich von der Schule nach Hause und trauten unseren Augen nicht! Da oben im zweiten Stock lehnte sich wie immer der namenlose Alte aus dem Fenster. Aber: Er grüßte uns! Und: Er sah nicht grimmig aus! Und: Neben ihm, im selben Fenster, in derselben Pose winkte uns unser Nonno zu!

Beim Essen musste ich mein Großväterchen einfach fragen: «Nonnino, sag mal: Hast du etwa Deutsch gelernt?» — «Ach was! Kein Wort!» — «Ja kann denn der Mann da Italienisch?» — Er kicherte: «Ich glaube nicht. Aber das würde auch gar nichts nützen, denn er ist fast taub!» — «Wie redet ihr denn miteinander?» — «Ach, um eine Flasche zusammen zu trinken, muss man nicht reden.» — «Ja aber wie habt ihr einander überhaupt kennengelernt?» — «Ganz einfach. Das war so: Er war immer am Fenster, wenn ich vorbeiging. Dann haben wir angefangen, einander zum Gruß zuzuwinken. Heute Morgen hat er mir ‹Sali!› zugerufen… e io sono salito.»

(‹Sali›: schweizerdeutscher Gruß von Französisch ‹salut toi›. Gleichzeitig ist ‹sali› der Imperativ des italienischen Verbs ‹salire›, also: ‹Komm rauf!›)