Amuse-Bouche 97 bis 100

Alberigo Tuccillo Gesellschaft, Sprache, Vermischtes

Nummer 97:

Bücher waren, wie man weiß, lange Zeit aufgerollte Pergament-, später Papier-, manchmal Textilstreifen, Schriftrollen, Buchrollen oder Liber genannt. Sehr oft war ein Buch jedoch bloß ein Bündel ungleich großer Blätter aus verschiedenen Materialien, das in ein Tuch oder in ein Leder gewickelt, in einen Tonkrug gepfercht oder in einem Schrein oder in einer Schatulle aufbewahrt war. Die Blätter waren nicht nummeriert noch sonst wie geordnet (und mir ist kein einziges Beispiel eines dergestalt überlieferten Buches bekannt, von dem man den gesamten Text besitzen würde; einzelne Blätter eines Buches sind immer verloren gegangen, zerstört, nicht zum Bündel gelegt worden oder wurden vielleicht nie geschrieben).

Das Wort ‹Buch› wurde also schon vor der Erfindung des gebundenen Buches, wie wir es seit der Spätantike kennen, verwendet. Folglich kann die Etymologie, die in vielen Nachschlagewerken und selbst von den Gebrüdern Grimm vorgeschlagen wird, nicht wirklich stimmen. — Da die ältesten gebundenen Bücher, die wir besitzen, (mit wenigen Ausnahmen) zwei Brettchen aus hartem und beständigem Buchenholz als Buchdeckel verwenden, vermutete man, dass das Buch seinen Namen vom Buchenholz-Deckel bekommen hätte. Ein Weiteres, was gegen diese Vermutung spricht, ist, dass das Wort ‹Buchstabe› älter ist als das gebundene Buch und auch dort verwendet wurde, wo man von Büchern in irgendeiner Form nicht die geringste Vorstellung hatte.

Nun waren aber Jacob und Wilhelm Grimm stets bedacht, ihre Mutmaßungen und Hypothesen mit Vorsicht zu äußern und alle Belege, über die sie verfügten, minuziös anzuführen. Darüber hinaus hatten sie ein dermaßen feines, untrügliches sprachliches Gefühl, dass es erstaunen würde, wenn die Grimmʼsche Intuition, nämlich die Verbindung zwischen ‹Buche› und ‹Buch›, nur ins Leere führen würde. Und in der Tat zeigen Resultate der Forschung immer deutlicher, wie genial die Väter der Linguistik waren!

Das althochdeutsche Wort ‹buoh› und das mittelhochdeutsche ‹buoch› (beide ausgesprochen wie Schweizerdeutsch: ‹Buəch›) bedeutete ursprünglich ‹Runenzeichen›, dann allgemeiner ‹Schriftzeichen› oder ‹Buchstabe›, später ‹Schriftstück›, noch später ‹Buch›. Buchenholz war tatsächlich, neben Stein und Metall, ein beliebtes Material, um darauf Runenzeichen oder irgendwelche Zeichen und Symbole zu ritzen oder einzubrennen. — Nebenbei: Aus Germanisch ‹*wrītan› (kratzen, schürfen) leiten sich die Wörter ‹ritzen›, ‹reißen›, ‹Rune› wie auch Englisch ‹to write› (schreiben) ab.

Untermauert wird die These, dass ‹Buch› und ‹Buche› zusammenhängen, auch durch analoge Entwicklungen in anderen Sprachräumen. So ist das lateinische Wort ‹liber› (Buch) aus ‹libera› entstanden, was die innere, zähe, biegsame Schicht der Baumrinde bezeichnete, die unterhalb der harten, spröden, brüchigen liegt und die verwendet wurde, um darauf zu schreiben. Diese Schicht ist zwischen Baumstamm und äußerer Rinde verborgen, gefangen und muss, um genützt zu werden, erst einmal herausgelöst, befreit werden, deshalb wurde sie ‹liber(at)a› genannt. Auch ‹liber› hatte ursprünglich eine unscharfe Bedeutung, die sowohl Buchstabe, Schrift, als auch Schriftträger meint. — Das Wort ‹Alphabet› ist aus den Namen der ersten beiden Buchstaben des griechischen Alphabets gebildet: Alpha und Beta. (So wie man gelegentlich ein Alphabet auch als ‹Abc› bezeichnet). Analog dazu nannten die Wikinger die Runen als Zeichensystem ‹Ase-Birkan› nach dem Namen zweier Runen; (nicht notwendig der ersten beiden, denn die Wikinger, die ohnehin nicht viel schrieben, kümmerten sich nicht um alphabetische Ordnung). ‹Ase-Birkan› wurde oft zu ‹Birkan› verkürzt und ‹Birkan› ist sowohl die Rune mit dem Lautwert B als auch der Name der Birke und des Birkenholzes. Auch in Indien und Ceylon (Sri Lanka) wurde etwa seit 500 v. Chr. Birkenrinde als Schriftträger benutzt und als Bezeichnung für das ganze Schriftstück verwendet.

Nummer 98:

Nehmen wir an, Wilhelm Tell hätte wirklich gelebt. Nehmen wir auch an, er hätte die Geschichte mit dem Apfelschuss, die schon vor seinem (hier und zu diesem Zweck nicht angezweifelten) Leben in mythischen Erzählungen anderer Länder vorkam, 1307 auf dem Marktplatz in Altdorf neu inszeniert. Und nehmen wir folglich auch an, er hätte mit derselben Waffe, mit der er den Apfel auf Walterlis Kopf traf, später auch Landvogt Hermann Gessler getötet, dann müssten wir auch annehmen, dass er seine Waffen so nannte, wie sie zu seiner Zeit hieß, nämlich mittelhochdeutsch ‹bogeslūder›. Freilich wird das Wort in seinem damaligen Dialekt aus Uri etwas anders geklungen haben. (Geklungen! Nicht ausgesehen, denn bei allen Annahmen, die wir bereits getroffen haben, wäre es wohl zu viel des Guten, wenn wir dem legendären Schützen auch noch unterstellen wollten, er hätte das Wort je geschrieben.)

Die Bogenschleuder war bereits 400 v. Chr. in Griechenland erfunden worden. Man nannte sie ‹βαλλιστα› (ballista) von ‹βαλλειν› (ballein) = ‹werfen, schmeißen, schleudern›. — Man kennt das Wort ‹Ballistik›, ein Teilbereich der Physik, die ‹Lehre von den geworfenen Körpern›. (Achtung: das saloppe ‹ballern› ist ein bereits Mittelhochdeutsch bezeugtes, lautmalerisches Verb, das zunächst ‹Krach machen› bedeutete und erst nach der Erfindung der Feuerwaffen mit ‹Schießen› in Verbindung gebracht wurde, folglich stammt es nicht aus dem Griechischen.) — Diese Waffe spielte jedoch in der Antike und im Frühmittelalter keine große Rolle. Vereinzelt wurden große Exemplare gebaut, die auf Karren montiert und beim Stürmen von Festungen in der Funktion eingesetzt waren, die später Kanonen haben würden. Erst im Hochmittelalter, vor allem in Norditalien, kamen sie als leichte, tragbare Waffen zu militärischen Zwecken und für die Jagd schnell auf.

Wenig deutet darauf hin, dass ein Urner des frühen 14. Jahrhunderts mit einem solchen Gerät zur Jagd ging, und noch weniger darauf, dass er sie auf sich trug, als er eines Morgens mit seinem Sohn, einem Kind, in Altdorf über den Marktplatz spazierte, doch ausschließen kann und will man es auch nicht, denn seit der Nutzung des Gotthard-Passes gab es einen regen Handel zwischen der Lombardei und Uri, und wir wollen gar nicht weiter am armen Tell herumkritteln. Wichtig ist nur, dass wir festhalten, dass er sein Schießgerät, falls überhaupt, ‹bogeslūder› nannte und nicht wesentlich anders.

Wie nannte man denn das Ding in Italien, von wo die Waffe wahrscheinlich herkam, wenn sie in Tells Hände gelangt war? — Man nannte sie ‹arcuballista›: ‹arcus› ist das lateinische Wort für Bogen, und Ballista kennen wir schon von den Griechen; ‹Bogenschleuder› und ‹arcuballista› bezeichneten also nicht bloß dasselbe Mordinstrument, sondern waren als Wörter analog gebildet.

Im Italienischen wurde aus ‹arcuballista› schlicht ‹balestra›, im Altfranzösischen ‹arbalestre› oder ‹arbalêtre›. Im Mittelhochdeutschen wurde daraus mancherorts ‹arb(e)roste›. Die Volksetymologie glaubte dann, allerdings erst viel später, in diesem Wort einen ‹Arm› und eine ‹Brust› zu hören und machte daraus eine Armbrust. Die ersten Zeugnisse davon haben wir erst im späten 15. Jahrhundert, als Tell — bei aller patriotischen Großzügigkeit und bei allen Zugeständnissen — wirklich nicht mehr gelebt haben kann.

Nummer 99:

Wie die Kartoffel, die Aubergine oder Melanzana (‹Melanzani›, was man leider ab und zu in einer Gemüseabteilung lesen muss — Lukull und Gott in Frankreich sei’s geklagt! —, ist ein falscher Plural, doppelt falsch also, wenn er als Singular verwendet wird!), die Paprika (in allen Größen-, Farb- und Schärfevarianten mit den Bezeichnungen ‹Chili›, ‹Spanischer Pfeffer›, ‹Peperoni›, ‹Peperoncini›) ist auch die Tomate ein Nachtschattengewächs (Solanaceae). Wie die andern eben aufgezählten Pflanzen stammt auch die Tomate mitsamt ihrem Namen aus dem präkolumbischen Amerika: Tomaten wurden von den Maya und anderen Völkern seit 200 v. Chr. kultiviert. Der ursprüngliche Name der Frucht war ‹xītomatl›, was Nahuatl ist und ‹Nabel des dicken Wassers› bedeutet; bereits zur Zeit der spanischen Invasion war jedoch die übliche Bezeichnung auch bei den Azteken nur ‹tomatl› (dickes Wasser). In einigen Teilen Mexikos hat sich die ursprüngliche Bezeichnung als ‹jitomate› erhalten.

Sprachlich scheint die Angelegenheit also viel einfacher, als wir bei der Kartoffel festgestellt haben: Englisch ‹tomato›, Spanisch und Portugiesisch ‹tomate›, Katalanisch ‹tomàquet›, Albanisch ‹domate›, Isländisch ‹tómatur›, Estnisch ‹tomat›, Neugriechisch ‹ντομάτα› (domáta), Türkisch ‹domates›, Arabisch طماطم (tamatim), Niederländisch ‹tomaat›, sogar Finnisch ‹tomaatti› und Baskisch ‹tomatea› haben die alte Nahuatl-Bezeichnung nur leicht abgeändert!

Aber ganz so einfach ist die Sache doch nicht! Hebräisch ‹עגבנייה› (agvanya) geht einen ganz eigenen Weg. — Slowenisch ‹paradižnik›, Serbisch ‹парадајз› (paradajz) und Ungarisch ‹paradicsom› sind von der österreichischen, während der kaiserlich-königlichen Zeit üblichen Variante ‹Paradeiser› übernommen.

Interessant wird es aber jetzt: Ukrainisch ‹помідор› und Russisch ‹помидор› (pomidor), Weißrussisch ‹памідор› (pamidor), Polnisch ‹pomidor›, Litauisch ‹pomidoras›, Georgisch ‹p’omidori›, Azerisch und Usbekisch ‹pomidor›…, was ganz offensichtlich vom Italienischen ‹pomodoro› übernommen ist. Und die Erklärung dafür liegt in der Geschichte der Nutzung und der Ausbreitung der Pflanze.

Anders als die Kartoffel, die Avocado, die Chili-Sorten war die Tomaten-Pflanze im präkolumbischen Amerika nicht sehr bedeutend. Nach Europa wurde sie bloß als Zierpflanze importiert und ausschließlich als solche verwendet. Erst im 16. Jahrhundert begann man in Italien die Früchte zu essen und die Pflanzen zu züchten. Die Früchte wurden mit der Zeit größer, süßer, fleischiger… und rot! Ja, denn ursprünglich war die Tomate goldgelb, wie der Name ‹pomo d’oro› (goldene Frucht) verrät. — Im 17. Jahrhundert aber erfand man in kurzer Zeit an der tyrrhenischen Küste Italiens und in Sizilien eine große Zahl an Speisen, die aus Tomaten oder mit Tomaten zubereitet wurden und die man ‹alla spagnola› (nach spanischer Art) nannte, obwohl die spanische Küche wie die Küche ganz Europas lange von der Tomate gar nichts wissen wollte! Spanisch war eben, vor allem in Neapel, Synonym von vornehm, edel, erlesen, speziell. — Die östlichen, adriatischen italienischen Städte Venedig, Ancona, Bari hatten ihren Handelsbeziehungen mit Dalmatien, Griechenland, Kreta, Zypern, Syrien, die westlichen, tyrrhenischen hingegen vorwiegend mit den Anrainern des Schwarzen Meeres! — Es ist wohl angebracht hier daran zu erinnern, dass das berühmte Lied ‹’o sole mio› (meine Sonne) zwar vom Neapolitaner Eduardo Di Capua komponiert wurde, aber nicht die Sonne Neapels meint, sondern die Sonne von Odessa, weil Di Capua, wie Tausende von Neapolitanern, dort lebte. Neapolitanisch war noch im 19. Jahrhundert in Odessa die Sprache des Handels und der Geschäfte. Genauer gesagt, meint er im Lied sowohl die Sonne Neapels als auch jene von Odessa, denn er unterstreicht, dass es dieselbe Sonne ist und dass es nicht wichtig ist, ab sie nun in Odessa oder in Neapel scheint. — Zurück zu den Tomaten! Während ganz Europa die Frucht mit Argwohn ablehnte, hatte sie in der Ukraine einen unglaublichen Erfolg! Sie wurde sofort mitsamt dem italienischen Namen übernommen, angepflanzt, gezüchtet, und binnen weniger Jahrzehnte belieferte die Ukraine nicht bloß die unmittelbaren Nachbarländer mit Tomaten, sondern den gesamten slawischen und baltischen Raum.

Ein paar Worte noch zu ‹’o sole mio›: Das ‹’o› im Titel und in der dritten Verszeile ist keine Interjektion, sondern der männliche Artikel in der Einzahl! Also ganz schlicht und einfach: ‹Meine Sonne› und nicht ‹ach, schmacht, oh, ohoho, du Sonne da oben›! Es ist auch überhaupt kein pathetischer, sondern ein sehr tiefsinniger philosophischer Text, der sich mit der subjektiven Verzerrung einer unveränderlichen Realität aus der Betrachtung durch verschiedene Standpunkte auseinandersetzt.

Nummer 100:

Wespen und Bienen sind eng miteinander verwandt und gehören zur Gruppe der Hautflügler (Hymenoptera). Das wird niemanden erstaunen, denn es entspricht ziemlich genau der Annahme, die man ohnehin trifft, wenn man, wie ich, sich in Biologie im Allgemeinen und in Entomologie im Speziellen nur wenig auskennt. Wir Insektenunkundige haben zudem die Vorstellung, dass Bienen und Wespen sich im Wesentlichen dadurch unterscheiden, dass die Ersten produktiv sind, arbeiten, Honig liefern, und die Zweiten bloß zu ihrem Vergnügen (und gelegentlich zu unserem Ärger) herumfliegen.

Aber die Geschichte, die ich heute erzählen will, handelt zwar von flinken Wespen und arbeitsamen Bienen, jedoch nicht von Insekten. Und weil sich diese Geschichte ausnimmt wie ein Märchen, will ich sie auch so erzählen.

Es war einmal vor gar nicht allzu langer Zeit in einem nicht sehr fernen Land ein hübscher kleiner mechanischer Betrieb, der allerlei schöne und nützliche Maschinen herstellte, die den Bauern das Bestellen der Felder und den Städtern manche andere Arbeit leichter machten. Nun gab es in jenem Land nicht bloß Kluge. Viele sehnten sich nach weniger Gerechtigkeit, nach weniger Schönheit, nach mehr Gewalt, nach weniger Frieden und danach, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer würden. So begann man zum Krieg zu rüsten und bald konnten sich weder die Bauern noch die Städter die Maschinen des hübschen kleinen Betriebs mehr leisten. Der kleine Betrieb, der sich selbst und den man weit herum Piaggio nannte, begann Kampfflugzeuge, Truppentransporter und anderes Kriegsgerät zu bauen und wurde schnell reich, groß und mächtig. Es begab sich aber zu jener Zeit, dass in fast allen Ländern dieselbe Zukunftsvision vorherrschte, und bald taten die Myriaden an Kriegsmaschinen das, wofür sie gebaut worden waren: Sie brachten Tod und Verheerung und legten den Kontinent in Schutt und Asche.

Niemand hatte nunmehr das Geld noch den Wunsch, Piaggio irgendwelche Vernichtungsmaschinen abzukaufen. Und dennoch: auch wenn das Geld der Leute nun für fast nichts mehr ausreichte, wollte man doch endlich wieder arbeiten und sich wieder bewegen. — Abermals passten Piaggios kluge Ingenieure (mit Bedacht nicht gegendert, denn ihr Sexus ließ damals nur ein Genus zu) ihr Angebot der neuen Nachfrage an. In kurzer Zeit (1946 und 1948) erfanden sie zwei günstige Fahrzeuge, die dem neuen Bedürfnis gerecht wurden: Aus den Werkteilen, die einst zu Flugzeugen und zu Schnellbooten hätten zusammengebaut werden sollen, stellte man zunächst ein robustes, wendiges zweirädriges Motorrad her, das kaum der Pflege bedurfte, einfach zu fahren war und auf das man leicht aufsteigen konnte, und anderthalb Jahre später, mit demselben kleinen Motor, eine Art dreirädrigen Kleinstlastwagen. Den eben erfundenen Roller nannte man ‹Wespe›, weil er bloß zum vergnüglichen Herumschwirren diente, und das dreirädrige Gefährt, mit dem man Gemüse zum Markt, Kacheln auf die Baustelle, Müll zur Deponie oder Getränkekisten zur Pizzeria fahren konnte, nannte man ‹Biene›. Und weil sich das Ganze in Italien zugetragen hatte, sagte man statt ‹Wespe› und ‹Biene› halt ‹Vespa› und ‹Ape›, was dasselbe bedeutet.