Anthropie und Entropie

Alberigo Tuccillo Philosophie

Den Titel dieses Beitrags habe ich zugegebenermaßen dem Kalauern zuliebe gewählt, aber ich hätte es nicht getan, wenn er etwas anderes sagen würde, als ich meine. — Trotzdem muss ich fairerweise, bevor ich beginne, meinen eigentlichen Gedanken niederzuschreiben, die Begriffe erklären, die nicht allgemein geläufig sind:

Entropie ist ein Maß für die Unordnung. Je größer die Unordnung, desto höher ist die Entropie. Also: Das Arbeitszimmer meiner Frau — wo der Schreibtisch frei und in seiner eigentlichen Funktion sofort benutzbar ist, die Bleistifte gespitzt, sortiert und parallel ausgerichtet und alle Belege in einschlägigen und säuberlich beschrifteten Ordnern abgelegt sind, die konsultierten Nachschlagewerke nach ihrer Verwendung sofort an die ihnen zugedachte Stelle im Bücherregal zurückfinden und von der Kaffeetasse, die sich selbstverständlich schon im Geschirrspüler befindet, kein fahler brauner Ring mehr verrät, dass da überhaupt Kaffee getrunken worden ist — weist eine sehr geringe Entropie auf.

Die Zimmer meiner Söhne hingegen — wo die einzelnen Socken ungepaart, ob getragen oder frisch gewaschen, genauso wie die Bücher, die Vorlesungsnotizen, die Mahnungen der Telefonrechnungen, Taschen und Taschentücher, die leeren Bierdosen, Schreibutensilien, Schreibunterlagen und die Kartoffelchips-Tüten eine homogene, völlig gleichmäßige und zufällige räumliche Verteilung anstreben — weisen eine so hohe Entropie auf, dass sie allein vom Chaos übertroffen wird, das ich selbst weit über mein Arbeitszimmer hinaus auf mein gesamtes Leben ausdehne.

Die Thermodynamik, die Sparte der Physik, die sich unter anderem mit der Entropie beschäftigt, hat den Begriff allerdings nicht geprägt, um meinen ehebelastenden Hang zur Unordnung zu monieren. Die Thermodynamik besagt, dass in einem beliebigen abgeschlossenen System die Entropie immer zunimmt. Das heißt: Eine Energieform mit geringer Entropie wie beispielsweise die elektrische Energie kann ganz einfach in Wärmeenergie, die unter den Energieformen die höchste Entropie aufweist, umgewandelt werden — Kochplatte einschalten, und schon wird die Pfanne mit der Suppe heiß. Aber umgekehrt geht es nicht! Wenn ich aus Wärme elektrische Energie machen will, muss ich gleichzeitig mit etwas Heißem etwas Kaltes aufheizen, sodass ich am Ende und gesamthaft noch mehr Wärme erzeugt, mithin die gesamte Entropie erhöht habe.

Anthropie ist etwas ganz anderes: ἄνθρωπος (ánthrōpos) ist Altgriechisch und bedeutet ‹Mensch›. Es ist noch vorauszuschicken, dass auf Deutsch zwar das Adjektiv ‹anthropisch› verwendet wird, das Nomen ‹Anthropie› hingegen (noch) nicht existiert. Das habe ich, dem Kalauer und meiner Eitelkeit zuliebe, aus dem Französischen, Englischen und Italienischen übernommen und unverfroren eingedeutscht. Unter Anthropie verstehe ich und werden bald alle verstehen, was im westlichen Denken seit der Antike vorherrscht, nämlich die Überzeugung, dass die Entstehung von allem Seienden und Werdenden letztlich von Anfang an kein anderes Ziel hatte, als den Menschen hervorzubringen. Ich sage ‹vorherrscht›, weil man, um ganz ehrlich zu sein, zugeben muss, dass es zu jeder Zeit ein paar wenige Denker gab, die den Menschen nicht als die Krone der Schöpfung und nicht als das finale Ziel jeder Entwicklung angesehen haben. Und nicht alle diese Denker sind auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Einige sind auf weniger dramatische Weise der Vergessenheit überantwortet worden.

Wer sich noch nicht gelangweilt verabschiedet hat, wird sich nun aber fragen, wie ich schließlich die Anthropie und die Entropie, die scheinbar wenig oder gar nichts miteinander zu tun haben, zusammenbringen will. — Ich komme gleich zum Kern:

Wenn wir uns bloß unseren Planeten (nicht das Universum!) vor dem Anthropozän betrachten, ihn uns folglich ohne den Menschen vorstellen, dann sehen wir Systeme, die eher meinem Arbeitszimmer gleichen als jenem meiner Frau: Wälder, in denen es verstreut große und kleine Bäume gibt, Koniferen und Laubbäume, Unterholz, Farne, Büsche, Pilze, Moose, Flechten, Reduzenten, Raubtiere, Beutetiere, Insekten, Spinnen, Würmer, Asseln, Vögel, emsige Nestbauer und fiese Nesträuber, schrecklich Grausames und rührend Solidarisches. Ähnlich in den Ozeanen: Plankton, Algen, Korallen, Anemonen, Quallen, Fische, Krabben, Kalmare, Kraken, Muscheln, Reptilien, Meeressäuger… alles verteilt wie im Zimmer meiner Jungs.

Natürlich ist der einzelne Baum, der Fischschwarm, das Korallenriff, jedes einzelne kleine und jedes einzelne große Ökosystem für sich betrachtet nicht bloß scheinbar eine Herabsetzung der Entropie, aber gesamthaft, bekommt die ganze Biosphäre und der Planet niedere Entropie von der Sonne, wandelt durch Photosynthese unter Verwendung von Licht CO2 und Wasser in Zucker um, baut aus diesem vornehmlich Zellulose, aber auch viele andere Substanzen als Bau- und Brennstoff für sich selbst und als Nahrung für andere Wesen, und die dadurch entstandene überschüssige Energie mit hoher Entropie strahlt der Planet dann ins Weltall ab.

Der Mensch erst begann in diesem Durcheinander Ordnung zu schaffen: Er beschloss, dass auf den immer größer und geordneter werdenden Weizen-, Mais- oder Reisfeldern keine ‹Schädlinge› gedeihen sollten und dass Bohnen, Blumen, Zwiebeln, Eichen, Raben, Schlangen, Käfer, Wildschweine und Schnecken da genauso wenig zu suchen hatten, wie ein Kartoffelacker mitten in der Stadt. Wohnraum und Produktionsraum sollten geordnet und voneinander abgegrenzt sein wie Sojaplantage und Indianerreservat, wie Fußballfeld und Legebatterie, wie Bahnhof und Schweinemast, wie Ozeaneum und Wintersportanlage, wie die Aufgliederung des gesamten Globus in souveräne Staaten, deren Grenzen nicht aufgrund von botanischen, geologischen, klimatischen, meteorologischen, zoologischen, schon gar nicht von aleatorischen Kriterien gezogen sind, sondern allein aufgrund der in einem bestimmten Gebiet herrschenden und vorherrschenden menschlichen, kulturellen, religiösen, politischen, wirtschaftlichen oder militärischen Kräfte.

Die Anthropie hat aufgeräumt! Indien, Portugal, Uruguay, Mongolei, Sonnenblumenfeld, Großstadt, Militärsperrzone, Naherholungsbereich, Weideland, Flughafen, Forschungsgelände, Strandhotel, Industrieareal, Bahn-, Schlacht- und Friedhof… alles säuberlich getrennt. Die Anthropie hat endlich Ordnung gebracht, endlich die Entropie gesenkt.

Bloß: Ob die Anthropie wirklich den Sinn des Kosmos beschreibt, bleibt ungewiss, dass die Zunahme der Entropie indessen ein Naturgesetz ist, ist kaum zu bezweifeln. Und unbestritten ist denn auch, dass folglich diese menschliche und menschengefällige Ordnung nur zum Preis einer viel höheren, größeren und mächtigeren Unordnung erzielt werden konnte, deren sich zu entledigen, der Erdball nicht mehr schafft. Daher scheint es mir auch legitim zu sein, die Frage aufzuwerfen — ohne Teufel an die Wand malen zu wollen —, ob die Entropie auf dem Planeten nicht dabei ist, die Anthropie zu ignorieren und sich ihre alte thermodynamische Zustandsgröße, ihre alte Weise der Unordnung — der vermeintlichen Krone der Schöpfung zum Trotz — zurückzuholen.

Ich möchte betonen, dass dieser Gedanke keine Ausrede sein soll, um mein Arbeitszimmer nicht endlich aufzuräumen.