Apollo und Artemis

Alberigo TuccilloGeschichte, Gesellschaft, Sprache, Vermischtes Schreibe einen Kommentar

Vierundfünfzig Jahre nach Apollo 17 fliegen mit Artemis 2 zum ersten Mal wieder Menschen zum Mond. Über die Unterschiede zwischen den beiden Raumfahrtprogrammen, über die Kosten, die Ingenieursleistungen, über den wissenschaftlichen Wert und die Bedeutung, über die Risiken für die Besatzung, über die Belastung der Umwelt, über das wirtschaftliche Interesse, über die Zusammenarbeit mehrerer Länder und weitere interessante Themen äußern sich zurzeit meistens kluge, zum Teil aber auch weniger kluge Köpfe in allen Medien. Da ich es in den aufgezählten Themenbereichen nicht einmal mit den weniger Klugen aufnehmen kann, maße ich mir gar nicht erst an, auch meinen Senf noch dazu zu geben. Ich beschränke meine Überlegungen zu den aktuellen historischen Ereignissen ausschließlich auf den zugegebenermaßen spitzfindigen sprachlichen und sprachgeschichtlichen Aspekt.

Zunächst muss ich gestehen, dass es mich sehr freut, dass man nach dem Gott Apollo für das alte Raumfahrtprogramm nun für das neue eine Göttin gewählt hat.

Die NASA hat in der Vergangenheit Frauen, die für die Raumfahrt Herausragendes geleistet haben, nie gebührend gewürdigt. Unter diesen exzellenten Frauen waren: Katherine Johnson, eine brillante Mathematikerin, deren Berechnungen entscheidend für die Flugbahnen von Missionen wie Apollo 11 waren. — Trotz ihrer Schlüsselrolle blieb sie jahrzehntelang weitgehend unbekannt, auch wegen Rassentrennung und Geschlechterdiskriminierung. Erst spät wurde sie mit der Presidential Medal of Freedom geehrt. — Dorothy Vaughan war Leiterin einer Gruppe afroamerikanischer Mathematikerinnen, die man ‹Human Computers› nannte. Sie brachte sich selbst das Programmieren bei, um ihre Kolleginnen in die Computer-Ära zu führen. Ihre Führungsleistung wurde lange nicht und auch später zu wenig gewürdigt. — Mary Jackson war die erste afroamerikanische Ingenieurin der NASA. Sie musste vor Gericht kämpfen, um überhaupt die nötigen Kurse besuchen zu dürfen. Ihre Beiträge zur Aerodynamik wurden erst posthum anerkannt. — Christine Darden war Expertin für Überschallflug und Überschallknall. Sie musste jahrelang unterhalb ihrer eigentlichen Qualifikation arbeiten, bevor sie endlich als Ingenieurin anerkannt wurde. Später wurde sie eine führende Stimme in der Forschung. Margaret Hamilton war Leiterin der Softwareentwicklung für das Apollo-Programm. Ihre Software verhinderte unter anderem während der Mondlandung ein desaströses Scheitern der Mission. Lange wurde Softwareentwicklung als weniger ‹wertvoll› angesehen — ihre Rolle wurde erst später, obwohl längst erkannt, auch endlich eingestanden. — Jerrie Cobb, hochqualifizierte Pilotin der ‹Mercury 13›, die Astronautin hätten werden können. Obwohl sie alle Tests bestand, wurde sie wegen ihres Geschlechts jedoch ausgeschlossen. — Die NASA ließ Frauen erst Jahre später offiziell als Astronautinnen zu. — Wally Funk war ebenfalls Mitglied der ‹Mercury 13›. Jahrzehntelang durfte sie nicht ins All, obwohl sie besser abschnitt als viele männliche Kandidaten. Erst 2021 flog sie schließlich mit Blue Origin ins All — im Alter von 82 Jahren!

Deshalb denke ich zunächst einmal, dass man der NASA durch die Namenswahl des neuen Mondflugprogramms wenigstens Ansatzweise einen gewissen Reifungsprozess attestieren kann.

Ein glückliches Händchen hatten die Verantwortlichen für die Namenswahl auch, weil Apollo und Artemis göttliche Zwillinge waren, so wie die beiden Raumfahrtprogramme gleichsam Zwillinge sind.

‹Ἄρτεμις› [Ártemis] und ‹Ἀπόλλων› [Apóllōn], sind Tochter beziehungsweise Sohn des Göttervaters ‹Ζεύς› [Zeús], der ungeachtet inzestuöser Bedenken mit schier allen Göttinnen des Olymps und mit einer beachtlichen Zahl irdischer, sterblicher Frauen Myriaden von Göttern und Göttinnen, Halbgöttern und Halbgöttinnen zeugte, und der ‹Λητώ› [Lētṓ], die in der griechischen Mythologie eine untergeordnete Rolle spielt. Artemis ist die die Göttin der Jagd, der wilden Tiere, der Jungfräulichkeit (?!?), des Waldes, der Geburt (?!?) und des Mondes sowie die Hüterin der Frauen und Kinder. Wie man Jungfräulichkeit und Geburt unter einen Hut bringen kann, bleibt mir trotz (oder vielleicht gerade wegen) meiner ziemlich penetranten katholischen Erziehung schleierhaft.

Schön an dieser Namenswahl durch die amerikanische Raumfahrtbehörde ist auch, dass die bekanntesten Attribute der Artemis sind: der silberne Pfeilbogen, der auch die Mondsichel (!) symbolisiert, und die silbernen Pfeile, die ihr von den einäugigen Riesen, den Zyklopen, geschenkt wurden.

Alles in allem erteile ich der NASA für ‹Artemis› eine gute, wenngleich nicht herausragende Note; im deutschen Notensystem eine 2, im schweizerischen eine 5, im italienischen eine 7+ — mit ermutigendem Wohlwollen.

Was gibt es denn da zu beanstanden? — Nun, es ist ein nicht motivierter und völlig unnötiger Bruch mit einer Gepflogenheit. Die Namen der Astronomie sind mehrheitlich der römischen und nicht der griechischen Mythologie entlehnt! — Die Planeten sind Merkur und nicht Hermes, Venus und nicht Aphrodite, Mars und nicht Ares, Jupiter und nicht Zeus, Saturn und nicht Kronos, Uranus und nicht Uranos, Neptun und nicht Poseidon.

Nun könnte man einwenden (was bereits geschehen ist), dass ein Raumfahrtprogramm kein Planet ist und dass auf Englisch sowohl der lateinische Apollo als auch der griechische Apollon als ‹Apollo› bezeichnet werden!

Ein scharfsinniger Einwand! Die NASA könnte also mit ‹Apollo› Apollon gemeint und sich bereits damals dafür entschieden haben, zur Abwechslung in der griechischen statt in der römischen Mythologie gewühlt zu haben. Eigentlich legitim. Doch so scharfsinnig dieses Verteidigungsplädoyer im ersten Moment erscheinen mag, so schnell bröckelt es unter der Replik der linguistischen Anklage! Das Vorläufer-Programm zu den Raumfahrtmissionen ‹Apollo› hieß ‹Mercury›, nicht ‹Hermes›. Es ist folglich klar, dass man sich damals noch an der römisch-lateinischen und nicht an der griechischen Mythologie orientierte.

Die Zwillingsschwester des Apollon heißt tatsächlich Artemis, aber die Schwester des Apollo heißt Diana!

Um die Beckmesserei auf die Spitze zu treiben: Die korrekte deutsche Aussprache ist [Orìon] und nicht [Órion].

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