Apologie der scheinbaren Nutzlosigkeit

Alberigo Tuccillo Gesellschaft, Philosophie, Sprache, Wissenschaft Leave a Comment

Wozu betreibt man überhaupt Sprachforschung? Ist es nicht ein unnötiger Luxus, um nicht zu sagen eine Geld- und Energieverschwendung, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dafür zu bezahlen, dass sie ausgestorbene Sprachen rekonstruieren, Etymologien erklären, Verwandtschaften zwischen Sprachen und Sprachfamilien aufzeigen und uns auf eigentlich harmlose Irrtümer beim Verwenden unserer Sprache hinweisen? Wäre es nicht viel sinnvoller, sich um aktuelle und viel dringendere Probleme zu kümmern, statt um die Sprachen der Protoindoeuropäer, der Semiten, der Etrusker, der Germanen, der Protobaltoslawen und der präkolumbianischen Völker? — Einige werden sich sagen: «Es ist ja ganz nett zu erfahren, was ein Kerbholz ist oder vielmehr war. Aber dass weltweit fast an jeder Universität Linguistinnen und Linguisten beschäftigt sind, die im Vergleich zu den Forschenden in den Naturwissenschaften zwar miserabel bezahlt werden, aber durch ihre große Zahl halt trotzdem Unsummen kosten, ist etwas, was sich die Gesellschaft nicht leisten sollte.»

Im ersten Moment scheint diese Kritik, die nicht bloß an der Linguistik, sondern an vielen anderen vermeintlich nutzlosen Wissenschaften wie an der Paläontologie, an der Musikologie oder an der Planetenforschung und an der Astronomie überhaupt geübt wird, durchaus nachvollziehbar. Doch mit einigen Beispielen lässt sich aufzeigen, dass die Wissenschaften — alle! —, um wirklich nützlich zu sein, nicht auf einen bestimmten und unmittelbaren Nutzen gerichtet sein können. Die Wissenschaften sind allein dem Vorgehen verpflichtet, aus Vermutungen strenge, in sich konsistente Theorien zu entwickeln und diese dann an der Wirklichkeit zu prüfen. Bestehen sie die Prüfung nicht oder nur teilweise, müssen sie aufgegeben oder korrigiert werden. — Ob und wann sich damit wie viel Geld verdienen lässt, gehört nicht zum Wesen der Wissenschaft. Einen pekuniären Nutzen wirft eine wissenschaftliche Erkenntnis meistens erst viel, oft sehr viel später, völlig unvorhersehbar und in der Regel in einem ganz anderen Gebiet ab.

Betrachten wir ein erstes Beispiel gerade aus der Linguistik: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelang Linguistinnen und Linguisten der ganzen Welt durch eine nie zuvor gekannte Zusammenarbeit und dank des Zusammenwirkens aller Unterdisziplinen der Sprachwissenschaft eine genaue Beschreibung der globalen Migrationsflüsse der letzten 6000 Jahre. Gut dreißig Jahre später las der Genetiker der Standford University in Kalifornien, Luca Cavalli-Sforza, diese Publikationen und war von ihnen fasziniert, überwältigt und geradezu berauscht. Er nahm sich vor, was ihm denn auch gelang, diese Migrationsflüsse auch genetisch zu bestätigen. Durch Millionen von sequenzierten Genomen konnte er die Richtigkeit der sprachwissenschaftlichen Theorien beweisen. Es blieb aber nicht bei einer bloßen zusätzlichen Bestätigung einer Theorie: Seine Erkenntnisse verhalfen zwanzig Jahre später dem Paläogenetiker Svante Pääbo am Max-Planck-Institut in Leipzig zu bahnbrechenden neuen Erkenntnissen in der Anthropologie, auf die wir hier nicht näher eingehen wollen. Wichtiger (im Sinne von direkter Nützlichkeit) war, dass Cavalli-Sforza selbst durch seine eigene genetische Migrations-Kartierung fand, was er nicht gesucht hatte (erinnern wir uns an den Begriff ‹Serendipität›!): Er konnte nämlich zugleich und gleichsam nebenbei die Geschichte der globalen Ausbreitung gewisser viraler Krankheiten rekonstruieren und prägte den Begriff der Zoonose (Zoonosen sind Infektionskrankheiten, die durch Mutation eines Erregers auf eine andere Spezies überspringen — beispielsweise von Fledermäusen auf Menschen).

Ein zweites Bespiel; eines aus der Philosophie: Der schottische Mönch und Philosoph Johannes Duns Scotus entwickelte Ende 13. Jahrhundert die Modallogik. Um was genau es sich dabei handelt, muss für unsere Frage, der wir hier nachgehen, nicht erläutert werden. Wissen soll man bloß Folgendes: Das System war hochkompliziert und eigentlich nichts als Denksport; im Grunde völlig nutzlos. Fast 700 Jahre lang. Bis der geniale englische Mathematiker Alan Turing die Modallogik Duns Scotusʼ dazu verwenden konnte, eine neue Wissenschaft, nämlich die Informatik, zu begründen. Darüber hinaus waren für Turing die Werke und die formalen Erkenntnisse des mittelalterlichen Mönchs von außerordentlichem Nutzen beim Knacken der ‹Enigma›, der Rotor-Chiffriermaschine, mit der die Nazis geheime verschlüsselte Botschaften austauschten. Dies trug maßgeblich dazu bei, das tausendjährige Reich auf zwölf Jahre zu begrenzen, was wohl kein geistig halbwegs gesunder Mensch beklagen wird.

Ein letztes Beispiel: Friedrich Gauß und sein Schüler Bernhard Riemann entwickelten Anfang des 19. Jahrhunderts die Differenzialgeometrie gekrümmter Räume. Vereinfacht gesagt ging es darum, wie die Mathematik aussehen würde, wenn der Raum neben Höhe, Breite und Tiefe weitere Dimensionen hätte. Da wir nun nicht bloß wissen, sondern mit allen unseren Sinnen in jedem Augenblick unseres Lebens wahrnehmen, dass der Raum dreidimensional und nicht vier- oder noch mehrdimensional ist, war diese skurrile Mathematik nicht einmal, wie Scotusʼ Modallogik, ein Denksport für gelangweilte Intellektuelle, sondern war weder darstellbar, noch irgendwie in der kühnsten Fantasie vorstellbar. So wurde sie fast hundert Jahre lang selbst von vielen Gelehrten als intellektuelle Onanie oder als unnütze neuronale Liegestütz verspottet, bis Albert Einstein die Relativitätstheorie und Max Plack die Quantentheorie entwickelten und in der verunglimpften Mathematik das bis in die geringsten Details widerspruchsfreie System fanden, um die neue Physik zu beschreiben. — Und ohne die moderne Physik könntet ihr diese Zeilen jetzt gar nicht lesen, denn es gäbe keine Computer, so wie es keine Satelliten, kein Internet, keine Tomographie, keine Radiotherapie, keine Computer unterstützte Chirurgie, keine Laser, keine LED-Beleuchtung, keine CD, keine DVD, keine GPS-Navigation, keine Autopilot-Landungen, keine Abstimmung von elektrischen Netzwerken und keinen interkontinentalen Informationsaustausch in Echtzeit… und so vieles mehr, was aus unserem Alltag nicht wegzudenken ist.

Das sind nur drei von unzähligen Beispielen, die zeigen, dass man Unvorstellbares nur finden kann, wenn man davon nicht von vornherein eine Vorstellung hat, und dass es vornehmliche Aufgabe der Wissenschaft ist, an unseren vermeintlichen Gewissheiten zu rütteln, das bloß scheinbar Selbstverständliche in Frage zu stellen und wenn nötig aufzugeben. Und selbstverständlich gewinnt die Wissenschaft stets neue Ungewissheiten, neue Fragen, indem sie alte Irrtümer zertrümmert, aber letztlich ist es, was unsere Spezies auszeichnet, auch wenn viele noch der festen Überzeugung sind, dass wir alles Wesentliche schon wissen und im Grunde immer schon gewusst haben.

Um den Bogen zu schließen, zur Linguistik zurückzukehren, für sie eine weitere Lanze zu brechen und auf einige ihrer Anwendungen in unserem Alltag hinzuweisen, sei daran erinnert, dass die Spracherkennung unseres Textverarbeitungssystems, die automatischen Übersetzungen, die Stimmerkennung von Siri und Alexa, die OCR-Systeme (Optische Zeichen- und Texterkennung) bis hin zu ihrer Verwendung für Sicherheitssysteme, für die Medizin und für die Kriminalistik allesamt auf linguistischen Erkenntnissen fußen, die um Jahrzehnte, zum Teil sogar um Jahrhunderte älter sind als die rudimentären Vorfahren der Geräte, auf denen sie dereinst zur Anwendung kommen würden.

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