Wer ‹auf großem Fuß lebt›, ist sehr reich, kann und wird meistens auch mit Geld verschwenderisch umgehen und seinen Reichtum gern zur Schau stellen. Man kennt die Wendung. Doch woher kommt sie, wann und wo ist sie entstanden?
Die fantasievoll ausgeschmückte Erklärung, die dazu meistens abgegeben wird, ist nicht falsch, aber sie unterschlägt, dass es für einige Schritte in der vermuteten Geschichte keine Belege gibt, dass also die Sache auch anders gelaufen sein könnte — und meiner Meinung nach auch tatsächlich anders gelaufen sein wird —, als man oft arglos für bare Münze nimmt.
Ich geben hier zuerst die Erklärung wieder, die üblicherweise angegeben wird, und in einem zweiten Schritt äußere ich meine Kritik an dieser Version:
Im Mittelalter gab es einen Grafen von Anjou, der ein sehr reicher und höchst angesehener Mann war. Allerdings hatte er ein Problem: eine hässliche, dicke Geschwulst am Fuß. Deshalb passten ihm die vornehmen Schuhe der damaligen Zeit nicht. Er beauftragte kurzerhand einen Schuster, ihm große, schnabelförmige Schuhe anzufertigen. Darin konnte er seine riesigen Füße wunderbar verstecken. Da der Graf von Anjou ein bekannter und geehrter Mann war, schenkten seine Mitbürger der neuen Mode ihre volle Aufmerksamkeit und wollten ebenso lange Schuhe haben wie er. Doch nur die reichen Leute konnten sich die großen Treter leisten und somit auf großem Fuß leben.
«Im Mittelalter gab es einen Grafen…» tönt wie «Vor langer, langer Zeit gab es in einem fernen, fernen Land einen König und eine Königin, die…» — der Anfang eines Märchens, was es letztlich auch ist. Das Mittelalter ist die Zeitspanne, die ungefähr vom Jahr 500 bis ungefähr zum Jahr 1500 geht, in der unzählige Staaten, Staatsformen, Sprachen, Techniken, Erfindungen, Bräuche, Moden, Lebensweisen, Bündnisse, Feindschaften entstehen und vergehen. Als linguistische Datierung ist die Angabe ‹im Mittelalter›, nachsichtig ausgedrückt, unbrauchbar.
Richtig ist, dass es nicht einen Grafen von Anjou gab, sondern eine ganze Dynastie, die vom 8. und 9. bis zum 13. Jahrhundert in verschiedenen Ländern und verschiedenen Sprachräumen — und zu verschiedenen Zeiten herrschten: in der Bretagne, in England, im Reich der Franken, in der Provence, in Sizilien und in Neapel. (In Italien hießen sie Angiò.)
Es wird nirgendwo erwähnt, welcher Graf von Anjou genau einen so hässlichen dicken Fuß — in einigen Darstellungen sind es sogar beide Füße — gehabt haben soll, geschweige den sonderbaren Auftrag an einen Schuster, dafür ein spezielles Schuhwerk zu erschaffen. Zudem wird auch die mysteriöse Fußschwellung in keinem bekannten Dokument erwähnt, außer in den Texten, welche genau diese Wendung erklären wollen. Es ist also nicht auszuschließen, dass erst das Bedürfnis, die Wendung zu erklären, den adeligen Fuß Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte nach dessen Tod hat schwellen lassen.
Was stimmt, ist, dass Schnabelschuhe, so genannte ‹Poulaines › — im mittelaterlichen Latein ‹Calcei rostrati›, von ‹rostrum› (Schweif, Schwanz) —, in denen man kaum laufen konnte, vom 12. bis zum 14. Jahrhundert vor allem in England und Frankreich hoch in Mode waren, bis sie im 14. Jahrhundert von Königen und Päpsten verboten wurden. Da das kuriose, unpraktische und äußerst unbequeme Schuhwerk fast ausschließlich von reichen Adeligen getragen wurde, scheint es wahrscheinlicher, dass die Wendung ‹auf großem Fuß leben› einfach meint ‹leben wie ein reicher Mensch›, mit oder ohne Ödem.
Eine weitere allgemein bekannte Wendung, die aus der Zeit um das 12. oder 13. Jahrhundert stammt, mit Schuhen zu tun hat und meines Erachtens oft in nicht überzeugender Weise erklärt wird, ist: ‹zwei Paar Schuhe›, was bedeutet: zwei verschiedene Dinge oder Sachverhalte, die nicht gleichgesetzt oder sogar verwechselt werden sollen. Oft wird gesagt, dass die Wendung meint, der linke Schuh passe nicht auf den rechten Fuß und umgekehrt. Doch um diesen Umstand zu unterstreichen würde ein Paar genügen! Aber die Wendung spricht immer von zwei, manchmal sogar explizit von zwei verschiedenen Paar Schuhen! Auch auf Italienisch gibt es die Wendung und auch da sind es ‹due paia di scarpe› oder ‹due paia di maniche› (zwei Paar Ärmel)! — Daher scheint mir die Erklärung überzeugender, dass Füße sich nur in ihren eigenen Schuhen wohl fühlen, vor allem wenn diese bereits längere Zeit getragen worden sind. Wie verheerend es sein kann, Füße in Schuhe zu zwingen, die nicht für sie passend sind, wissen wir doch bereits aus Aschenputtel.
Abschließend nehmen wir eine letzte Problematik unter die Lupe, die nicht mit Wendungen, aber doch mit Semiotik und Schuhen zu tun hat! — Jeder und jede von uns kennt die eigene Schuhnummer wie das Geburtsdatum oder die Telefonnummer. Wenn man mich im Schuhladen fragt: «Welche Nummer?» kommt sofort die Antwort «42». — Aber 42 was? Zentimeter? Milliliter? Gramm? Watt? Äpfel? Euro? Was ist die Einheit?
Nun, sinnvoll wäre natürlich nur eine Längeneinheit. Aber Zentimeter können es nicht sein, denn ein 42 cm langer Schuh wäre wohl selbst für den Grafen von Anjou etwas zu groß. Inches, Zoll, können erst recht nicht damit gemeint sein. Und welche anderen Längenmaße gibt es denn noch?
Ich werfe die Frage gar nicht erst auf. Entweder weiß man es oder man weiß es nicht. Mit Grübeln und Sinnieren kommt man nicht dahinter! Es handelt sich um eine exklusiv für die Schuhindustrie erfundene und eingeführte Maßeinheit: ‹⅔ cm›!
Die Nummer 42 bedeutet: 42 mal ⅔ cm, also 28 cm. Dies ist die Länge meines Schuhs. Mein Fuß muss ja darin Platz haben; um zu wissen, wie lang mein Fuß ist, muss ich noch etwa 1.5 cm abziehen, also 26.5 cm. — Ich hab’s nachgemessen. Bei mir stimmt es.
Eine Frau, die, sagen wir, 36 trägt, hat 22.5 cm lange Füße, und die Füße eines Hünen, der 47 trägt, sind 31⅓ cm lang. — Die Maßeinheit wurde zuerst in Frankreich eingeführt, weil Zentimeter eine zu grobe Einheit waren und die Schuster mit halben oder Drittel Zentimetern rechnen mussten. Da haben sie sich gesagt: «Statt immerzu Dezimalstellen anzugeben, führen wir die Genauigkeit durch kürzere Einheiten ein.»

