Beifall und Opferlamm

Alberigo TuccilloSprache 2 Kommentare

Das Wort ‹Ovation› für ‹Huldigung, Beifall› hat in der deutschen Standardsprache, obwohl es bereits im 16. Jahrhundert aus dem Lateinischen entlehnt wurde, weder beständig Fuß gefasst noch rege Anwendung gefunden. Wenn es in seltenen Fällen doch einmal in einen Zeitungsbericht einfließt — etwa, wenn über die ein ganzes Lebenswerk würdigende Publikumsreaktion berichtet wird, mit der nach dem Abschiedskonzert eine überragende Pianistin oder ein außerordentlicher Dirigent gefeiert wird —, zieht es die oder der Schreibende in der Regel vor, das Wort ‹Ovation› dadurch als sehr fremdes Fremdwort aus dem Englischen zu markieren, dass wenigstens das überdeutlich fremde Adjektiv ‹standing› vorangesetzt wird. Der ‹Ovation› will in der deutschen Sprache hartnäckig kein Asyl gewährt werden, auch wenn in andern und analogen Fällen Wörter wie ‹Operation›, ‹Portion›, ‹Ration›, ‹Aktion›, ‹Revision›, ‹Supervision› oder ‹Rotation› offenherzig einverleibt und nicht mehr als fremd empfunden wurden.

Duden schreibt dazu: «Das Substantiv wurde im 16. Jahrhundert aus Lateinisch ‹ovatio› (kleiner Triumph) entlehnt. Als ‹ovatio› wurde im kaiserlichen Rom die Heimkehr eines Feldherrn bezeichnet, wenn dieser nach einem Sieg nicht auf einem Wagen, wie beim üblichen Triumph, sondern bloß zu Pferd oder zu Fuß mit einem Myrtenkranz auf dem Kopf Einzug hielt. Dies ist eine Bildung zu Lateinisch ‹ovare› (triumphieren, siegreich Einzug halten.

Selbstverständlich stimmt, was Duden angibt, aber es ist bloß die halbe Wahrheit. Was viel mehr interessieren würde, ist, woher das Verb ‹ovare› selbst kommt, gegen das sich offenbar intuitiv Widerstand und Ablehnung regen!

Um die Sache genauer auszuleuchten, müssen wir etwas ausholen: Das Schaf (ŏvis, ovis) und allgemeiner das Nutztier (pĕcŭs, pecudis) sowie das Lamm (agnus, agni) hatten in der Antike und bis weit ins Mittelalter hinein eine Bedeutung, die uns heute nicht mehr vertraut ist. Das Lamm wurde mit anmaßender Selbstverständlichkeit mit dem durch und durch widerwärtigen (wenngleich als demütig ausgelegten) Brauch der Opfergabe assoziiert. Dass man Tiere tötet und schlachtet, um sie zu essen, kann kontrovers diskutiert werden. Der eine stellt sich auf den Standpunkt, dass wir Menschen halt omnivor sind, immer schon pflanzlicher und tierischer Nahrung bedurft haben, folglich weiterhin Nutztiere züchten, halten, mästen, schlachten und essen sollen. Die andere hingegen lehnt diese Überlegung ab und lebt vegan. Doch welche Haltung man dazu auch einnehmen mag, ein Lebewesen, ob Pflanze oder Tier, nicht zu verspeisen, sondern zu verbrennen, um irgendwelchen Göttern, von denen man nicht bloß ohne jeden vernünftigen Grund behauptet, dass sie existieren, sondern mit noch weniger Grund annimmt, dass sie sich an verbrannten Lebensmitteln erfreuen, ist pervers! (Über das Wort ‹pervers› schreibe ich demnächst auch einen Artikel.) Dass man einmal dazu überging, den Gottheiten wenigstens keine Menschen mehr, sondern “bloß” noch andere Lebewesen zu opfern und dies als Fortschritt wertete, zeigt meiner Ansicht nach deutlich, dass man intuitiv und unterbewusst den Brauch des Opferns immer schon als unsinnig empfand. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, als ich Altardiener war, und in mir der Satz in Erinnerung hochsteigt ‹Agnus Dei qui tollis peccata mundi, miserere nobis› (Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt, erbarme dich unser), schaudert es mich noch immer. — Ich komme gleich noch einmal darauf zurück.

In dem Zusammenhang kurz noch eine sprachliche Betrachtung zum Nutztier Schaf (pecus): Selbst in Zeiten des Tauschhandels hat man selbstverständlich nicht jede Handelsschuld mit Schafen beglichen, aber das Schaf war so etwas wie ein Richtwert, ein Referenzwert, mit dem man andere Beträge vergleichen und messen konnte. Man konnte beispielweise sagen: «Soundso viele Scheffel Getreide entsprechen einem Schaf und eine Kuh ist drei Schafe wert. Ich kaufe von dir eine Kuh und gebe dir also dafür dreimal soundso viele Scheffel Getreide.» Aus ‹pecus› (Nutztier, vor allem Schaf) entstand somit das Wort ‹pecunia› (Geld). Wenn also Kaiser Vespasian sagte: ‹Pecunia non olet›, meinte er nicht, dass das Schaf, sondern dass das Geld nicht stinkt. (Siehe dazu auch: https://tuccillo.ch/pecunia-non-olet/) — Aus ‹pecunia› ist auch das Adjektiv ‹pekuniär› (finanziell, Gewinn abwerfend) abgeleitet.

Und nun zurück zur ‹Ovation› (Beifall), zu ‹ovare› (applaudieren) und zum ‹ovis› (Schaf): Im Italienischen kennt man die Wörter ‹ovile› (Schafstall) und ‹ovino› (das Schaf betreffend); ‹latte ovino› ist die Schafmilch, ‹ricotta ovina› entsprechend Ricotta aus Schafmilch. — Wie kommt man nun vom Schaf zum Applaus? Es war eben in der Antike der Fall, dass man bei emotional überwältigenden, äußerst denkwürdigen Ereignissen sofort das Bedürfnis verspürte, aus schierer Freude ein Lamm zu töten und zu schlachten. So wird beispielweise in der im Lukasevangelium erzählten Parabel des verlorenen Sohnes, als der inzwischen völlig verarmte und verwahrloste junge Mann reumütig zum reichen Vater zurückkehrt, mit derselben Selbstverständlichkeit ein Lamm geschlachtet, wie wir heute vielleicht eine Flasche Prosecco entkorken würden. ‹Occidimus ovem› (wir schlachten ein Schaf) war gleichbedeutend mit ‹unsere Freude ist sehr groß›, daher ‹ovare› (huldigen, feiern, applaudiren) und ‹Ovation› (Huldigung, Beifall).

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Kommentare 2

  1. Wie immer – interessant, unterhaltsam, lehrreich und erst noch spannend! Vielen Dank dafür, lieber Alberigo!

    Ich wäre nicht ich, käme mir zum Thema nicht noch ein Witz in den Sinn…

    Frau Merian und Frau Sarasin treffen sich zu einem Kaffee im Schiesser. Dabei unterhalten sie sich wie folgt:

    Frau Merian: Sagen Sie mal, Frau Sarasin – was macht eigentlich ihr Jüngster, der Konzertpianist?
    Frau Sarasin: Oh, liebe Frau Merian, dem geht es gut und er eilt von Erfolg zu Erfolg!
    Frau Merian: Wirklich? Das ist ja fantastisch!
    Frau Sarasin: Stellen Sie sich nur vor – da hat er vor zwei Wochen ein Konzert gegeben in der voll besetzten Royal Albert Hall in London und erhielt am Schluss sogar eine stehende Ovation!
    Frau Merian: Nein sowas! Das war ihm doch sicher peinlich vor soooo vielen Leuten…!

    1. Post
      Author

      Oh, Sabina! Ich kannte den Witz nicht und er ist ohnehin köstlich, doch darüber hinaus passt er so gut zum Artikel, dass ich mir überlege, wie ich ihn für eine spätere Publikation in meinen Text einbauen könnte. — Der Beitrag würde zwar an wissenschaftlichem Ernst etwas einbüßen, aber gegen einen herzhaften Lacher hat der linguistische Rigor im Grunde wenig einzuwenden.

      Danke für die exquisite Aufheiterung!

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