Berge versetzen vom Guten zum Zucker

Alberigo TuccilloGesellschaft, Kunst und Kultur 4 Kommentare

Die erste und wohl bedeutendste mediale Revolution war die Erfindung der Schrift vor sechstausend bis viertausend Jahren. Die zweite folgte stante pede nur wenige Jahrhunderte später: die Erfindung der Alphabete. Schreiben und Lesen im großen Stil blieb jedoch noch Jahrtausende lang lediglich einer gesellschaftlichen Elite vorbehalten.

Bis 1453 oder 1455 oder sogar 1460 gab es nur wenige Leute, die überhaupt ein Buch besaßen. Bücher wurden allein in Bibliotheken von staatlichen Institutionen oder von Klöstern aufbewahrt, wurden selten ausgeliehen und in der Regel in Leseräumen der Bibliothek gelesen, studiert und daselbst manchmal auszugsweise oder vollständig abgeschrieben.

In der frühen Antike war ein Buch noch eine Menge von mehr oder weniger zusammenhängenden Textfragmenten auf verschiedenen Trägern (Tontafeln, Metallplättchen, Papyrus, Pergament…), die in einem Schrein, in einem Tonkrug oder in ein Tuch gewickelt aufbewahrt wurden. Bald setzten sich dann die Schriftrollen durch; ein langes aufgerolltes Band aus Papyrus, aus gewobenem Tuch, aus zusammengesetzten Pergamentstücken, auf dem das ganze Buch geschrieben war.

Die Schriftrollen wiesen gegenüber den losen Sammlungen in Tonkrügen oder Schatullen von zum selben Werk gehörenden Texten gewisse Vorteile auf: Sie waren bequemer zu lesen und einfacher aufzubewahren. Allerdings war es nicht leicht, in einem Stapel von Schriftrollen in einem Regal, das Buch zu finden, das man gerade suchte, denn Schriftrollen haben keinen Buchrücken, auf dem meistens der Name des Autors und der Titel des Werks steht. Um diesem Problem Abhilfe zu schaffen, hatten die Bibliothekare eine praktische Idee: Sie steckten ein dünnes Stäbchen in die Rolle und befestigten an dessen Ende einen Zettel, auf dem die wichtigsten Informationen zum Werk standen. Dieses Schildchen nannten sie ‹πρωτόκολλον› [prōtókollon] (das außen Angebrachte), aus ‹πρωτο› [prōto] (zuerst, vorne, davor) und ‹κολλον› [kollon] (angeleimt, angeheftet, angebracht). Aus dem ‹protókollon› entstand auch das heutige Wort ‹Protokoll›. (Siehe dazu auch ‹Linguistische Amuse-Bouche›, Artikel 47, Seite 131).

Wo genau das erste aus einzelnen Seiten bestehende, mit einem Buchdeckel und vor allem mit einem beschrifteten Buchrücken versehene, gebundene Buch — was wir heute im eigentlichen Sinn unter einem Buch verstehen — entstand, ist nicht bekannt, aber bereits im ersten Jahrhundert begannen im Römischen Reich, vorwiegend in der italischen Halbinsel die ersten gebundenen Werke aufzutreten. In den folgenden Jahrhunderten setzte sich die moderne Buchform vornehmlich in Klöstern nach und nach durch und Ende des fünften Jahrhunderts war die Schriftrolle bis auf die rituelle Verwendung in der Synagoge vollends verdrängt.

Nun waren die Bücher unseren heutigen schon sehr ähnlich. Man konnte leicht darin blättern, schnell eine bestimmte Stelle nachschlangen, man konnte ein Buchzeichen zwischen die Seiten legen, wenn man die Lektüre unterbrechen musste, um sie später fortzusetzen, oder man konnte einen Zettel mit Notizen und Bemerkungen an einer Stelle einfügen, auf die man einzugehen oder sich noch einmal damit beschäftigen wollte, wie wir dies heute noch tun.

Allerdings gab es noch einen unermesslich großen Unterschied zu heute! Jedes Buch musste damals Buchstaben für Buchstaben, Zeile für Zeile, Seite für Seite, von Hand, mit Feder, mit kleinem Pinsel, mit Tinte, Lack, Blattgold, mit Leidenschaft, inniger Hingabe und mit unendlicher Geduld von Skriptoren geschrieben, gezeichnet, hergestellt werden. Ein einzelnes Exemplar einer Bibel herzustellen benötigte 7500 bis 8500 Arbeitsstunden — die anschließende Arbeit des Buchbinders nicht mitgerechnet. Der Mönch, der Skriptor, der Kopist wurde zwar nicht bezahlt wie eine heutige Typografin oder ein heutiger Typograf, doch man kann sich unschwer vorstellen, dass ein Werk, an dem ein Mensch zwei oder drei Jahre lang gearbeitet hatte, einen unschätzbaren Wert besaß. Kein Bauer auf dem Land, kein Handwerker in der Stadt hätte sich so ein teures Produkt leisten können; abgesehen davon, dass sie kaum auf den Gedanken gekommen wären, so etwas anzuschaffen, denn dazu fehlten ihnen sowohl das Interesse als auch die Lateinkenntnisse.

Die mediale Revolution, die jedoch im ausgehenden Mittelalter folgte, war fast so groß wie es Tausende von Jahren zuvor die Erfindung der Buchstabenschrift gewesen war, und diese zweite Revolution spielte nun für eine weit breitere Gesellschaftsschicht eine entscheidende Rolle.

Johannes Gutenberg erfand um 1450 die ‹mobilen Lettern›: bewegliche einzelne Metall-Buchstaben und -Satzzeichen, die, zu einer ganzen Buchseite zusammengesetzt, gewissermaßen einen einzigen großen Stempel ergaben, der mit Druckerschwärze eingefärbt wurde und beliebig oft zum Bedrucken einer Seite verwendet werden konnte. Dies erlaubte eine schnelle, kostengünstige und massenhafte Vervielfältigung von Dokumenten und von ganzen Büchern. Während ein fleißiger Mönch wenige Jahre zuvor noch zwei bis drei Jahre brauchte, um ein Bibelexemplar anzufertigen, konnte ein Drucker jetzt achtzig Bibeln pro Jahr abliefern, was den Preis für ein Exemplar um weit mehr als um einen Faktor hundert reduzierte. Dazu kam, dass bereits 1466 die erste gedruckte Übersetzung von Teilen der Bibel in deutscher Sprache erschien (Mentelin-Bibel, Straßburg). 1478 folgte die erste niederländische Bibel, 1488 die erste tschechische, 1494 die erste spanische. Dass die ersten italienischen Übersetzungen erst viel später erschienen, hängt damit zusammen, dass die omnipräsente, unmittelbare Wachsamkeit der Kirche in Italien erfolgreich dafür sorgen konnte, dass die Bibel vom Volk nicht gelesen wurde, sondern ihm durch den Klerus destilliert und zurechtgebogen verabreicht wurde. Dafür aber wurden in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Italien mehr weltliche Texte, Poesie, Reiseberichte, naturkundliche, mathematische und juristische Traktate verfasst und gedruckt als irgendwo sonst auf der Welt. Italienische Bücher waren sehr beliebt und wurden in ganz Europa exportiert und gelesen, nach Wien, Paris, Madrid, London, München, Prag, Amsterdam.

Gutenberg gebührt sicher die Medaille dafür, durch seine Revolution im Buchdruck die Verbreitung von Wissen in einem nie zuvor dagewesenen Maße gefördert und explosionsartig den Beginn der Neuzeit eingeleitet zu haben! Doch wie jede Medaille hat auch diese zwei Seiten und wie jede technologische Neuerung schafft sie ebenso viele Probleme, wie sie löst. — Nicht über Nacht, aber doch binnen weniger Jahre wurden Myriaden von namenlosen, aber großartigen Künstler, die Skriptoren, beschäftigungslos. Ein Kunsthandwerk, eine Tradition von unschätzbarem Wert und von großer Bedeutung wurde unwiederbringlich ausgelöscht. Darüber hinaus darf man sich nicht der Illusion hingeben, dass von 1450 an so viele Bücher mehr gelesen wie produziert wurden. Viele, wenn nicht sogar die meisten Bücher kamen von der Binderei direkt ins Regal, verstaubten dort und wurden nie aufgeschlagen. Was sich jedoch auf die Kultur wahrscheinlich noch negativer ausgewirkt hat, ist die Leichtigkeit, mit der fortan völlig Unbedeutendes, Überflüssiges, ja sogar Verwerfliches wie ‹der Hexenhammer› gedruckt und verbreitet werden konnte. Wenn in einem Kloster des 12. Jahrhunderts ein Mönch sich anschickte, zwei Jahre lang ein Werk zu kopieren, mussten der Abt und die Glaubensbrüder bereit und gewillt sein, den Skriptor für die ganze Dauer seiner Arbeit durchzufüttern, auf seine Mitarbeit im Gemüsegarten, in der Wäscherei, in der Küche, in der Brauerei zu verzichten. Da musste das zu kopierende Werk schon ein besonderes Gewicht haben. Freilich waren die Kriterien andere als die unseren, um ein Werk als bedeutend oder unbedeutend einzustufen, doch zu eitlen Banalitäten, wie sie seit Gutenberg den Büchermarkt immer schneller und tzunamihafter überfluten, und wohl auch zu einem Artikel wie dem meinen hätte kein mittelalterlicher Abt sein Placet gegeben.

Die Digitalisierung, das Internet und die sozialen Medien sind denn vielleicht auch gar keine wirkliche mediale Revolution. Sie setzen wahrscheinlich bloß fort und verschärfen, was mit Gutenberg begonnen hat. Konnte nach Gutenberg jeder, der genug Geld besaß und sich leisten konnte, eine ganze Auflage dereinst ungelesen einstampfen zu lassen, seine Trivialitäten gedruckt und in Leinen gebunden in Umlauf zu bringen, oder es wenigsten versuchen, ist heute dank Facebook, YouTube und anderen Plattformen, die ich zu wenig kenne, nicht einmal mehr nötig, Geld zu haben.

So wenig man aber Gutenberg für den ‹Hexenhammer› zur Rechenschaft ziehen kann, so wenig liegt meiner Meinung nach die Schuld bei Facebook oder bei YouTube, wenn hemmungslos Dummes, Destruktives, Hasserfülltes, Menschenverachtendes und Selbstverachtendes gepostet wird. — Der Verantwortung für sein eigenes Denken, Handeln und Fühlen kann sich niemand entziehen — auch nach dem präpotenten Auftreten von KI, einer weiteren Revolution, nicht.

Wer achselzuckend meint: «Bin ich denn meines Bruders Hüter?», dem muss entgegnet werden: «Was denn sonst?»

Kommentare 4

    1. Post
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  1. Wieder einmal überaus interessant!
    Es zeigt auch ganz deutlich, wie der Ausspruch „es steht geschrieben“ darauf hindeutete, dass es sich dabei um die Wahrheit handeln musste. Wer sonst würde tausende Stunden darauf verwenden, etwas aufzuschreiben, das nicht der Wahrheit entsprach? Dumm ist nur, dass sich diese Vorstellung in den Gehirnen der Menschen derart festsetzte, dass auch heute noch Leute glauben, etwas müsse „stimmen“, weil es ja in der Zeitung abgedruckt wurde.

    1. Post
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      So ist es! Gewisse Ideen, die man anfänglich gar nicht sehr ernst nimmt, empfindet man als immer vertrauenswürdiger, je älter sie werden. Wenn sie dann auch noch aufgeschrieben sind und kaum mehr leserlich auf zerfallendem verschimmeltem Pergament, dann sind sie antik — und dann hält man sie für die Wahrheit, auch wenn es tausend Beweise dagegen gibt.

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