Sorge — Althochdeutsch ‹sorga›, Gotisch ‹saurga›, Mittelhochdeutsch ‹sorge› — hatte ursprünglich allein die Bedeutung, die heute noch das englische ‹sorrow› hat, nämlich ‹Kummer, Gram›. Ableitungen aus dem Wortstamm, die bedeutungsmäßig in eine weniger düstere Richtig weisen wie ‹etwas mit Sorgfalt tun›, ‹sorgfältig sein›, ‹zu etwas Sorge tragen›, ‹etwas besorgen›, ‹etwas versorgen› oder ‹mit etwas versorgen›, ‹vorsorgen› und ‹entsorgen› hatten die frühen Vorstufen der deutschen Sprache noch nicht.
Mit dem mittelhochdeutschen Adjektiv ‹sorgenvrī› (erst 13. Jahrhundert) haben wir wahrscheinlich den ältesten Beleg für das einsetzende, wenngleich zaghafte Umdenken. In ‹sorgenvrī› ist die Sorge zwar immer noch gram und kummervoll, doch der zweite Teil des Wortes, ‹vrī› (frei), bedeutet einen Ausweg, bietet Abhilfe: Man kann sich von den Sorgen auch befreien, es gibt einen Weg, sich ihrer zu entledigen.
Dennoch dauerte es noch Jahrhunderte, bevor die neue Deutung oder Gewichtung des Wortstammes die oben genannten Wörter und Wendungen zu generieren begannen. Das mittelhochdeutsche Wort ‹sorcsam› aus demselben Zeitraum bedeutete nicht sorgsam im heutigen Sinn, sondern bezeichnete einen Zustand, den wir heute als depressiv, niedergeschlagen, betrübt, unglücklich bezeichnen würden, genauso wie das althochdeutsche ‹sorgesam›; ‹sorcsam› und ‹sorgesam› meinte sorgenvoll, betrübt.
Das Adjektiv ‹sorgenvrī› (frei von Sorgen) zeigt indessen einen anderen Aspekt auf: Ein gewisses atavistisches Bedürfnis nach Sicherheit und Beständigkeit, den Willen, den blinden und zufälligen Schicksalsschlägen nicht ausgeliefert zu sein. Das Wort ‹sicher› geht über Mittelhochdeutsch ‹siher› und Althochdeutsch ‹sihhur› auf Lateinisch ‹sēcūrus› (frei von Sorgen, sorglos) zurück. Das lateinische Wort ist ein Zusammenzug aus ‹sine› (ohne) und ‹cūra› (Vorsorge, Vorbeugung, Maßnahme).


