Die Redewendung ‹es im Kreuz haben› drückt aus, dass jemand unter chronischen oder akuten Schmerzen im Rücken leidet, und die Wendung ‹sich das Kreuz brechen› bedeutet, sich durch schwere körperliche Arbeit völlig zu überlasten oder sich eine schwere Verletzung am Rücken, an der Wirbelsäule zuzuziehen. Bereits Althochdeutsch ‹krūzi, chrûzi› und Mittelhochdeutsch ‹kriuz, kriuze› (Kreuz) wurden — laut Duden, Herkunftswörterbuch, 5. Auflage, Berlin, 2020 — diese Wörter sowohl für das christliche Symbol als auch für den Rücken verwendet. Da das Kreuzbein den unteren Abschnitt der Wirbelsäule bildet und der anatomische Fachbegriff für das Kreuzbein ‹os sacrum› (heiliger Knochen) ist, drängen sich zwei Fragen auf: «Ist mit Kreuz im Wort Kreuzbein eine Anspielung auf das christliche Kreuz gemeint? Und was ist an dem Knochen so heilig, dass man es auf Deutsch mit dem Opfer Christi und auf Lateinisch mit etwas Sakralem assoziiert?»
Das in althochdeutscher Zeit im Rahmen der Missionstätigkeit und der eifrigen Christianisierung der germanischen Völker aus dem lateinischen ‹crux, crucis› entlehnte Wort ‹krūzi› wurde zunächst ausschließlich im Sinne von ‹Kreuz Christi› gebraucht. Dann wurde das entlehnte Wort auch auf die Nachbildungen des Kreuzes als christliches Symbol und auf zusammengesetzte Wörter wie ‹Kreuzfahrer›, ‹Kreuzritter›, ‹Kreuzzug›, ‹Kreuzgang› und weiteren übertragen. Das ältere germanische Wort — Gotisch ‹galga›, Althochdeutsch ‹galgo› (Kreuz, Pfahl, Galgen) — wurde binnen kurzer Zeit vom neuen Wort fast vollkommen verdrängt. Der Zusammenhang mit dem Rücken ist dadurch allerdings noch nicht geklärt.
Das lateinische ‹os sacrum› (heiliger Knochen) geht auf die griechische Anatomietradition zurück. Auch auf Griechisch heißt der Knochen ‹ἱερὸν ὀστέον›, [hieròn ostéon] (ebenfalls heiliger Knochen)!
Darüber, warum bei den Griechen das Kreuzbein als heilig galt, gibt es verschiedene, aber keine gesicherten Erklärungen: Eine antike Vorstellung war, dass dieser Knochen nach dem Tod besonders langsam verwest, daher länger erhalten bleibt und deshalb mit der Möglichkeit einer Auferstehung verbunden wurde. Nach einer anderen Hypothese vermutet man einen Zusammenhang mit Opferritualen; der große Knochen könnte bei Tieropfern eine besondere Rolle gespielt haben. Tatsächlich ist das unmittelbarere, geläufigere griechische Wort für heilig ‹ἅγιος› [hagios], das uns beispielsweise in der ‹Ἁγία Σοφία› [Hagia Sophia] begegnet (Heilige Weisheit). Das Wort ‹ἱερὸν› [hieròn] bezeichnet eher ‹etwas, was den Göttern dargereicht, geopfert wird; manchmal sogar das Opfer oder das Opfertier selbst.
Es gäbe noch eine ganze Reihe von ziemlich an den Haaren herbeigezogenen Erklärungsversuchen, die hier gar nicht aufgelistet werden sollen, wie etwa die Nähe des Kreuzbeins zu den Sexualorganen.
Tatsache und mehrfach belegt jedoch ist, dass die Griechen das Schambein heilig nannten, auch wenn nicht gesichert festgestellt werden kann, warum sie es heilig nannten, und ebenso unbestreitbar ist, dass die Römer einen Riesenrespekt vor der griechischen Weisheit hatte (vor allem für Galen, der den Ausdruck sowohl auf Griechisch wie auch auf Latein verwendete), sodass es naheliegt anzunehmen, dass sie den griechischen Ausdruck einfach als Lehnübersetzung, als Kalk und wörtlich übernommen haben.
Das deutsche Wort ‹Kreuzbein› wir im 17. Jahrhundert von Gelehrten, Anatomen, Ärzten zum ersten Mal als Übersetzung von ‹os sacrum› erwähnt. Da Rücken, Pein, Rückenschmerzen, Strapazen, das sich Aufopfern und das bis zur völligen Erschöpfung Schuften bereits seit dem Mittelalter mit den Leiden Jesu am Kreuz assoziiert wurden, hat man vermutlich auf dieselbe Weise eingedeutscht, wie die ‹clavicula› (Schlüsselchen) aus dem das Schlüsselbein wurde.

