Der erste ausführliche Scheißartikel

Alberigo TuccilloGeschichte, Gesellschaft, Sprache, Wissenschaft Schreibe einen Kommentar

Kacke, weibliches Substantiv, verwandt mit dem Lateinischen ‹cacare› (kacken‚ scheißen), ist ein umgangssprachlich derber Ausdruck für (vornehmlich menschlichen) Kot, feste Exkremente. Verbreitung fand der Ausdruck vor allem durch die Kindersprache (als sogenanntes Lallwort, auch in Varianten wie ‹Kacki›, ‹Gaggi›, ‹Kaka›) und wurde im Spätmittelhochdeutschen etabliert. Doch ‹κάκκα› [káka] ist bereits Griechisch! Schon Aristoteles verwendet den Ausdruck, um menschliche Exkremente zu bezeichnen. Auch das Verb ‹κακκάω› [kakáo] (ich scheiße) ist bereits bei Aristoteles zu finden.

Lassen wir vorerst euphemisierende und weitgehend selbsterklärende Ausdrucksweisen wie ‹Stuhlgang haben›, ‹Notdurft verrichten›, ‹ein großes Geschäft verrichten› beiseite, um uns dem germanischeren und vertrauteren ‹Scheißen› zuzuwenden: Das altgermanische starke Verb — Althochdeutsch ‹scīʒan›, Mittelhochdeutsch ‹schīʒen›, Niederländisch ‹schijten›, Englisch ‹to shit›, Schwedisch ‹skita› — gilt in allen genannten Sprachen als derb, bedeutet aber eigentlich nichts anderes als ‹ausscheiden› oder, noch allgemeiner, ‹loswerden, aussortieren›, so wie etwa Mannschaften, die verlieren, aus einem Turnier ausscheiden. Es gehört zu der zu ‹Schiene› gehörigen indoeuropäischen Wurzel ‹*skē̆i-› (spalten, trennen, absondern, eliminieren). Die gleiche Begriffsbildung zeigt das Lateinische ‹ex-crementum› (Kot), eigentlich bloß ‹zu Beseitigendes›. 

Ableitungen von Scheiße sind: bereits das mittelhochdeutsche ‹schīʒe› wurde, genauso wie heute, häufig als derbes Kraftwort für etwas verwendet, was als schlecht, missglückt oder verwerflich angesehen wird. Häufig wird das Adjektiv wie das englische ‹shit!› auch zur simplen Interjektion. Im übertragenen Gebrauch kann seit dem 20. Jahrhundert das Substantiv auch in der männlichen Form ‹der Scheiß› verwendet werden. Eine neuhochdeutsche (16. Jahrhundert) Nebenbildung des Wortes ist ‹der Schiss› für ‹Angst›.

Weitere Übertragungen sind: ‹anscheißen› für ‹zurechtweisen›, ‹Anschiss› für ‹Zurechtweisung› (beide 20. Jahrhundert), ‹bescheißen› für ‹betrügen› (16. Jahrhundert), wobei es bereits Mittelhochdeutsch das Verb ‹beschīʒen› gab, was allerdings nicht betrügen bedeutete, sondern ‹in der Ehre verletzen›, ‹verleumden›, ‹mit Dreck bewerfen›.

Ebenfalls auf eine indoeuropäische Wurzel geht das Wort ‹Kot› zurück, nämlich auf ‹*gu̯ēu-› (Dreck, Schmutz). Somit ist die moderne Bildung ‹Kotflügel› der ursprünglichen Bedeutung des Wortstammes näher als oft vermutet.

In diesem Zusammenhang auch: Ein ‹Koprolith› von Griechisch ‹κόπρος› [kópros] (Kot) und ‹λίθος› [líthos] (Stein) ist ein aus fossilen Exkrementen von Menschen oder Tieren bestehender paläontologisch-archäologischer Fund. Koprolithe sind für die Wissenschaft sehr wertvoll und können Aufschluss über die Ernährung von Spezies, aber auch über die Flora und Fauna in weit zurückliegenden Zeitalter geben.

Aber Vorsicht:

Farbe, Konsistenz und Wortklang könnten dazu verleiten, eine Verbindung zwischen ‹Kacke› und ‹Kakao› zu vermuten. Die Redewendung ‹jemanden durch den Kakao ziehen› trägt natürlich dazu bei, auf solche — linguistisch nicht haltbare! — Gedanken zu kommen, und ist wohl auch aus einer derartigen Assoziation heraus entstanden, deren Ästhetik wir hier nicht kommentieren wollen. Doch ‹Kakao› ist aus dem Spanischen übernommen, aus dem gleichbedeutenden ‹cacao›, was seinerseits aus dem Aztekischen ‹cacahuatl› stammt und ‹Speise der Götter› bedeutet. Im Kakao ist ein mit dem Koffein strukturverwandtes Alkaloid enthalten; das Theobromin. Und das Wort ‹Theobromin› ist dem aztekischen ‹cacahuatl› nachgebildet: ‹θεός› [theós] (Gott) und ‹βρῶμα› [brōma] (Speise).

Auch wenn vor allem jüngere Leute Missklänge gelegentlich mit «klingt echt Scheiße» kommentieren, hat der Begriff ‹Kakophonie› etymologisch einen anderen Ursprung: es gab das Wort bereits Griechisch als ‹κακοϕωνία› [kakofonía] (Missklang) und leitet sich ab von ‹κακός› [kakós] (schlecht, übel, schräg) und ‹ϕωνή› [foné] (Klang, Ton, Geräusch).

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