Neandertaler

Der linguistische Neandertaler

Alberigo Tuccillo Geschichte, Sprache Schreibe einen Kommentar

In Nordrhein-Westfalen, rund zehn Kilometer östlich von Düsseldorf erstreckt sich ein noch heute weitgehend unbebauter Talabschnitt der Düssel, wo in einer einst weithin bekannten Schlucht von knapp einem Kilometer Länge Kalkstein abgebaut wurde.  

Auf die Namen Philipp Schwartzerdt und Joachim Nigemann werden sich wohl die wenigsten einen Reim machen können, obwohl es bedeutende und berühmte Reformatoren und Kirchenpolitiker des 16. Jahrhunderts waren. Wie viele andere Gelehrte jener Zeit übersetzten sie ihre eigenen Namen in alte Sprachen, in ihrem Fall auf Griechisch. So wurde aus Schwartzerdt (schwarze Erde) ‹Melanchthon› und aus Nigemann (Niederdeutsch für ‹neuer Mann›) ‹Neander›, und so nannten sie und ihre Nachkommen sich fortan.

Im 17. Jahrhundert ließ sich der Urenkel Nigemanns, der ebenfalls Joachim, nun also Joachim Neander hieß, im oben genannten und beschriebenen Tal nieder. Joachim Neander war ein Geistlicher, Dichter und Komponist. Zu seinen bekanntesten Werken gehört der Choral ‹Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren›.

Weil Joachim Neander es liebte, entlang der Düssel zu spazieren und sich dort in der unberührten Natur in seinen poetischen und musikalischen Gedanken zu wiegen, wurde das bis dahin namenlose Tal nach dem illustren Gottesmann ‹Neanderthal› benannt.

Im Jahr 1856 fanden da Arbeiter Knochen eines Menschen, in denen Wissenschaftler erst nach dreißig Jahren eindeutig die Überreste eines Angehörigen einer ausgestorbenen Menschenart erkannten. Die Geschichte dieses paläoanthropologischen Fundes wäre eigentlich viel spannender als diese linguistische Betrachtung, und vielleicht werde ich dieser Geschichte auch einmal einen eigenen Artikel widmen, doch vorerst will ich bei der Sprachgeschichte, genauer: bei der Geschichte des Namens dieses Verwandten — nicht Vorfahren! — des Homo sapiens verweilen. Weil man die Knochen im Neanderthal bei Düsseldorf gefunden hatte, wurde diese Menschenart als Neanderthaler bezeichnet und bekam den wissenschaftlichen Namen Homo neanderthalensis, obwohl man im Neanderthal keinen einzigen Knochen eines Neanderthalers mehr fand, hingegen vom Kaukasus bis Gibraltar und von England bis Apulien Tausende davon. Lustig ist, dass der älteste Mann, den man bis zu jenem Zeitpunkt je gefunden hatte, nun eigentlich ‹neuer Mann› hieß.

1901 bis 1904 wehte die erste echte Rechtschreibreform durch den deutschen Sprachraum und blies überflüssige H aus den meisten Tälern — in Balsthal blieb es, in Liestal verschwand es, so verschwand es auch im Neandertal. Im deutschen Sprachraum wurde der Neanderthaler zum Neandertaler. Nun kümmerte sich aber weder die wissenschaftliche Nomenklatur noch die englische Sprache — das Latein der heutigen Wissenschaft — um die deutsche Rechtschreibreform! ‹Homo neanderthalensis› und ‹Neanderthal man› gaben das H nicht mehr her.

Nur die Italiener, die es in der Politik niemandem und in allen anderen Bereichen allen recht machen wollen, sind seither völlig verwirrt und verbringen einen großen Teil ihrer Symposien und Vorlesungen über Paläoanthropologie damit, darüber zu disputieren, ob es nun korrekter wäre, ‹Uomo di neandertal› oder ‹Uomo di neanderthal› zu schreiben. Nur zu schreiben, denn aussprechen können die meisten Italiener das H sowieso nicht.

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