Das lateinische Wort ‹fur, furis› (Dieb) hat in romanischen Sprachen eine große Menge an Wörtern generiert: Französisch ‹furtiv› (heimlich), Spanisch ‹furtivamente› (verstohlen), Italienisch ‹furto› (Diebstahl) und viele mehr. Wenn der Dieb jedoch sehr klein ist, muss er eine Diminutivendung bekommen, und dies wissen auch Nichtlateiner: wenn aus ‹homo› (Mann, Mensch) ‹homunculus› (Männlein, Menschlein) wird, wird aus ‹fur› (Dieb) durch Anfügen der Diminutiv-Endung ‹furunculus› (Diebchen).
Das Wort ‹furunculus› kommt uns aber mit einer völlig anderen Bedeutung bekannt vor: Ein Furunkel ist ein Hautabszess, der durch eine Infektion in einem Haarfollikel und im umgebenden Gewebe verursacht wird. — So seltsam es auch erscheinen will: Der kleine lateinische Dieb und das kleine unästhetische, oft auch schmerzhafte infektiöse Hautgeschwür wird durch dasselbe Wort bezeichnet!
Doch wie kommt es, dass man einen eiternden Staphylokokken- oder Streptokokken-Befall im Haarbalg einen Dieb nennt? — Die Antwort liegt darin, dass erst 1874 der österreichische Arzt Theodor Billroth die Streptokokken und erst 1880 der schottische Chirurg Sir Alexander Ogston die Staphylokokken entdeckten. Und erst einige Jahre später bewies Louis Pasteur den Zusammenhang zwischen Präsenz der Kokken und der Kokken-Erkrankungen. Vorher hatte man keine Ahnung, dass die lästigen kleinen Geschwüre durch Erreger verursacht werden. In der Antike, im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit hinein hielt man Furunkel für selbständige Wesen, die sich von den Körpersubstanzen ernährten und dadurch wuchsen. Sie raubten also dem unglücklichen Furunkulösen die Körpersäfte! Wenn das kein Diebstahl ist!
Na ja, ein Bankraub oder die Entwendung historischer Juwelen aus dem Louvre ist’s denn auch nicht. Deshalb also der Diminutiv: ‹Furunkel› mit mildernden Umständen statt gnadenlos zu verurteilenden ‹Furi›. Doch da gab es auch noch kleinere Diebe, für die selbst ‹furunculus› nach einem zu strengen Verdikt geklungen hätte. Die waren noch so klein, dass man sie ausdrücken konnte, bevor sie anfangen würden, massiv Nährsubstanzen zu stehlen. Freilich sind auch die kleinen ärgerlich und nach antiker Vorstellung parasitär. Doch eine sprachliche Unterscheidung zu den wirklichen Dieben war geboten. Für sie schöpfte man den Begriff ‹Komedo›. Dieses Wort setzt sich zusammen aus ‹cum› (mit) und ‹edere› (essen). Ein ungebetener und nicht geladener Tischgenosse, der sich zunächst noch beherrscht, sich mit den Brosamen begnügt und mit dem, was über den Tellerrand schwappt, dem man aber rechtzeitig auf die Finger schlagen muss, bevor er dreist und diebisch mit dem großen Löffel direkt aus dem Teller zu schöpfen beginnt. Zwischen bloßem ‹mit-essen› und ‹die Speisekammer ausrauben› besteht doch ein wenigstens gradueller Unterschied!
Im 17. Jahrhundert wurde dann nach dem lateinischen ‹comedo› das deutsche Wort ‹Mitesser› nachgebildet. Die erste schriftliche Erwähnung findet sich im Wörterbuch «Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs oder Teutscher Sprachschatz» von Kaspar von Stieler aus dem Jahr 1691.
Ein weiterer kleiner Dieb, der nichts mit Infektionen zu tun hat, ist das niedliche, aber durchaus diebische ‹Frettchen› — über das italienische ‹furetto› (kleiner Dieb) und ursprünglich ebenfalls aus dem lateinische ‹fur› (Dieb). Das Frettchen (Mustela putorius furo) ist die domestizierte Form des europäischen Iltis (Mustela putorius).


