Als ‹Wicht› oder ‹Wichtel› werden Fantasiewesen bezeichnet, die von der Gestalt und Art her Menschen ähneln, jedoch wesentlich kleiner, oft sogar winzig klein sind und im Verborgenen unter sich leben. Sie tauchen meist in kleinen Gruppen auf, leben unterirdisch, in Höhlen oder in versteckten Ecken in den Häusern der meistens ahnungslosen Menschen, die sie höchstselten wahrnehmen und meistens gar nicht. Menschen gegenüber sind Wichte freundlich und helfen ihnen, wobei sie völlig unbemerkt bleiben, bei der täglichen Arbeit.
Zur Vertiefung der literarischen und literaturgeschichtlichen Bedeutung der Wichte füge ich für Interessierte am Ende dieses Beitrags eine nicht erschöpfende, aber meines Erachtens interessante Bibliografie hinzu. Wenn jemand weitere empfehlenswerte Publikationen zum Thema kennt und diese im Kommentarteil hinzufügen wollte, kann er oder sie sich meines tiefen Danks gewiss sein.
Hier geht es jedoch lediglich um die (allgemein unterschätzte) sprachliche und sprachgeschichtliche Bedeutung des Wortes ‹Wicht›.
Der liebenswürdige ‹Wicht› hat zuweilen, vor allem in Komposita, auch eine negative Konnotation: man denke bloß an den ‹Bösewicht›.
Um etwas Licht in die Angelegenheit zu bringen, müssen wir zurück zum Althochdeutschen und zum Gotischen: Althochdeutsch ‹uuiht› [uicht] und Gotisch ‹waíhts› [uaiichts] bedeutete nämlich ‹Wesen›, ‹Ding›, ‹Sache›, ‹Körper›, ‹Gestalt› oder schlicht ‹etwas›. Ein Körper, ein Ding, eine Sache hat natürlich auch immer ein Gewicht, und sei es auch bloß ein geringes. Und tatsächlich ist Althochdeutsch auch ‹giuuiht› [giuicht] in der Bedeutung von ‹Schwere›, von ‹Gewicht› belegt. Leicht zu ahnen ist denn, dass, was ‹Gewicht› hat, auch ‹gewichtig›, mithin ‹wichtig› ist, was auch weitere Wörter wie ‹Wichtigkeit›, ‹Wichtigtuer›, ‹unwichtig›, ‹beschwichtigen› und ‹Beschwichtigung› generiert hat.
Noch erstaunlicher ist aber, dass auch unser alltägliches Negationsadverb, das wir auch im Artikel über das ‹Ja› und das ‹Nein›* unter die Lupe genommen haben, nämlich ‹nicht› vom Wicht abzuleiten ist. Althochdeutsch ‹niuuiht› [niuicht] setzte sich nämlich zusammen aus der panindoeuropäischen Negationssilbe ‹*ni(e)-› und — wie wir bereits gesehen haben — aus ‹uuiht› (etwas). Althochdeutsch ‹niuuiht› bedeutete also ‹kein Wicht›, folglich ‹nicht etwas›, woraus sich bereits Mittelhochdeutsch ‹niht› (nicht) und ‹nihts› (nichts) bildeten.
Wer also denkt, Wichte seien nicht oder sogar nichts, hat dazu gewissermaßen eine linguistische Berechtigung, wer sie aber für unwichtig hält, irrt!
● Finn Stefansson und Asger Sørensen: Gyldendals Religionsleksikon, 2017: vætter
● Den danske ordbog: vætte
● NE Nationalencyklopedin: vättar
● Den Store Danske: Vætter
● „wichtel, n.“ In: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/21.
● Vollmer: Wörterbuch der Mythologie.
● Edda: Mär vom Allwiß
● Märchen von Trollen und Wichteln: Zum Erzählen und Vorlesen. Herausgeber: Königsfurt-Urania Verlag, Freiburg im Breizgau 2019.
● John Bauers nordische Märchenwelt. Trolle, Wichtel, Königskinder. Herausgeber: Urachhaus, Stuttgart 2018
● Die Hochzeit der Wichtmännchen. In: Märchenbasar.
● Vom Abzug der Wichtelmännchen.
● Johann Wilhelm Wolf: Die deutsche Götterlehre. Abschnitt: Wichte und Elben.
● Karl Lyncker: Deutsche Sagen und Sitten in hessischen Gauen. In: Jörg Uther: Deutsche Märchen und Sagen. Digitale Bibliothek.
● Emil Sommer: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Sachsen und Thüringen. Deutsche Märchen und Sagen. In: Jörg Uther: Deutsche Märchen und Sagen. Digitale Bibliothek.
● Gisela Schinzel-Penth, Antonie Schuch: Zwerge, Wichtel und Gnome: Sagen aus dem deutschsprachigen Raum. Teil 1 – Süden. Ambro Lacus, München 2010.


