Duftnote

Alberigo Tuccillo Literatur

Seit mindestens vierzig Jahren habe ich nicht mehr an Grace gedacht. Sie war meinem Gedächtnis einfach entfallen, vollkommen ausgelöscht, und wenn man mich nach ihr gefragt hätte, hätte ich wahrscheinlich im festen Glauben, die Wahrheit zu sagen, behauptet, nie jemanden mit solchem Namen gekannt zu haben. 

Heute Morgen jedoch war die Erinnerung an sie mit einem Mal wieder da, und sie geht mir nicht mehr aus den Gedanken.

Grace kam damals aus England zu uns als Kindermädchen für meine jüngeren Geschwister. Da muss ich etwa vierzehn gewesen sein. Sie war älter, sechzehn oder schon siebzehn; wie alt genau, weiß ich nicht. Jedenfalls war sie in meinen Augen schon eine richtige Frau.

Ein Jahr hätte sie bleiben sollen, aber aus irgendeinem Grund ging sie dann früher zurück. Vielleicht habe ich sogar einmal gewusst, wieso.

Eine Schönheit war sie nicht: eher klein, mollig, blass — Sommersprossen, wenn ich mich recht erinnere — dunkelbraunes schütteres Haar, kleine Hände und Füße mit kurzen, dicken Fingern und Zehen.

Aber auf irgendeine Weise konnte sie gefallen, irgendwie wirkte sie doch anziehend. Nicht nur auf mich.

Es ist mir, als hörte ich meine Mitschüler noch, wie sie mich halblaut und unter verlegenem Kichern fragten: «Hast du’s mit der schon mal versucht? Na, wie ist sie denn so?»

«Kindsköpfe!», belferte ich, «ihr wisst ja gar nicht, was ihr da zusammenlallt!»

Und manchmal konnten sie mich damit so sehr in Rage bringen, dass ich mit allem nach ihnen schmiss, was mir gerade in die Finger kam.

Einmal raufte ich mich mit einem und schubste ihn in eine Dornenhecke. Er hatte Kratzer und Schrammen an den Armen, den Beinen und im Gesicht abgekriegt, blutete, doch das höhnische Lachen war ihm nicht vergangen.

Das war das Schlimmste, was er mir antun konnte. Das Grinsen, gegen das ich machtlos war.

So sagte ich meistens gar nichts, weil mir die Wut die Kehle zuschnürte und Tränen in die Augen trieb.

Aber im Grunde hatten sie Recht. Es war, was ich mich selbst immerzu fragte: Wie war sie denn? Wie fühlte sich ihre schweißfeuchte weiße Haut an? War sie kühl, diese nasse Haut? Und die roten Flecken, die jeweils auf ihr zurückblieben, wenn sie eine Weile die Beine übereinander geschlagen oder die Wange auf die Hand gestützt hatte — waren sie so heiß, wie sie aussahen?

Ich wurde verlegen, wenn Grace mir in die Augen sah, spionierte ihr nach, hoffte fiebrig, sie einmal nackt zu sehen.

Wenn ich sie mit den Kindern beschäftigt wusste, ging ich zuweilen in ihr Zimmer, durchstöberte ihre Sachen oder blätterte in ihrem Tagebuch, in das sie kaum je etwas schrieb und das ich mit meinem armseligen Englisch ohnehin nicht lesen konnte. Das Aufregendste aber war, an ihrem Kissen zu riechen, an ihren Laken, an ihrer Wäsche, die sie in ihrer Unordentlichkeit auf dem Bett, auf dem Stuhl und am Boden verstreut liegen ließ.

Einmal ertappte sie mich dabei. Sie kam mit ihrem gelangweilten Blick in ihr Zimmer, nahm mir — ruhig und ohne irgendeine Art von Regung zu zeigen — ihren Pyjama aus der Hand und sagte nichts. Sie schien weder verärgert noch belustigt.

Es kam oft vor, dass ich nicht einschlafen konnte. Ich will nicht sagen, dass sie dafür der einzige Grund war, aber ich stellte mir jeweils vor, was geschehen würde, wenn ich zu ihr ginge, wenn ich sie mitten in der Nacht in ihrem Zimmer aufsuchte und wortlos zu ihr ins Bett stiege.

Zu Ende dachte ich die Geschichte nie. Ich schweifte immer ab, verlor den Faden, merkte irgendwann ein wenig enttäuscht, dass ich an etwas ganz anderes dachte, fing von vorn an, bis ich einschlief. Wahrscheinlich wollte ich es mir nicht wirklich vorstellen. Es war mir ganz recht, wenn der halbe Traum ein halber Traum blieb.

Sie war, wie gesagt, schon eine Frau, eine richtige Frau.

Zwei Wochen bevor Grace nach England zurückging, kam sie mitten in der Nacht zu mir und tat, was ich mir selbst zu tun so oft gewünscht und doch nicht gewünscht hatte: Sie kroch zu mir unter die Decke.

Wie ich es mir unzählige Male vorzustellen versucht hatte, sagten wir dabei kein Wort.

«Jetzt erfahre ich endlich das Ende der Geschichte. Diesmal erfahre ich es bestimmt», sagte ich mir, aber ich schweifte wieder ab und dachte an die Kindsköpfe, die nicht wussten, was sie zusammenlallten, und an das Tagebuch, das ich nicht lesen konnte. Ich wollte mich aufraffen, mich darauf konzentrieren, wie sich die feuchte weiße Haut anfühlte, aber alles rückte weit weg.

Wir liebten uns, schliefen miteinander.

So muss es wohl gewesen sein, aber ich entsinne mich nicht. Anderntags dachte ich nicht mehr daran.

Falls sie mir überhaupt je wieder in die Augen sah, wurde ich nicht mehr verlegen. Ich spionierte ihr nicht mehr nach, roch nicht mehr an ihrer Wäsche, kam nicht einmal auf die Idee, in ihrem Tagebuch einen neuen Eintrag zu suchen — meinen eigenen Namen hätte ich ja schließlich lesen können.

Nicht, dass es enttäuschend gewesen wäre — eher täuschend, unwirklich, jedenfalls vorbei.

Auch als sie abreiste, empfand ich weder Schmerz noch Erleichterung.

Heute Morgen hat meine Frau von einem Parfüm, das sie neulich geschenkt bekommen hat, ein Tröpfchen am Handgelenk eingerieben und mich gefragt, wie ich es finde. Seither denke ich ununterbrochen an Grace, an Grace Haley, an die kleine, blasse Engländerin, mit ihrem schütteren Haar und den kurzen, dicken Fingern und Zehen. Und Sommersprossen hatte sie; das weiß ich noch ganz genau, und einen hellblauen Pyjama, mit einem kuriosen weißen Kragen, und ihre Haut… die feuchte weiße Haut, auf der immerzu rote Flecken zurückblieben, auch wenn man nur leicht darauf drückte… die war kühl, selbst dort, wo sie gerötet war und so heiß aussah.