Ein stümperhafter Euphemismus

Alberigo TuccilloVermischtes Schreibe einen Kommentar

Der norddeutsche Journalist Friedrich Wilhelm Adolph Marr (1819 bis 1904) führte als bewusste und linguistisch höchst tollpatschige Neuschöpfung in den achtzehnhundertsiebziger Jahren den Begriff ‹Antisemitismus› ein. Friedrich Marr war auf seinen obsessiven, viszeralen Judenhass nicht bloß stolz, sondern verging sich in schändlicher Weise sogar an der Wissenschaft, indem er nicht davor zurückschreckte, empirische Erkenntnisse zu erfinden und den Hass gegen Juden als ‹wissenschaftliche› Kategorie zu tarnen. Er werde die traditionelle Judenfeindlichkeit modernisieren und rassistisch begründen. Wobei er der Ansicht war, ‹rassistisch› sei ein Begriff aus der Naturwissenschaft und nicht aus der Psychopathologie.

Mit der Bedeutung der Begriffe hatte Marr sowieso kein glückliches Händchen, obwohl er Journalist war und mit der Sprache ziemlich gut verdiente. Seine linguistische Stümperhaftigkeit beweist er allein schon durch die Schöpfung des Begriffs, der ihn aus der wohlverdienten totalen Vergessenheit gerettet hat! — Semitische Sprachen sind: Akkadisch, Ugaritisch, Phönizisch, Arabisch, Aramäisch, Hebräisch, Amharisch, Maltesisch, Tigrinya und andere. ‹Antisemitismus› müsste sich folglich — wollte man wenigstens vor der Sprache einen minimalen Respekt wahren — auf die völlig unbegründete Feindlichkeit gegenüber allen Semiten beziehen und nicht bloß gegenüber der einen (und nicht einmal der größten) Gruppe aus dieser Familie.

Ein weiterer Nachteil dieses schlecht geschusterten Kunstwortes liegt in der Endung ‹-ismus›. In beispielsweise ‹Kubismus› oder ‹Astigmatismus›, in ‹Pragmatismus› oder ‹Impressionismus› drückt die Endung Phänomene oder Geisteshaltungen aus, mit denen man einverstanden sein kann oder nicht, die jedoch aus einer gewissen Kohärenz hervorgehen. Mit der Endung ‹-ismus› einen banalen, durch nichts begründeten Hass in den Stand einer richtigen oder falschen, doch stets möglichen Geisteshaltung zu erheben, ist schlicht eine Verharmlosung.

Für einen klaren und allgemein verständlichen Begriff wie Judenhass braucht man meines Erachtens keinen nebelhaften, irreführenden und mit morschen Brettern gezimmerten Euphemismus.

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