Ja, ja, nein, nein

Alberigo TuccilloGesellschaft, Sprache Schreibe einen Kommentar

Welche Wörter hat man sich gemerkt nach dem Urlaub in einem Land, dessen Sprache man nicht in der Schule lernt? Viele gar keine, aber die meisten werden sich wenigstens ‹ναι, όχι› [nai, óchi], ‹نعم لا› [naʼam, lää], ‹כן, לא› [ken, lo], ‹evet, hayır› oder ‹da, ne› gemerkt haben. ‹Ja› und ‹nein› sind in der Regel auch unter den ersten Wörtern, die Fremdsprachige auf Deutsch lernen. So auch bei Kindern beim Spracherwerb — selbstverständlich zuerst das ‹Nein!›, aber dann folgt doch meistens bald auch das ‹Ja›. 

Auf Altgriechisch sagte und schrieb man ‹ναί› [naí] (ja) — fast wie Neugriechisch, aber mit stärkerer Betonung des Iota — und ‹οὔ› [ú] (nein). Doch wir haben bereits bei anderen Gelegenheiten gesehen, dass das klassische Latein nicht über die Adverbien ‹ja› und ‹nein› verfügte. Im klassischen Latein muss man sich mit Formulierungen abhelfen wie ‹ita est› (so ist es), ‹dixisti› (du hast es gesagt) beziehungsweise ‹minime› (überhaupt nicht, keineswegs) oder ‹nullo modo› (auf gar keinen Fall). 

Am Beispiel des Lateins erkennt man, dass die Wörtchen ‹ja› und ‹nein› für die Kommunikation gar nicht unerlässlich sind. Im alten Rom wurde nämlich genauso wie heute nach Herzenslust bejaht und verneint, auch ohne die expliziten Wörtchen! Und schließlich gilt es bei Briten bis zum heutigen Tag, obwohl sie ‹yes› und ‹no› kennen, als unhöflich, nicht nach altrömisch klassischer Manier ein ‹I do›, ‹I am›, ‹I have›, ‹I was›, ‹I will›, oder ‹I donʼt›, ‹Iʼm not›, ‹I wonʼt› hinzuzufügen. Und Italiener, die ebenfalls über ‹sì› und ‹no› verfügen, wählen mit Vorliebe schlichtere Formen wie ‹Ma figurati, certo che sì, ci mancherebbe!› (Ach, stell dir vor, aber selbstverständlich; das fehlte gerade noch…!)

So lautet die Stelle aus der Bergpredigt (Matthäus 5,37) «Eure Rede aber sei: ja, ja, nein, nein.» im Sankt-Galler-Codex 56 auf Althochdeutsch: «Sí iuúar uuort: ist, ist, nist, nist.» Allerdings wäre es nicht zulässig, aufgrund dieser Textstelle zu schließen, dass es Althochdeutsch ebenfalls kein Wort für ‹ja› und für ‹nein› gegeben hätte, denn die im 8. Jahrhundert in Fulda angefertigte und heute in der Stiftsbibliothek Sankt Gallen aufbewahrte Übersetzung war mit ziemlicher Sicherheit aus dem Lateinischen und nicht aus dem Griechischen erfolgt, was nahelegt, dass sich der Übersetzer möglichst getreu an das halten wollte, was er für das ‹Original› hielt: ‹Sit autem sermo vester: est, est, non, non.› (ist, ist, nicht, nicht.)

Es mag überraschend sein, dass man auf das ‹Ja› — außer beim Heiraten — im Grunde ganz verzichten könnte. Aber viel überraschender ist, dass es der Linguistik noch nicht gelungen ist, die Herkunft des Wörtchens zu klären! ‹Ja› sagte man auf identische Weise bereits auf Althochdeutsch, auf Mittelhochdeutsch, sogar auf Gotisch — ‹ja› ist auch Schwedisch, Niederländisch, Dänisch, Norwegisch und mit einem Akzent, ‹já›, Isländisch ebenfalls.

Das nicht wirklich unverzichtbare Wörtchen taucht in 8. Jahrhundert aus dem Nichts auf, verbreitet sich in Blitzschnelle über den gesamten germanischen Sprachraum aus und überdauert ohne nennenswerte Veränderungen mehr als ein Jahrtausend.

Etwas mehr wissen wir über das ‹Nein›, auch wenn sich das Adverb seit dem Althochdeutschen fast genauso wenig verändert hat wie das ‹Ja›.

‹Nein› geht auf die indoeuropäische allgemein verneinende Silbe ‹*n(i)e-› zurück, die wir auch in ‹nicht›, ‹nie›, ‹niemand›, ‹nirgends›, ‹nur›, aber auch in anderen Sprachen antreffen: ‹non› (nicht), ‹nihil› (nichts), ‹nunquam› (niemals), ‹nemo› (niemand), ‹nada› (nichts), ‹nadie› (niemand), ‹ninguno› (niemand), ‹niente› (nichts), ‹nessuno› (niemand), ‹neanche› (nicht einmal), ‹nemmeno› (nicht einmal), ‹nothing› (nichts), ‹no› (kein, nein), ‹never› (nie), ‹nobody› (niemand), und auch in Wörtern wie ‹Negation›, ‹negativ›, ‹négligent› (nachlässig) und viele weitere.

‹Nein› ist ursprünglich ein Kompositum oder ein Zusammenzug aus ‹nicht› und ‹ein› und bedeutete also ‹kein›.

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