Gas und Chaos

Alberigo TuccilloGeschichte, Gesellschaft, Sprache, Wissenschaft Schreibe einen Kommentar

Laut Google ist das Wort ‹Gas› (zusammen mit seinen Wortverbindungen wie ‹Gasheizung›, ‹Gasförderung›, ‹Gasvorkommen›, ‹Gasleitung›, ‹Gasrechnung›, ‹Gaskrise›, ‹Abgase›, ‹Treibhausgase›, ‹Erdgas›, ‹Biogas›, ‹Campinggas›, ‹Edelgas›, ‹Gasmaske›, ‹Gaspatrone›, ‹Gasemission› und vielen weiteren) zurzeit auf Deutsch der am häufigsten eingegebene Suchbegriff. Für andere Sprachen habe ich es nicht überprüft, aber wahrscheinlich wäre das Ergebnis einer Überprüfung kaum ein anderes, denn in sehr vielen, wenngleich nicht in allen Sprachen — auch in nicht indoeuropäischen — ist das Wort für ‹Gas› nahezu identisch:

(Diese Liste kann man selbstverständlich auch bloß überfliegen oder ganz überspringen.)

Albanisch ‹gaz›, Arabisch ‹غاز› [ghaz], Armenisch ‹գազ› [gaz], Aserbaidschanisch ‹qaz›, Baskisch ‹gaza›, Bengalisch ‹গ্যাস› [gas], Belarussisch ‹газ› [chaz], Bosnisch ‹gas›, Bulgarisch ‹газ› [gaz], Katalanisch ‹gas›, Koreanisch ‹가스› [gazeu], Kurdisch ‹xas› [gas], Dänisch ‹gas›, Estnisch ‹gaas›, Finnisch ‹kaasu›, Französisch ‹gaz›, Georgisch ‹გაზი› [gasi], Japanisch ‹ガス› [gasu], Hindi ‹गैस› [gas], Englisch ‹gas›, Isländisch ‹gasi›, Italienisch ‹gas›, Lettisch ‹gāze›, Maltesisch ‹gass›, Nahuatl ‹gas›, Norwegisch ‹gass›, Niederländisch ‹gas›, Paschtu ‹ګاز› [gaz], Farsi ‹گاز› [gaz], Polnisch ‹gaz›, Portugiesisch ‹gás›, Quechua ‹gas›, Rumänisch ‹gaz›, Russisch ‹газ› [gaz], Serbisch ‹гаc› [gas], Spanisch ‹gas›, Schwedisch ‹gas›, Türkisch ‹gaz›, Ukrainisch ‹газ› [chaz], Ungarisch ‹gáz›, Urdu ‹گیس› [giz], Jiddisch ‹גאַז› [gaz].

Auf Ausnahmen wie Mandarin, Hebräisch, Vietnamesisch, Tamil, Slowakisch, Mongolisch, Kroatisch und einige weitere werde ich in einem späteren Artikel eingehen. Bemerkenswert ist jedoch, dass zu diesen Ausnahmen auch Latein und Griechisch gehören! Und da es sich offensichtlich um ein wissenschaftliches Kunstwort handelt, würde man doch vermuten oder sogar erwarten, dass es von einer dieser beiden abendländischen toten Sprache abgeleitet und geschöpft ist. — Und eigentlich ist es auf Umwegen auch tatsächlich der Fall.

Der Begriff ‹Gas› wurde Anfang des 17. Jahrhunderts vom flämischen Arzt, Alchemisten und Naturforscher Jan Baptist van Helmont (1580 – 1644) geprägt. Vor ihm gab es kein eigenes Wort für Stoffe im gasförmigen Aggregatszustand. Man sprach allgemein von ‹Dämpfen›, ‹Luft› oder ‹Ausdünstungen›. Van Helmont stellte bei seinen Experimenten fest, dass bei Verbrennung oder Gärung Stoffe entstanden, die weder gewöhnliche Luft noch Dampf waren. Besonders bekannt ist sein Experiment, bei dem Holzkohle verbrannt wurde und ein unsichtbarer Stoff entstand, den wir heute als Kohlendioxid (CO₂) kennen. Er benötigte also einen neuen Begriff.

Eine der berühmtesten Anekdoten der Wissenschafts- und Sprachgeschichte erzählt — und sie beruht durchaus auf einem wahren Kern —, van Helmont habe in Vorträgen und Vorlesungen den Aggregatszustand stets als ‹Chaos› bezeichnet. Wegen seiner flämischen Aussprache hätten die Zuhörer (Zuhörerinnen gab es zu jener Zeit und im einschlägigen Umfeld wohl kaum) das Wort akustisch nicht als ‹Chaos› aufgelöst, sondern als Neuschöpfung ‹Gas› gedeutet, übernommen und fortan selbst verwendet. Nach dieser sich hartnäckig haltenden Anekdote wäre es im Grunde nicht Jan Baptist van Helmont gewesen, der den Begriff geprägt und eingeführt hat, sondern das Publikum, das ihn akustisch nicht richtig verstanden hatte.

Es ist schwer vorstellbar, dass ein Fachpublikum mehreren Vorträgen und Vorlesungen eines schon damals berühmten Wissenschaftlers folgt, der immer wieder ein bis dahin völlig unbekanntes, aber fundamentales neues Wort verwendet, und kein Einziger zugegen ist, der für den Neologismus eine Erklärung verlangt.

In Tat und Wahrheit war es anders: Aus seinen frühen Notizen wissen wir, dass van Helmont schon lange vor der Entdeckung des Kohlendioxids vermutete, dass es neben den festen und den flüssigen Stoffen noch einen weiteren, unsichtbaren, dünneren und flüchtigen Aggregatszustand geben musste. Diesen Zustand der Materie nannte er bereits um 1600 ‹Gas›, und tatsächlich hatte er das neu geschöpfte Wort von Griechisch ‹χάος› [cháos] abgeleitet.

Wenn Naturwissenschaftler jeweils einen neuen Begriff erfinden, erweist sich dieser später nicht selten als irreführend und alles andere als trefflich. Man denke zum Beispiel an ‹Insectivora› oder Deutsch ‹Insektenfresser›, die Säugetierordnung zu welcher die Igel, die Maulwürfe, die Spitzmäuse, die Schlitzrüssler und heute ausgestorbene Arten gehören. Es stellte sich jedoch heraus, dass es zwar Insektenfresser gibt, die unter anderem auch Insekten auf ihren Speiseplan haben, dass es jedoch auch Insektenfresser gibt, die keine Insekten fressen, während es Säugetiere gibt, die taxonomisch keine Insektenfresser sind, obwohl sie sich ausschließlich von Insekten ernähren. Ein anderes Beispiel ist die Bildung der Elemente-Namen ‹Hydrogenium› (Wasserstoff, eigentlich Wasser Erzeugendes) und ‹Oxygenium› (Sauerstoff, eigentlich Säure Erzeugendes). Im Grunde verhält es sich aber genau umgekehrt: Es ist nicht der Sauerstoff, der eine Verbindung sauer macht, sondern der Wasserstoff. Es gibt Säuren, die kein Sauerstoff-Atom enthalten, wie die Salzsäure (HCl) oder die Fluss-Säure (HF), aber es gibt keine Säure ohne Wasserstoff, denn gerade die Konzentration an Wasserstoff-Jonen ist ein Maß für den Säuregrad. Einige dieser Begriffe fand man mit der Zeit als so peinlich, zum Beispiel ‹Pachydermata› (Dickhäuter), dass man sie nicht bloß aus dem wissenschaftlichen Vokabular verbannt hat, sondern schamrot behauptet, es sei nie ein wissenschaftlicher Terminus gewesen. Andere wie ‹Spin› (Drehung, Drall), der mit einer Drehung nichts zu tun hat, oder ‹Medulla spinalis› (Rückenmark), das ein Nervenstrang und kein Mark ist, hat man aus Bequemlichkeit und weil niemand mehr an die ursprüngliche Bedeutung des Wortes denkt, beibehalten. Schließlich sagt man ja auch ‹Bleistift› und nicht ‹Grafit-Stift› und ‹Aquavit›, auch wenn der Stoff, auf den es bei diesem Erzeugnis ankommt, nicht das Wasser ist.

Beim ‹Gas› aus ‹Chaos› hatte Jan Baptist van Helmont hingegen, wenigstens teilweise, recht. Unter Chaos versteht man im Allgemeinen eine Unordnung, im Speziellen, das heißt im naturwissenschaftlichen Sinn, ein System, das als Ganzes nur statistisch erfassbar und beschreibbar ist, hingegen das genaue Verhalten der mikroskopischen Teile, die das System bilden, sich jeder möglichen Vorhersage entzieht. Es ist weniger kompliziert, als es tönt: Ein Pendel ist kein chaotisches System, weil man anhand einfacher Gesetzmäßigkeiten die Pendelbewegung präzis beschreiben und voraussehen kann. Fügt man an der Pendelspitze noch ein Pendel an, wird das ganze System chaotisch, die gesamte Pendelbewegung ist durch keine mathematische Funktion beschreibbar. Wie eine Düne über einen längeren Zeitraum wandert, ist voraussehbar, aber wie und wann ein einzelnes Sandkorn von einer Bö erfasst in welche Richtung geblasen wird und wann ein Regentropfen es trifft und wegschwemmt, ist nicht im Voraus zu berechnen. So ist auch ein Gas in diesem Sinn ein chaotisches System, in dem aus makroskopischer Betrachtung die Bewegungen der einzelnen Gasmoleküle rein zufällig erscheinen, während sich über das Gas als Ganzes (ähnlich wie bei der Düne) Aussagen über den Druck, die Temperatur, die Menge oder das Gewicht machen lassen.

Was Jan Baptist van Helmont wohl, wie die meisten Wissenschaftler, nicht wusste oder zumindest nicht beachtete, war, dass das Wort ‹χάος› [cháos] einem fundamentalen Bedeutungswandel ausgesetzt war, der dessen Sinn geradezu ins Gegenteil drehte. Ursprünglich bedeutet ‹χάος› [cháos] nämlich nicht Unordnung, sondern Leere, Nichts, vollkommene Abwesenheit von irgendetwas, der Urzustand des Universums vor der Schöpfung.

Etwas Ähnliches ist auch mit dem Lehnwort aus dem Hebräischen ‹Tohuwabohu› geschehen.  Heute bezeichnet es ein heilloses Durcheinander und wird modernisiert mit ‹Chaos› übersetzt. Aber in Genesis 1,2 lesen wir, dass die Erde ‹תֹּהוּ וָבֹהוּ› [tōhū wā-ḇōhū] war, was Hieronymus mit ‹inanis er vacua› übersetzt und Luther mit ‹wüst und leer›. Interessant finde ich, dass im Moment, als Gott die Ärmel hochkrempelt, um voller Elan die Schöpfung zu schöpfen, die Erde wüst und leer war (Terra autem erat inanis et vacua). — Ach so. Wüst und leer war die Erde also, als Er loslegte. Aber wenn sie, wüst und leer zwar, doch immerhin schon da war, wer hatte sie denn erschaffen, wer war Ihm zuvorgekommen? 

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