Geschichten im Netz

Aus «Geschichten ohne festen Wohnsitz»

Der Freund

Die Teller waren abgetragen. Man wartete auf das Dessert, ein schlichtes, nur ein kleines Stück Apfelkuchen, und auf den Kaffee. Vielleicht würde einer der Herren noch einen Schnaps mögen, aber dann… dann würde es bald ausgestanden sein.

Vorläufig hieß es jedoch warten: Zeit zum Plaudern, Zeit, einander etwas kennen zu lernen — das Schlimmste, was sie sich in jenem Moment vorstellen konnte — Zeit, die man irgendwie ausfüllen musste, die sie irgendwie ausfüllen musste. Aber sie stand wie angewurzelt da, dachte, dass sie doch nichts dafür konnte und dass niemand etwas dafür konnte außer ihr.

Sie zuckte zusammen, als sie sich selbst den einzigen Gast ansprechen hörte, der etwas abseits saß, einen Mann in ihrem Alter, grauhaarig, vornehm, vielleicht verwitwet, jedenfalls allein, und der den Eindruck machte, als kennte er hier niemanden, als wäre er aus irgendeinem Versehen in die Gesellschaft geraten: «Verzeihen Sie bitte, wenn ich mich zu wenig um die Gäste kümmere, aber…»

Er ließ sie nicht ausreden und lud sie mit einem Handzeichen ein, sich neben ihn zu setzen: «Ach, Sie haben sich doch gar nichts vorzuwerfen. Im Gegenteil, wenn ich etwas für Sie tun kann…»

Sie setzte sich auf den Rand der Sitzfläche, fluchtbereit die Hände gegen Tischplatte und Stuhllehne gestemmt: «Wissen Sie, die letzten Jahre hatten wir kaum mehr etwas miteinander zu tun. Wir haben einander nie besucht, nie telefoniert. Es fällt mir nicht leicht, dies zu sagen, aber wir wussten voneinander nicht einmal mit Sicherheit, ob der andere noch lebt.

Kauzig, wie er immer schon gewesen war, eigenbrötlerisch, mit nichts zufrieden, manchmal buchstäblich gallig, hat er es niemandem je leicht gemacht. Im Alter war alles nur noch schlimmer geworden. Ich konnte auch nicht mit ansehen, wie er sich selbst kaputt machte, wie er Leute, die es gut mit ihm meinten, vor den Kopf stieß, wie er vereinsamte und allmählich verwahrloste, seinen Stolz aber nicht aufgab, von niemandem Hilfe annahm, keinen Trost zuließ. So hatten wir uns ganz aus den Augen verloren.

Nicht dass er ein schlechter Mensch gewesen wäre, nein, im Grunde hatte er ein gutes Herz, und ein bisschen konnte ich ihn sogar verstehen, seinen Groll über die ganze Welt — ein bisschen schon.

Trotzdem: es wäre mir recht, wenn jetzt jemand anderes da wäre, der sich um alles kümmern würde; das Bestattungsunternehmen, die Leidzirkulare, aber vor allem die Gäste… — Ich fühle mich so fremd hier; ich fühle mich als die einzige wirklich Fremde. Ich kenne niemanden, und es sind so wenige Leute da, dass man nicht in der Menge untergehen kann.

Vielleicht finden Sie, dass ich mich mit den Gästen unterhalten sollte, dass ich herumgehen sollte, die Leute ansprechen. Das finden Sie doch, nicht wahr?»

«Keine Spur. Ich finde eher, dass Sie sich nicht mit solchen Fragen quälen sollten. Denken Sie einfach nicht mehr daran. Es sieht doch ganz danach aus, als ob alle von alleine klarkämen. Im Übrigen haben Sie doch jemanden angesprochen: mich.»

«Ach ja, das stimmt. Das hatte ich gar nicht so gesehen, weil…, sehen Sie, bei Ihnen ist es etwas anderes. Bei Ihnen habe ich das Gefühl — verzeihen Sie, wenn ich das so sage —, dass Sie auch nicht recht hierher gehören, auch nicht zu dieser Gesellschaft passen. Sind Sie überhaupt… waren Sie ein Freund meines Bruders? Ich meine: kannten Sie ihn gut?»

«Ein Freund, fragen Sie?» — Er dachte darüber nach, als hätte man ihn nach dem Sinn des Lebens oder nach der Natur der Erkenntnis gefragt. «Ja, ein Freund. Das kann man wohl sagen. Aber… gekannt habe ich ihn eigentlich gar nicht.»
«Einen Freund nennen Sie ihn und sagen, Sie hätten ihn nicht gekannt? Ich verstehe nicht. Wie meinen Sie das?»

Der ältere Herr lehnte Schnaps und Kuchen ab, den die Bedienung auftragen wollte, nahm nur den Kaffee, schwarz. Dann wandte er sich wieder dem Gespräch zu:

«Es war im letzten Herbst auf der Elektronikmesse. Ich wandelte etwas bedrückt an einem der letzten Stände vorbei. Es war mir klar geworden, dass ich nicht mehr würde auf dem Laufenden bleiben können: Die unglaublichsten Erfindungen jagen einander heutzutage in Schwindel erregendem Tempo, und in den meisten Fällen war ich nicht einmal in der Lage, den Erklärungen zu folgen, die mir an den Ständen hilfsbereite, eifrige, aber noch blutjunge Techniker gaben, die womöglich ihre Ausbildung noch gar nicht abgeschlossen hatten.

Ich war etwas deprimiert und hatte beschlossen nach Hause zu gehen, ohne mir den Rest angeschaut zu haben, als ich Ihren Bruder sah, der gerade einen neuartigen Sampler bestaunte.

Ich ging freudig auf ihn zu und wollte ihn umarmen. Als ich jedoch näher trat, sah ich, dass ich ihn mit einem ehemaligen Schulfreund verwechselt hatte.

Ich wollte mich entschuldigen. Man weiß ja, so was kommt vor; ein mehr oder weniger witziger Spruch, dann kann man darüber lachen.

Ihr Bruder ließ mir aber nicht die Zeit dazu. Er war offensichtlich so erfreut, mich zu sehen, lachte und strahlte, dass ich mir plötzlich nicht mehr so sicher war, ob ich ihn nicht vielleicht doch kennen sollte. Er fasste mich am Arm und sagte: ‹Immer noch der Alte, kein bisschen verändert! Na, wie geht’s denn so? René!›

‹Karl!› korrigierte ich, ‹nicht René.›

‹Mein Gedächtnis! das ist das Alter›, lachte er und schlug sich leicht mit der Hand gegen die Stirn: ‹Natürlich: Karl — wer denn sonst? — der alte Karl; erzähl doch mal! Lange nicht mehr gesehen. Was treibst du so?›

‹Na ja, im Ausland gewesen, fast fünfzehn Jahre, keine großen Sprünge, immer die Elektronik. Jetzt sind wir wieder zurück, da drüben in der Ulmenstraße. Zweizimmerwohnung, genügt ja für meine Frau und mich, die Kinder sind ausgeflogen, im nächsten Monat kommt das erste Enkelkind… — ganz zufrieden. Und du?›

‹Tja, Karl…› — Er lächelte, als wollte er mir etwas Erfreuliches mitteilen, biss sich dann auf die Lippe. ‹Dein Glück hatte ich nicht.›

Er habe geheiratet, habe aber Pech gehabt: Sie sei eines Tages abgehauen mit dem Kind von einem andern, das er nie gesehen und für das er zehn Jahre lang bezahlt habe. Mit der Zeit sei er völlig abgestürzt, habe immer mehr gesoffen, immer wieder Arbeit und Wohnung gewechselt. Eine Entziehungskur, habe sich aufgerafft, sei wieder in die Scheiße geraten, wie er sagte, dann… — Er machte eine verächtliche Geste: ‹Ach weißt du Karl, ich mach’s sowieso nicht mehr lange.›

‹Na, na›, tadelte ich. So was will man ja nie hören, auch nicht, wenn’s wahr ist, erst recht nicht, wenn man fürchtet, dass es wahr ist.

‹Es ist aber so, Karl. Im Sommer, vor zwei Monaten, weißt du: aufgeschlitzt, reingeschaut, zugenäht — nichts zu machen. Krebs. Bösartig. Endgültig.›

Wir standen lange wortlos da, dann sagte er: ‹Komm doch mal vorbei, Karl, wenn du Zeit hast. Einfach so, spontan, wenn du nichts Besseres vorhast. Ich mach‘ dir einen Kaffee. Ein bisschen plaudern.›

Er gab mir seine Visitenkarte.

Wolfram Scheunpflug? Einen solchen Namen hätte ich doch unmöglich vergessen können!

Eine Woche später besuchte ich ihn zum ersten Mal, wir wurden Freunde, wirklich. Und als er vor Weihnachten ins Spital kam, war ich jeden Tag bei ihm, oft den ganzen Tag.

Über Gott und die Welt haben wir geredet, stundenlang, wie es alte Freunde eben tun. Geheimnisse gab es zwischen uns keine.

Aber über die gute, alte Zeit… über die gute, alte Zeit haben wir uns immer ausgeschwiegen.

Wir haben unseren Irrtum als einen späten Versuch des Schicksals gewürdigt, etwas wieder gut zu machen.»


 

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