In den ‹Septem Defensiones›, 1538, schrieb Paracelsus: «Wenn ihr jedes Gift wollt recht auslegen, was ist, das nit Gift ist? Alle Ding sind Gift und nichts ohn Gift. Allein die Dosis macht dass ein Ding kein Gift ist.» — Das Zitat ist, wenigstens in verkürzter und sprachlich der heutigen Grammatik und Rechtschreibung angepasster Form, wohl allen bekannt und inzwischen für die meisten ein Gemeinplatz. Dass man sich selbst mit reinstem und harmlosem Quellwasser umbringen kann, wenn man zu große Mengen davon trinkt, und dass man sogar Arsen völlig unbeschadet einnehmen kann, wenn man es nur in sehr geringen Spuren verabreicht bekommt, weiß heutzutage jede und jeder; wahrscheinlich eben dank dem kauzigen, schrulligen, aber durchaus genialen Theophrastus Bombast von Hohenheim, genannt Paracelsus (Doctor beyder Arzneyen), der im 16. Jahrhundert durch Überlegen und Experimentieren diese Erkenntnis erlangte und publizierte.
Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist jedoch interessant, dass die Wörter ‹Dosis› und ‹Gift›, die schon Paracelsus im erwähnten Zitat benutzt, ursprünglich genau dasselbe bedeuten, obwohl sie etymologisch nicht verwandt sind.
Vom griechischen Verb ‹δίδωμι› [dídōmi] (geben) leitet sich ab das Substantiv ‹δόσις› [dósis] (etwas Gegebenes, Ausgehändigtes, Überlassenes, Verabreichtes). Bereits im alten Griechenland verwendete man sowohl Verb als auch Substantiv nicht bloß, um einen menschenfreundlichen Akt wie das Schenken, das Spenden, das finanzielle, materielle Unterstützen zu bezeichnen, sondern das Verabreichen eines Giftes in mörderischer Absicht, etwa das ‹Geben› des Schierlingsbechers im tragischen Fall des zu Tode verurteilten Sokrates. Das ‹Geben› ist in dieser Verwendung ganz klar eine Euphemisierung, der verbale Versuch, die schändliche Tat zu verharmlosen, wenn nicht sogar zu legitimieren, mithin dem eventuellen Aufsteigen von lästigen Gewissensbissen vorzubeugen.
Nun sind wir aber keinen Deut besser und ehrlicher als die alten Griechen, denn auch unser ‹Gift› leitet sich vom Verb ‹geben› ab. Im heutigen Englisch und Niederländisch ist die ursprüngliche Bedeutung erhalten geblieben: ‹gift› bedeutet ausschließlich ‹Geschenk, Gabe› und nicht ‹äußerst gesundheitsschädigende Substanz›. So war es auch noch im Mittelhochdeutschen, ja sogar noch bei Goethe, der mit ‹die Gift› — weiblich, nicht sächlich! — eine ansehnliche finanzielle Unterstützung meinte. Im heutigen Hochdeutsch erinnert bloß noch die ‹Mitgift› an die einstige Großzügigkeit als alleinige Bedeutung.
Um Gift und Giftigkeit gibt es aber noch eine ganze Menge kurioser und ganz ähnlicher Entwicklungen!
Vielleicht erinnert man sich noch an die wunderschönen alten Apotheken, von denen es verständlicherweise nur noch sehr wenige gibt, denn Apothekerinnen und Apotheker müssen heute kaum je ein Medikament nach Rezeptur herstellen. Früher jedoch, als dies der Pharmazeutin und des Pharmazeuten Hauptaufgabe war, gab es in den Apotheken einen Schrank — meistens für die Kundschaft gut sichtbar, damit allen bewusst wurde, dass man es hier mit höchster Professionalität zu tun hatte! —, der mit ‹VENENA› angeschrieben war. Der Giftschrank. ‹Venenum› ist das lateinische Wort (genauer: eines der vielen lateinischen Wörter) für Gift.
Jetzt möchte man vielleicht einwenden, dass ‹venenum› sich nicht von ‹dare› (geben) ableitet, dass also die von mir ober behauptete Analogie sich in Rauch auflöst, vielleicht in einen toxischen, aber doch bloß in Rauch. So ist es aber nicht! Indirekt hat ‹venenum› eben doch etwas mit Geben und Verabreichen in unlauterer Absicht zu tun.
Das Wort ‹venenum› leitet sich ab von der ‹Venus›, der Liebesgöttin. Lange bevor man mit ‹venenum› Bufotoxin, Strychnin, Kaliumzyanid und Arsen meinte, war es ein Zaubertrank. Das Elixier versprach, dass es in der Lage gewesen sein soll, eine Angebetete, die einen immer wieder abblitzen ließ und so hartnäckig wie kaltherzig einen Korb nach dem anderen erteilte, gegen ihren Willen augenblicklich über beide Ohren verliebt machen würde, wenn alle komplizierten Anweisungen für die korrekte Verabreichung peinlich genau beachtet würden. Wenn es also mit dem Verlieben stante pede doch nicht klappte — was sozusagen immer der Fall war —, lag die Schuld nicht bei der oder bei dem, die beziehungsweise der den Trank gebraut hatte, sondern beim dämlichen Trottel, der nicht bloß zu blöd war, die Frau seiner Träume mit irgendwelchen Vorzügen zu gewinnen, sondern nicht einmal in der Lage war, die Packungsbeilage korrekt zu lesen und bei Fragen den Arzt oder Apotheker zu konsultieren.
Mit dem Flirten und Stalken beschäftigt sich die Linguistik zwar nicht, mit der oft üblen Absicht hinter der Verwendung von Wörtern jedoch schon. Und ob man einen Saft verabreicht, um jemanden umzubringen, oder um jemanden zu zwingen, sich in einen Menschen zu verlieben, den man gelinde gesagt nicht mag, ist in der Intention nicht sehr verschieden. So wurde aus dem Liebeselixier generell jede Substanz, die man nur verabreicht, wenn man nichts Gutes im Schilde führt.
Ein weiteres Synonym für Gift ist ‹Toxikum›. ‹Toxikum›, ‹Toxin› und ‹toxisch› leiten sich von ‹τόξον› [tóxon] (Pfeilbogen) ab. — Ach was jetzt?! Was zum Hades hat nun ein Pfeilbogen mit einem Gift und erst recht mit Verabreichen bitteschön zu tun???
Nun da muss man wissen, dass die alten Griechen nicht alle so friedlich waren wie Euklid und Diogenes. Manche waren durchaus hinterhältig. Und so viele pflegten die Spitzen ihrer Pfeile zu vergiften, damit sie auch dann tödlich waren, wenn der zu Ermordende bloß ins Bein, in die Schulter oder ins Gesäß getroffen worden war, dass sie für die vergifteten Pfeile sogar einen Fachausdruck prägten: ‹τοξικόν φάρμακον› [toxikón fármakon] (Wirkstoff, der auf einer Pfeilspitze zu applizieren ist). Dass dieser Wirkstoff immer tödlich war und sogar tödlich sein musste, sagt der Ausdruck selbst zwar nicht, aber es war allen so sonnenklar, dass vom Begriff einzig die heutige Bedeutung geblieben ist, die ursprünglich verschämt und verbrämt verschwiegen wurde: Lateinisch ‹toxicum› bedeutet ausschließlich Gift. Kein Römer hatte dabei je eine Assoziation an einen Pfeilbogen.
Auch dem ‹Toxikum› liegt also die verwerfliche Absicht zugrunde, jemanden zu vergiften. Gift ist oder wenigstens war viel seltener etwas, was man versehentlich einnimmt, weil man dummerweise den Pinselreiniger in eine Cola-Flasche abgefüllt hat oder weil man zu faul war, noch bei der Pilzkontrolle vorbeizugehen. Viel häufiger wurde es einem (und wird in gewissen Ländern noch heute)… gegeben.


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Sehr interessant, informativ und unterhaltsam geschrieben.