Grönland sei dereinst ein grünes, fruchtbares Land gewesen, das isländischen Siedlern des zehnten Jahrhunderts sogar Viehzucht, Landwirtschaft und Weinbau ermöglicht habe — daher der Name, der ‹grünes Land› bedeutet —, wird unter anderem auch in den Medien immer wieder behauptet, um der mehrfach und zweifelsfrei widerlegten Ansicht das Wort zu reden, Klimaveränderungen vom aktuellen Ausmaß habe es seit jeher gegeben und stünden in keinem Zusammenhang mit menschlichen Aktivitäten.
Richtig ist, dass auf Altnordisch ‹Grœnland› grünes Land oder Grünland bedeutet. Der ganze Rest der irrigen Darstellung bedarf aber einschneidender Korrekturen! — Während der sogenannten ‹mittelalterlichen nordatlantischen Warmzeit› war das Klima im südlichen Grönland zwar geringfügig milder als heute und die Küstenregionen im Süden waren, wenigstens im Sommer, nicht üppig, aber einigermaßen grün und ermöglichten etwas Viehzucht. Eine spärliche Wikingerkolonie betrieb dort unter schwierigen Bedingungen ein bisschen Landwirtschaft und Viehzucht mit Schafen, Ziegen und Rindern, was Voraussetzung für ein Überleben war. Dies ist archäologisch belegt. Allerdings: Die Fläche von Grönland beträgt 2’166’000 km² und war auch damals mehr als zu 80% vom Inlandeis bedeckt. Die von den Wikingern im 10. Jahrhundert besiedelte Fläche war dagegen nur ein winziger Bruchteil davon: Die gesamte tatsächlich landwirtschaftlich nutzbare Fläche Süd- und Südwestgrönlands wird auf etwa 1’000 bis maximal 2’000 km² geschätzt. Die besiedelte und bewirtschaftete, den Siedlern überhaupt bekannte Fläche der Insel machte weniger als 0,1% aus.
Abgesehen davon, dass es euphemistisch ist, ein Land aufgrund seiner während einer kurzen Jahreszeit und bloß spärlichen Vegetation als grünes Land zu bezeichnen, ist es erst recht unsinnig, diese unzulässig beschönigende Bezeichnung auch auf die restlichen, ganzjährlich vom Eis bedeckten — also weißen! — 99,9% der Insel zu übertragen.
Ähnliches ist aber auch zu anderen Zeiten an anderen Orten geschehen: Im 16. Jahrhundert erreichten und entdeckten spanische Seefahrer an der Küste Südamerikas ein kleines Delta, dessen verzweigten Flussarme sie vage an die Kanäle Venedigs erinnerten, obwohl es dort weder Palazzi noch Gondeln, keine Rialto-Brücke und keinen Markusdom gab. Trotzdem nannten sie die winzige Bucht ‹kleines Venedig›, auf Spanisch: Venezuela — was später zum Namen des gesamten riesigen, 912’050 Quadratkilometer großen Landes wurde, das in seiner Gesamtheit nicht die geringste Ähnlichkeit mit der Lagunenstadt aufweist. Ein anderes Beispiel ist der Pazifik: Die Magellan-Expedition geriet, nachdem sie im Atlantik und in Patagonien heftige Stürme überlebt hatte, auf der Weiterfahrt nach Norden westlich von Chile, in eine mehrere Wochen dauernde Flaute unter sengender Sonne, die der Besatzung schier zum Verhängnis wurde. Weil es da im Moment absolut windstill war, nannte Antonio Pigafetta, der Tagebuchführer der Expedition, den neu erreichten Ozean den Stillen, den Pazifischen.
Zurück zu Grönland: Wie kam die nach Australien zweitgrößte Insel der Erde zu ihrem Namen? Ungefähr um 940 kam in Norwegen der Wikinger und Landnehmer Erik der Rote (Altnordisch ‹Eiríkr rauði Þorvaldsson›, Norwegisch ‹Eirik Raude›) zur Welt. Da sein Vater einen Mord begangen hatte, wurde dieser zusammen mit der ganzen Familie nach Island verbannt. Da wuchs Erik auf, setzte die Familientradition fort, nahm seinen Vater zum Vorbild, beging seinerseits einen Mord und wurde dafür seinerseits verbannt und für vogelfrei erklärt. Diesmal ging’s nach Grönland. Ab 985 gründete Erik der Rote dort zusammen mit anderen Geächteten und Verbannten zwei Siedlungen: eine im Osten (Eystribyggð) und eine im Westen (Vestribyggð).
Wie bereits angedeutet war das Leben auch im Süden Grönlands kein Zuckerschlecken. Extreme Wetterbedingungen und wilde Tiere, vor allem Bären und Wölfe, waren eine ständige Gefahr, das Beschaffen von Nahrung war äußerst kräftezehrend und oft sogar frustrierend ertraglos, im fast vollständigen Fehlen von Frauen und Kindern nahmen Gewaltbereitschaft und Faustrecht in den Siedlungen stets zu, Krankheiten breiteten sich immer wieder aus, ohne dass es Heilmittel gegeben hätte, und dezimierten zusätzlich die ohnehin schwache Population, der völlige Mangel an irgendeiner geistigen oder spirituellen Herausforderung löschte von vornherein jede Zukunftsperspektive aus. — Erik der Rote sehnte sich immer stärker nach einer einigermaßen normalen, friedlicheren, jedenfalls besser funktionierenden Gesellschaft in seinem düsteren Exil. Er versuchte daher — auf welchem Weg ist nicht bekannt — in Island und auch in Norwegen, allerdings vergeblich, Leute, vornehmlich junge Frauen, dazu zu bewegen, ins neue Land zu ziehen, das er zunächst ‹Land des Roten› nannte, von dem er später aber fand, dass der Name ‹Grœnland› die Migrationsbereitschaft der Wikinger eher stimulieren würde. Eriks Werbekampagne blieb jedoch ohne Wirkung und Erfolg. Seine Wünsche, in einer freundlicheren Gemeinschaft zu sterben wurden nicht erfüllt. Er starb ungefähr sechzigjährig in Grönland, als die Kolonie bereits dem Untergang geweiht war und bald vollkommen aufgegeben wurde.
‹Grönland›, ein Name, der erfunden wurde, um Menschen, die bereits in einem kargen kalten Land lebten, dazu zu motivieren, das gefährliche Meer herauszufordern und in ein noch weniger gastliches Land zu emigrieren — ein Versuch, der dazu noch gänzlich frustriert wurde —, ist schon ein sehr schwaches Argument, wenn man damit die erdrückenden wissenschaftlichen Beweise der Klimaforschung schroff von der Hand weisen möchte. Aber es kommt noch dicker! Ob sich wirklich Erik — von dem wir keinen schriftlichen Beleg besitzen und der vermutlich nicht schreiben konnte — den Namen ‹Grœnland› ausgedacht hat, wissen wir nicht mit Sicherheit. Und auch diese Aussage ist sogar noch übertrieben! Im Grunde ist es nicht sicherer, als dass die Weisen aus dem Morgenland ‹Kaspar, Melchior und Balthasar› hießen oder dass ‹Don Quijote› gegen Windmühlen kämpfte! Der Name der Insel Grönland wird zum ersten Mal in der ‹Eiríks saga rauða› aus dem 14. Jahrhundert (400 Jahre nach Eriks Tod) erwähnt; von anonymen Verfassern, die vermutlich selbst nie in Grönland gewesen waren. In der Nordistik herrscht zwar die Ansicht vor, dass die ‹Erik Saga› auf eine Quelle aus dem 13. Jahrhundert zurückgeht, was immer noch 300 Jahre nach Eriks Tod wären. Zudem ist diese hypothetische Quelle nicht gefunden worden.
Sagas sind wunderschön und sowohl linguistisch als auch literarisch von unschätzbarem Wert. Was das Alter des grönländischen Eisschilds angeht, halten wir uns aber lieber an das, was die Wissenschaft sagt: Er ist vor etwa 3 bis 2,5 Millionen Jahren entstanden.


Kommentare 3
Lieber Alberigo, interessant deine Ausführungen. Diese Namensfindungen sind wohl schwieriger als wenn ein Land nach Volksgruppen oder Invasoren benannt wurde.. Es ist auch im kleinen, also Ortsbezeichnungen in Gemeinden manchmal schwer heraus zu finden woher der Name kommt.Aber für mich immer wieder interessant. So ist auch die Verschiebung der Sprachgrenzen sichtbar.
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Du hast absolut recht, lieber Enzo! Die Toponomastik, der Zweig der Linguistik, der sich mit der Geschichte und der Herkunft von geografischen Bezeichnungen beschäftigt, ist auch für die Geschichtsschreibung ein wichtiges Hilfsinstrument. Zusammen mit der Archäologie, der Genetik, der sonstigen Sprachwissenschaft und der Geologie lassen sich viele Spuren, welche die Zeit hinterlassen hat, immer genauer deuten und enträtseln.
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Es ist alles absolut richtig, was du vermutest!