Die Großschreibung von Substantiven oder Nomen ist ein Merkmal der neuhochdeutschen Standardsprache, das sich historisch über mehrere Jahrhunderte entwickelt hat. Erste Ansätze einer Großschreibung im Satzinneren zeigten sich im Spätmittelalter (13. bis 15. Jahrhundert), um Eigennamen, als wichtig erachtete Begriffe (Gott, Kaiser) oder ehrerbietige Substantive, aber manchmal auch Adjektive und Pronomen hervorzuheben. Im 16. Jahrhundert, genauer um 1540 begannen Schreiber zunehmend, allgemein als besonders wichtig betrachtete Wörter durch Großschreibung zu betonen, wobei Martin Luther zu dieser aufkeimenden Gepflogenheit und zu deren Verbreitung wesentlich beitrug. Im 17. Jahrhundert, also während des Barocks, wurde die Großschreibung aller Substantive und Substantivierungen als orthografische Regel im Deutschen akzeptiert.
Die Frage drängt sich auf: Seit wann und warum gibt es überhaupt Groß- und Kleinbuchstaben, denn das phönizische Alphabet, das vom 11. bis zum 2. Jahrhundert v.Chr. nicht bloß für die phönizische Sprache, sondern auch für das Aramäische, für das Hebräische und für das Arabische sowie für andere semitische Sprachen verwendet wurde, bestand nur aus Großbuchstaben — genauer: aus den einzigen Buchstaben, die später Großbuchstaben genannt werden würden, denn wenn Kleinbuchstaben noch nicht existierten, hätte es keinen Sinn ergeben, von Großbuchstaben zu reden. Aus dem phönizischen Alphabet entwickelten sich: das hebräische, das arabische, das griechische (und aus diesem erst viel später das kyrillische), das etruskische und schließlich das lateinische Alphabet. Das hebräische und das arabische Alphabet unterscheiden auch heute noch nicht zwischen Groß- und Kleinbuchstaben. Doch auch das griechische und das lateinische Alphabet kannten ursprünglich nur die Buchstaben, die man heute als Großbuchstaben bezeichnet.
In diesem Artikel betrachte ich lediglich die Entwicklung des lateinischen Alphabets. Auf das griechische und kyrillische Alphabet, die ebenfalls heute zwischen Groß- und Kleinbuchstaben unterscheiden, werde ich in einem späteren Artikel eingehen.
Die frühesten lateinischen Inschriften (vom 8. bis zum 1. Jahrhundert v.Chr.) kannten nur eine Buchstabenform, die Majuskeln oder Versalien. Die Buchstaben waren alle gleich hoch. Oberlängen und Unterlängen würde es erst Jahrhunderte später bei den Kleinbuchstaben geben. Die Schreibrichtung variierte. Es gab sowohl die heute übliche Schreibrichtung von links nach rechts als auch die im Arabischen und Hebräischen festgelegte Richtung von rechts nach links. Häufig wurden Texte auch im so genannten ‹Bustrophedon› geschrieben, das heißt: erste Zeile in eine Schreibrichtung, zweite Zeile in der entgegengesetzten Richtung, dritte Zeile wie die erste, vierte Zeile wie die zweite und so weiter. ‹Bustrophedon› leitet sich ab von Griechisch ‹βοῦς› [bus] (Ochse) und ‹στρέφειν› [strefein] (wenden, drehen). Gemeint war: So wie der Ochse beim Pflügen jeweils am Ackerrand die Richtung ändert. Zudem waren die einzelnen Wörter nicht durch eine Lücke getrennt. Auch Satzzeichen und Silbentrennung kannte man noch nicht. Eine neue Zeile wurde begonnen, wenn auf der oberen keine Buchstaben mehr Platz hatten, ungeachtet dessen, ob dadurch der Zeilenwechsel mitten in einem Wort oder sogar mitten in einer Silbe erfolgte.
Selbstverständlich waren solche Texte äußerst schwierig zu lesen und sie sind es noch heute für Forscherinnen, Linguisten, Archäologinnen, Historiker, wenn sie überhaupt in einem einigermaßen entzifferbaren Zustand erhalten sind. Diese frühen, meistens in Stein gemeißelten oder in beständige Metalle geritzten Texte waren eigentlich keine Mitteilungen, sondern vielmehr Verewigungen von lapidaren Sentenzen. Sowohl die Schreibenden als auch die Lesenden wussten von vornherein, was dastand. Es ging in der Regel nicht darum, ein Wissen irgendjemandem zu vermitteln, sondern darum, ein bereits allgemein geteiltes ‹Wissen› feierlich festzuhalten.
Neue Materialien als Schreibunterlage und neue Schreibgeräte machten es vom ersten Jahrhundert v.Chr. an immer leichter und nützlicher, die Schrift auch zu alltäglichen und praktischen Zwecken einzusetzen wie zum Registrieren von Waren, von Personen, zum Festhalten von Ereignissen, zum Verfassen von Anweisungen, von Regeln, von Nachrichten, von Plänen und Vorhaben. Somit wuchs bei Verwaltern, Händlern, Handwerkern, Seefahrern, Gerichten und in der Wissenschaft das Bedürfnis, eine einfachere Schrift zu entwickeln. So entstand die Kursiv-Schrift (von ‹currere›, was ‹rennen, eilen, fließen› bedeutet), der Keim der späteren Kleinbuchstaben.
Es ist wichtig festzuhalten, dass die Kursiv-Schrift noch als praktische Alternative zur Schwerfälligkeit der Versal-Schrift und nicht als Kleinschrift verstanden wurde! Man schrieb entweder Versal oder Kursiv! Es waren zwei verschiedene Alphabete, die nicht vermischt wurden. Und dies blieb unverändert bis ins 8. oder 9. Jahrhundert.
Der eigentliche Durchbruch kam durch die unter Karl dem Großen und mit maßgeblicher Beteiligung von Alkuin von York, latinisiert Albinus Flaccus, entstandene Karolingische Minuskel. Alkuin, der als größter Gelehrter seiner Zeit galt, traf Karl den Großen 781 in Padua. Da wurde gemeinsam die neue Schrift entwickelt und dafür Regeln und Vorschriften festgelegt. Diese neue Schrift, die Karolingische Minuskel — es sei noch einmal betont, dass es sich um eine vollkommen eigenständige, besser leserliche, praktische Schrift und nicht um Kleinbuchstaben einer anderen Schrift handelte! —, fand schnell in Frankreich und in Italien Verbreitung in allen Klöstern.
Wie und wann entstand dann der Gegensatz von groß und klein? Erst ab dem 9., vor allem aber im 11. und 12. Jahrhundert fing man an, in längeren Texten den ersten Buchstaben eines Absatzes besonders groß und reich verziert, manchmal sogar mit Bildern und mit Blattgold geschmückt darzustellen; sogenannte Anfangsmajuskeln oder Initialen. Für diese Anfangsmajuskeln wurden fast immer die Buchstaben der alten Versalschrift verwendet. Immer häufiger empfand man es dann als angenehme Lesehilfe, jeden Satz des Textes mit einem Versal-Buchstaben zu eröffnen, wodurch eine erste Vermischung der beiden Schriften eingeleitet und den beiden Alphabeten eine verschiedene, aber komplementäre Funktion zugeordnet war. — Majuskeln und Minuskeln wurden als zusammengehörig interpretiert. Im 15. Jahrhundert entstanden die ersten Schriftsätze, in denen Groß- und Kleinbuchstaben den gleichen und zusammengehörigen ästhetischen Kriterien untergeordnet wurden. Diese Schriften bekamen Namen wie Gotische Textura, Bastarda, Schwabacher, Rotunda, Insulare, Fractura etc.

