Haben Mutterschoß, Erdgeschoss und ein ballistisches Geschoss etwas miteinander zu tun?

Alberigo TuccilloGeschichte, Sprache Schreibe einen Kommentar

Wenn man weit zurückgeht, haben ‹Schoß› und ‹Schoss› tatsächlich dieselbe Wurzel, auch wenn ‹Schoß› vom Verb ‹schützen› und ‹Schoss› von ‹schießen› abgeleitet ist! Dazu jedoch Genaueres weiter unten.

Das althochdeutsche ‹scioʒan›, das mittelhochdeutsche ‹schieʒen›, das gotische ‹schieten› (werfen), das englische ‹to shoot› (schießen) und das schwedische ‹skjuta› (schießen) gehen auf die indoeuropäische Wurzel ‹*(s)kē̆u-› (treiben, jagen, eilen) zurück. Mittelhochdeutsch nahm ‹schieʒen› oft neben ‹werfen› auch die Bedeutung von ‹schieben› an, bis schließlich ‹schießen› und ‹schieben› zu unterschiedlichen selbständigen Verben wurden und ihrerseits Ableitungen generierten wie einerseits ‹Schuss›, ‹Schütze›, ‹Geschütz›, ‹Abschuss›, ‹Überschuss›, ‹Schoss›, ‹Schott› (durchgehende dichte Trennwand in einem Schiff), andererseits ‹Schub›, ‹Schiebung›, ‹Aufschiebung›, ‹Abschiebung›, ‹Schaufel›, ‹Schippe› und viele mehr.

Die Idee des Werfens und Schießens war bereits im Mittelhochdeutschen mit der Assoziation des Aufschießens, Hochschießens, des Hochrankens, des Sprießens korreliert, daher kam es zunächst zur Bildung des Wortes ‹Schoss› (Spross, Sprössling) und später zum ‹Geschoss› (Stockwerk), weil ein Gebäude beim Erbauen Stockwerk um Stockwerk in die Höhe schießt.

Auch die mit dem Geldverkehr verbundenen Begriffe ‹Vorschuss› und ‹Zuschuss› sind schon im 13. Jahrhundert aus einer metaphorischen Verwendung heraus entstanden.

In ‹Schoss› und ‹Geschoss› wird das O offen, breit und kurz ausgesprochen und somit das Wort mit Doppel-S (ss) und nicht mit Eszett (ß) geschrieben. 

In ‹Schoß› wie in ‹Mutterschoß›, ‹im Schoße der Familie›, ‹im Schoße der Nacht› ist das O geschlossen und gedehnt auszusprechen und somit werden die Wörter mit Eszett und nicht mit Doppel-S geschrieben (außer in der Schweiz und in Liechtenstein, wo man die Silben ‹oss› und ‹oß› orthografisch und immer häufiger auch phonetisch nicht mehr unterscheidet).

Das Wort ‹Schutz› ist vom Verb ‹schützen› abgeleitet, und ‹schützen› seinerseits geht auf die Vorstellung zurück, dass es der mit Geschossen schießenden Schützen bedarf, um einen Schutz zu garantieren.

Ein Nachtrag zum ‹Geschoss›: Bis ins Mittelhochdeutsche bezeichnete ‹Geschoss› sowohl den Pfeil, den geschleuderten Stein, die Kugel als auch das schießende Gerät, also den Bogen, die Armbrust, die Steinschleuder, das Katapult. Geschoss und Geschütz werden seit dem 12. Jahrhundert (allerdings nicht konsequent) unterschieden.

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