Happy birthday

Alberigo TuccilloVermischtes Schreibe einen Kommentar

Das exakte Geburtsdatum ist keine anthropologische Selbstverständlichkeit, sondern ein Produkt des modernen Staates, ein relativ spätes Verwaltungsinstrument.

Eine chronologische Übersicht nach Kulturräumen, mit dem Fokus auf staatliche Verwaltung (nicht auf familiäre Erinnerung): Bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. wurden im alten Ägypten Alter (Jahrgang) und Haushaltszugehörigkeit, aber nicht das genaue Geburtsdatum erfasst. Das Registrieren des ungefähren Alters diente vor allem der Kontrolle über Steuer- und Militärdienstpflicht. Nur für die Pharaonen spielten Geburtstage aus religiös-symbolischen Gründen eine Rolle. Zudem war es auch bei Pharaonen üblich, ihren Geburtstag zu ‹korrigieren› und den astrologischen, mythologischen, religiös-politischen Vorstellungen anzupassen: War ein Pharao beispielsweise irgendwann zwischen Ende November und Mitte Januar zur Welt gekommen, deutete man das reale Geburtsdatum als geringfügige Abweichung von dem von den Göttern als eigentliche Geburt intendiertes Datum und legte den pharaonischen Geburtstag auf die Wintersonnenwende fest. 

Auch in Mesopotamien gab es bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. Bevölkerungs-, Dienstpflicht- und Steuerlisten. Doch das Alter wurde in der Regel von Beamten bloß am jungen Mann oder an der jungen Frau geschätzt und nicht aufgrund irgendeines Hinweises auf die Geburt und deren Datum eingetragen. Auch im Zweistromland hielt man ab und zu den (ungefähren, astrologisch angepassten) Geburtstag von Königen fest; jedoch weit weniger häufig als in Ägypten.

In der griechischen Antike und vor allem im römischen Königreich, dann während der Republik und im Kaiserreich entwickelte sich allmählich eine ziemlich modern anmutende Administration. Erfasst wurden: Vorname, nähere Bestimmungen wie Herkunft, Vatersname, Beruf, Körpermerkmale, besondere Fähigkeiten, Gebrechen etc. (woraus später die Familiennamen entstanden) und schließlich das Alter. Im Familienkreis war das ungefähre Geburtsdatum oft bewusst (nicht 3. März, sondern ‹Anfang März›, nicht 23. Juni, sondern ‹als die Tage lang und die Nächte kurz waren› etc.), wurde jedoch nicht gefeiert.

Aus staatlicher Sicht änderte sich daran auch in der Spätantike und im Mittelalter nichts Wesentliches. Aber die kirchlichen Institutionen, die immer deutlicher und präpotent die staatlichen zurückdrängten und sich ihrer Autorität ermächtigten, führten zwar nicht direkt die Registrierung des Geburtstages ein, aber doch den Eintrag des Taufdatums in ein Taufregister. Und die Taufe fand in den meisten Fällen nur wenige Tage nach der Geburt statt. In einigen Fällen kann man deshalb mit ziemlicher Sicherheit auf das Geburtsdatum schließen, weil es Brauch war, den Täufling auf den Namen des oder der Heiligen zu taufen, der beziehungsweise die am Tag der Geburt oder am Tag der Taufe gefeiert wurde. Wurde also ein Säugling zum Beispiel am 14. November auf den Namen Martin getauft, kann man mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass er am 11. November geboren war.

Bei all diesen Überlegungen, die eine Datierung der Geburt unserer Vorfahren erleichtern oder überhaupt ermöglichen sollten, darf man allerdings nicht außer Acht lassen, dass Datierungen bis ins 16. Jahrhundert und zum Teil weit darüber hinaus von viel einschneidenderen Schwierigkeiten und Unsicherheiten vereitelt werden: den nicht einheitlichen Kalendern, die zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Gegenden in Gebrauch waren. Mancherorts waren verschiedene Kalender sogar zur gleichen Zeit verwendet worden! Zu wissen, dass ein Mensch am 11. November geboren war, ist schon eine nützliche Information, doch dies bedeutet nicht, dass man dann auch weiß, wann dieser 11. November gewesen war und ob es sich um denselben 11. November handelte, der auf einer anderen Urkunde angegeben war. Näheres zu dieser Problematik in: https://tuccillo.ch/vom-ewigen-leid-um-den-ewigen-kalender/

Fakt ist, dass auch im Hochmittelalter und in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit die allermeisten das eigene Geburtsdatum nicht kannten, geschweige auf die Idee gekommen wären, diesen Tag zu feiern.

Nicht zu einem eigentlichen Wendepunkt, doch wenigstens zu einer leichten Richtungsänderung kam es zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert. Das allmählich aufkommende Bedürfnis, Steuerpflicht, Wehrpflicht, Eherecht, Erbrecht und mit der Zeit auch die Schulpflicht durch klare Gesetze, Dekrete und Verordnungen zu regeln, führte dazu, dass auch die staatliche Verwaltung das Geburtsdatum als eine Information zur Identitätsbestimmung von Bürgerinnen und Bürgern betrachtete. Die Vorstellung, die Regelung sei zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort und für die ganze damalige Welt verbindlich eingeführt worden, wäre falsch. Während in Frankreich durch das Edikt von Villers-Cotterêts ab 1539 die (für das nationale Gebiet) flächendeckende Registrierung alles Geburten angeordnet, allerdings noch immer dem Kirchenregister überantwortet wurde, war Preußen erst Mitte 18. Jahrhundert so weit. Wenigstens kümmerte sich dann in Preußen der Staat selbst um das systematische Register.

In den allermeisten Ländern Europas wurde die Registrierung des Geburtsdatums erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts eingeführt. Allerdings betraf es zunächst nur die neuen Geburten und diejenigen, die den Beweis ihres Geburtsdatums erbringen konnten, was selten der Fall und für die meisten überhaupt kein Anliegen war.

In Frankreich registrierte der Staat direkt — das heißt: nicht indirekt über ein Kirchenregister — die Geburtsdaten ab 1792, in Großbritannien ab 1837, in Deutschland ab 1876.

Außerhalb Europas ist die Situation noch viel komplexer. In vielen Staaten wird das Geburtsdatum als Teil der juristischen Identität erst seit Mitte 20. Jahrhundert erfasst.

‹Happy Birthday to you› zu singen und dann Kerzen auszublasen, ist jedenfalls keine sehr alte Tradition und schon gar keine Kultur-Universalie! 

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