In diesem Leben

Alberigo Tuccillo Musik



In diesem Leben reicht die Kraft
des Menschen aus,
ist sie auch nicht allgewaltig
in diesem Leben sind wir nun
einmal zuhaus,
und es ist ja vielgestaltig,
denn dieses Leben hat die Frucht
und süße Rebe
und die Liebsten uns beschert,
und dieses Leben lebt mit Essen
sich und Trinken
und mit Lieben unbeschwert.

Diesen Chor aus der Oper Ein Taugenichts von 1983 ein ‹Volkslied› zu nennen, wie der Autor und Komponist es zu tun beliebt, bedarf einer Erklärung, denn weder Text noch Musik entstammen einer Volksüberlieferung, sondern beide entspringen der unverwechselbar individuellen, wohnlich intimen, immer lebendigen und nimmermüden literarischen, musikalischen und überhaupt künstlerischen Schöpfungskraft David Wohnlichs! Ein ‹Volkslied› ist es dennoch, ein Psalm König Davids an sein Volk, und im Geist von Beethovens Sechster ist dieser Chor sogar pastoral.

Wie in diesem Chor hat David Wohnlich in diesem Leben stets Gegensätzliches harmonisiert: Von einer avantgardistisch-intellektuellen Kompositionstechnik, die den zugeknöpften Adorno hätte ausflippen lassen, bis hin zu unbändig hormontreibenden, frohgemut jubelnden Posauneneinsätzen unter ergreifenden Streichertremoli, die Puccini ein würdevolles, teutonisch anerkennendes Staunen und Kopfnicken entlocken würden, hat sich David seit je her mit Leichtigkeit, mit absoluter Gewandtheit, mit schierer Selbstverständlichkeit und bedingungsloser Ehrlichkeit in seiner Kunst — nicht allein in der Musik! — aller Ausdrucksmittel bedient, die er brauchte, um alle an seiner traumwandlerischen Wachsamkeit und seine intime Kontemplation an allem teilhaben zu lassen.

Davids immenses und leider zum großen Teil noch nicht veröffentlichtes künstlerisches Schaffen reicht von zarten poetischen Miniaturen, in denen wie grazile Schmetterlingsflügel wenige Silben unversehens eine beharrliche existentielle Not mit Anmut mildern, bis zum monumentalen Werk für mehrere Orchester, Blaskapellen, Chöre, Vokal- und Instrumental-Ensembles, das in einer ganzen Stadt gleichzeitig und an verschiedenen Orten aufgeführt wird und bei dem das Publikum sich dergestalt promenierend durch Gassen und auf Plätzen bewegt, dass jeder und jede dasselbe auf eine ganz andere Weise erlebt. Doch ist es fraglos die Kammermusik, in der Davids Schaffen die vollendetste Form und den originärsten Ausdruck entfaltet hat. Und hat auch seine Kammermusik von Genua bis Tübingen auf zahllosen europäischen Bühnen Erfolge gefeiert, ist vielleicht gerade Franziska Badertschers Atelier, dieser unscheinbare Ort von unschätzbarer und noch nicht gebührend gewürdigter Bedeutung und Ausstrahlung, die Kammer, wo Davids Sprachen, Epochen, Stile, Künste, Ideen und Wagnisse zu Musik, zu Kammermusik verschmelzen.

So ist es richtig und wichtig, dass man David Wohnlichs Geburtstag und seine Musik hier würdigt und feiert, wo man ihn noch mehr liebt und noch besser versteht als irgendwo sonst in diesem Leben.