Informationsverseuchung

Alberigo TuccilloSprache, Wissenschaft 2 Kommentare

Ein Kofferwort ist ein Wort, das aus mindestens zwei sich überlappenden Wörtern entstanden, meistens künstlich gebildet ist, die zu einem neuen Begriff mit einer neuen Bedeutung verschmolzen sind. Dieser Wortbildungsprozess heißt ‹Amalgamierung›, ‹Wortkreuzung› oder ‹Wortverschmelzung›. Beispiele sind ‹Smog›, aus ‹smoke› (Rauch) und ‹fog› (Nebel) oder ‹Denglisch› aus ‹Deutsch› und ‹Englisch›. 

In Lewis Carrolls Erzählung ‹Alice hinter den Spiegeln›, Originaltitel ‹Through the Looking-Glass, and What Alice Found There› (1871) erklärt ‹Humpty Dumpty›, eine Figur aus einem britischen Kinderreim, der Titelheldin Alice seltsame Wörter, die auf diese Weise entstanden sind, und sagt, sie seien wie ein Koffer: zwei Bedeutungen sind darin in ein einziges Wort gepackt. Carroll nennt in seinem Text dieses Phänomen ‹portmanteau›, ein nicht mehr übliches Wort für ‹Handkoffer›. Die erste deutsche Übersetzung der Erzählung von 1923 verwendete noch dieses aus dem Französischen übernommene Wort, das sich aus ‹porter› (tragen) und ‹manteau› (Mantel) zusammensetzt, analog zu ‹portefeuille› oder ‹portemonnaie› wäre ein ‹portmanteau› also ein Mantelträger.

Die Bezeichnung ‹Kofferwort› wurde erstmals in der deutschen Sprache 1935 als Übersetzung aus dem Englischen erwähnt und fortan verwendet.

In diesem Artikel möchte ich speziell auf das 2002 vom deutsch-kanadischen Arzt Gunther Eysenbach geprägte Kofferwort ‹Infodemiologie› eingehen, das sich aus ‹Information› und ‹Epidemiologie› zusammensetzt. Entsprechend der ursprünglichen Definition von Eysenbach ist unter ‹Infodemiologie› das Phänomen zu verstehen, in dem sich (Fehl)-Informationen in der Gesellschaft epidemisch verbreiten, wenn die Flut von Informationen und Fehlinformationen (Infodemie) so groß wird, dass zwischen Aufnahme und Weitergabe einer einzelnen übertragenden — echten oder bloß vermeintlichen! — Erkenntnis den einzelnen Individuen die Zeit und die Mittel nicht gegeben sind, den Wahrheitsgehalt und die Tragweite einer Behauptung zu prüfen.

Die mathematischen Modelle, die zum Studium und zur Beschreibung der Dynamik und der Ausbreitung von Erregern, mithin von Erkrankungen während einer Epidemie angewandt werden, lassen sich auch auf die Verbreitung von Informationen und Fehlinformationen anwenden. Dabei sind die Anwendungsmöglichkeiten der infodemiologischen Forschungsmethode, wie sich später gezeigt hat, nicht auf Gesundheitsinformationen beschränkt, sondern können auf unterschiedliche Forschungsbereiche ausgedehnt werden. Für die Mathematik ist es offenbar unerheblich, ob es in einer solchen Dynamik um die Weitergabe von Viren und Bakterien oder von Informationen geht, sondern lediglich darum, dass zwischen Kontamination und einer weiteren Ansteckung die Übertragenden überfordert, überlastet, erschöpft, also außerstande sind, den Befall bei sich selbst dergestalt einzudämmen, dass es nicht zum Flächenbrand kommt. — Während einer Epidemie übersteigt die Ansteckungsgeschwindigkeit die durchschnittliche Zeit der Heilung, in einer Infodemie übersteigt die Geschwindigkeit der Verbreitung einer Nachricht die durchschnittliche Zeit, die jemand im Schnitt bräuchte, um die Verlässlichkeit einer Nachricht gebührend zu prüfen.

Es sei an dieser Stelle unterstrichen, fett hervorgehoben und nachdrücklich betont, dass niemand, kein erleuchteter Geist, keine Nobelpreisträgerin, kein Universalgenie und keine Akademie vor kognitiver Verzerrung gefeit ist! Ob ein Mensch in der Lage ist, eine Information kritisch zu prüfen, hängt freilich von seiner Bildung, von seinem konstanten, grundsätzlichen, ehrlichen und kritischen Streben nach Wahrheit, von seiner Demut und zweifellos von seiner Intelligenz ab. Doch jede Überprüfung erfordert nicht bloß Kenntnisse und Fähigkeiten, sondern auch Zeit. Wie kurz diese Zeit selbst für Intelligenzbestien auch sein mag — sie ist nicht unendlich! Und wenn während dieser Zeit ein weiteres Dutzend zu prüfender Informationen anfällt, bricht jede noch so vernünftige, umsichtige, kritische und objektive Skepsis, wenn auch nur vorübergehend, zusammen — vorübergehend, aber lange genug, um Ungesichertes in Umlauf zu bringen, wodurch es sich unweigerlich vermehrt. Es braucht nur einen Augenblick, um einen Irrtum in die Welt zu setzen, aber eine Ewigkeit, um ihn in Dutzenden von Dutzenden von Dutzenden von Dutzenden von Köpfen zu berichtigen.

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