Italien

Alberigo Tuccillo Geschichte, Gesellschaft, Sprache 4 Kommentare

Italien als ein Nationalstaat existiert offiziell erst seit dem 17. März 1861, als das Königreich Italien dadurch gegründet wurde, dass das Parlament des Königreichs Sardinien-Piemont den Titel des Königs von Sardinien zum König von Italien erhob und das Königreich Italien (Regno d’Italia) ausrief. Dies markierte ein bedeutendes Ereignis in der italienischen Geschichte, da zu dieser Zeit mehrere Regionen, kleinere Staaten, Fürstentümer und Republiken auf der italienischen Halbinsel vereint wurden, um den ersten italienischen Staat zu bilden.

Mit der Staatsgründung des Königreichs und mit der Vereinigung, Auflösung, Einverleibung der kleinen, sich stets bekämpfenden, zum Teil äußerst kurzlebigen Fürstentümer und Republiken, also vor etwas mehr als 160 Jahren, entstand zum ersten Mal in der dreitausendjährigen Geschichte Italiens ein Staatsgebilde, das auch diesen Namen trug. Als geografische Bezeichnung der Halbinsel und als Bezeichnung einer kulturell und sprachlich viel einheitlicheren Nation, als die Bewohner selbst heute noch wahrhaben wollen, ist der Name ‹Italien› jedoch viel älter. Die Fürsten und Herrscher der Kleinestaaten, zu denen Bauern, Handwerker, Händler, Fischer, Seeleute, Künstler, Mönche, Nonnen, Soldaten, Ärzte und Juristen, Heiler und Huren, Handleserinnen und Diebe gehörten oder nicht gehörten — und oft nicht einmal wussten, zu wem sie gerade gehörten —, bedeuteten für sie nicht mehr, als dass es die Herren waren, die eben die Steuern eintrieben und für die sie selbst oder ihre Söhne ab und zu in eine Schlacht ziehen und sterben mussten. Eine Identität, ein Gefühl der Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit schufen diese staatsähnlichen Gebilde äußerst selten — erst recht nicht, wenn diese Herren Goten, Langobarden, Normannen, Franken, Araber, später Spanier, Österreicher und Franzosen waren. Hingegen entstand seit dem frühen Mittelalter immer stärker eine gemeinsame Kultur, die sich aus stets konvergierenden religiösen Bräuchen, Essgewohnheiten, Lebensweisen, Kunst- und Musikgeschmack, und sehr früh auch einer innerhalb der Halbinsel weitgehend allgemein verständlichen Sprache entwickelten. Sowohl Dante als auch Boccaccio, und mehrere Dichter vor ihnen erwähnen Italien, ohne zusätzliche Erklärungen anzufügen, was bedeutet, dass allen zeitgenössischen Leserinnen und Lesern klar und vertraut sein musste, was damit gemeint war. Die ‹Accademia della Crusca›, die älteste Sprachgesellschaft und maßgebliche Institution für die Pflege der Sprache wurde bereits 1582 in Florenz gegründet. Im Vergleich dazu entstand nach deren Vorbild die ‹Académie Française› erst 1634, die ‹Real Academia Española› sogar erst 1713. — Auch im Ausland wurde Italien bereits im 13. Jahrhundert kulturell als eine Nation betrachtet, so wurden florentinische und venezianische Bankiers in Frankreich und im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation als Italiener bezeichnet. Die italienische Renaissance war Flamen, Hanseaten, Russen und Engländern gleichermaßen ein Begriff, die italienische Literatur allen europäischen Gelehrten vertraut und die italienische Musik für Komponisten aller Länder so wegweisend, dass bis heute Formbezeichnungen und Spielanweisungen vorwiegend auf Italienisch angegeben werden. Bach komponierte 1732 das ‹Concerto nach italiaenischen Gusto›, Goethe schrieb 1788 seine ‹Italienische Reise› und Mendelssohn führte 1832 seine ‹Italienische Sinfonie› auf. — Italien existierte also schon lange vor einem italienischen Staat.

Die Etymologie des Namens Italien ist nicht nur von Sprachwissenschaftlern, sondern auch von Historikern immer wieder rekonstruiert worden. Allerdings haben wir es selten mit Etymologien im engeren Sinne zu tun, sondern eher mit Hypothesen, die auf Überlegungen beruhen, die nichts mit der spezifisch sprachlichen Rekonstruktion des Namens zu tun haben, und die im Laufe der Zeit einen reichen Fundus an Lösungen gebildet haben, unter denen sich viele befinden, die eher aus mythologischen Überlieferungen keimen als aus historischen Fakten.

Sowohl die griechischen Geschichtsschreiber Herodot (480 – 420 v. Chr.) und Thukydides (434 – 399 v. Chr.) als auch Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) erwähnen einen sagenhaften König namens Italos, Griechisch ‹Ἰταλός›, der Namensgeber der italischen Halbinsel und deren Völker gewesen sein soll. Von der Existenz dieses Königs gibt es allerdings nicht den leisesten archäologischen Hinweis, und bei allem Respekt für die weisen Hellenen scheint die Sache auch sonst auf ziemlich wackligem Fundament zu fußen. Thukydides behauptet, der mysteriöse König solle sechzehn Generationen vor dem trojanischen Krieg gelebt haben. Dies ist keine sehr genaue Zeitangabe; aber wenn wir für eine Generation etwa dreißig Jahre annehmen, wären dies 480 Jahre, und wenn der trojanische Krieg 1200 v. Chr. stattgefunden hat, ist man nach Adam Riese bei 1900 v. Chr. — somit wäre Thukydides von König Italos zeitlich fast ebenso weit entfernt, wie wir von Thukydides, was eine historisch fundierte und getreue Überlieferung sehr unwahrscheinlich macht.

Eine weitere Hypothese möchte den Namen italischer Völker auf einen Brauch zurückführen: Einige Stämme sollen das Bildnis eines jungen Stieres oder eines Kalbs verehrt haben. Lateinisch ‹vitulus› und Umbrisch ‹vitlu› hätten dann durch Wegfall des Konsonanten in der ersten Silbe den Wortstamm ‹itulu› und ‹itlu› für ein Volk, das ein Kalb verehrt, ergeben. Auch dafür gibt es keinen verlässlichen Anhaltspunkt.

Strabon — Griechisch ‹Στράβων› (der Schielende) — griechischer Geschichtsschreiber und Geograf (63 v. Chr. – 23 n. Chr.) vermutet, das Wort ‹Italien› leite sich ab von Griechisch ‹αιθαλεια› [aitheia], was so viel bedeutet wie ‹feurig, brennend, rauchend›, was sich auf die Vulkanlandschaften des Ätna, der Äolischen Inseln, des Vesuvs und der Phlegräischen Felder beziehen sollte. Tatsächlich taucht das Wort ‹aitheia› in geografischen Bezeichnungen in Sizilien und auf den Äolischen Inseln wiederholt auf. Somit ist Strabons Hypothese nicht ganz so obskur und letztlich unbrauchbar wie die vorangehenden. Dennoch ist es für die Sprachwissenschaft nicht mehr als eine vage Vermutung und weit entfernt von einer handfesten Etymologie. — Wir müssen uns wohl oder übel damit abfinden, dass wir nicht wissen, woher das Wort ‹Italien› stammt.

Was wir hingegen mit Sicherheit wissen, ist, dass mit ‹Italien› um 600 bis 500 v. Chr. lediglich die Zehenspitze des Stiefels, Südkalabrien, bezeichnet wurde. Der Name umfasste dann schrittweise ganz Kalabrien, dann ganz Süditalien, weitete sich nach und nach, wie auf der Karte zu ersehen ist, auf die ganze italische Halbinsel aus, wurde im Römischen Reich verwendet, in der Spätantike und im Frühmittelalter völlig aufgegeben und taucht dann Ende 9. Jahrhundert wieder sporadisch auf, um sich dann vor allem in der Kunst und Literatur im Hoch- und Spätmittelalter endgültig zu etablieren.

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