Wenn ich jeweils einen Text fertig geschrieben habe und bevor ich ihn auf meinem Blog oder als gedruckte Publikation veröffentliche, lasse ich den Artikel oder ein ganzes Buch von Silke, meiner Lektorin und Lebenspartnerin, prüfen. Ihrer akribischen, strengen, schonungslosen Kritik geht nur selten ein Bock durch die Lappen. Und falls es doch einmal ein Tipp- oder Schreibfehler, ein falscher Gedanke, ein unzulässiger Schluss schafft, bis zum Hochladen in den Blog unkorrigiert zu bestehen, kann ich noch immer mit der messerscharfen Kritik des engen Kreises meiner treuen Leserinnen und Leser rechnen. Kritik ist wertvoll. Kritik ist Wertschätzung. Kritik schließt zwar die spätere Notwendigkeit einer Korrektur nie vollkommen aus, aber sie erhöht doch die Sicherheit, möglichst wenig geäußert zu haben, was man nicht hätte äußern wollen und sollen.
Nun freut mich aber nur wirkliche und echte Kritik und nicht das, was sich Kritik nennt, in Wahrheit jedoch keine ist. Ich kann es nicht ausstehen, wenn Ansichten, die ich mit keinem Wort geäußert habe, auf die Anklagebank gezerrt werden und ich diese noch verteidigen müsste. Selbst dann nicht, wenn ich die angeprangerte Meinung an anderer Stelle möglicherweise tatsächlich vertreten habe. — Ich mache ein konkretes Beispiel: In einem Artikel habe ich die Herkunft des Wortes ‹Teufel› ausführlich erklärt. Der Weg des Wortes durch die Zeit ist der folgende: Aus ‹διά› [dia] (auseinander, entzwei) und ‹βάλλειν› [bállein] (werfen) entstand das Kompositum ‹διαβάλλειν› [diabállein] (Zerwürfnis stiften‚ verleumden‚ entzweien), also ist der ‹διάβολος› [diábolos] in den Augen jener, die an ihn glauben und ihn so nennen, einer, der eben Zwietracht sät. Daraus wurde Lateinisch ‹diabolus›, Althochdeutsch ‹tiufal›, Mittelhochdeutsch ‹tiuvel, tievel, tīvel›, schließlich Neuhochdeutsch ‹Deivel, Düüfel, Daifel, Tüfel, Teufel›. — Das ist alles! Nichts anderes! Nackte, simple, krude Sprachwissenschaft! Keine theologische Abhandlung. Keine transzendentalen, metaphysischen Ansichten. Eine nüchterne sprachhistorische Aussage, die nicht klumpfüßig daher hinkt, nicht nach Pech und Schwefel stinkt, niemandem Angst vor ewiger Verdammnis einjagen soll.
Wenn ich dann aber in Kommentaren — die nicht einmal in das eigens dazu erstellte Kommentarfeld geschrieben, sondern jeweils in meine Messenger-Box ejakuliert werden — lesen muss, dass ich am Ende meines jämmerlichen Daseins es schon noch erleben werde, dass der Leibhaftige existiert, ein anderer schreibt, dass allein die Leugnung des Bösen schon böse sei und mindestens mit Fegefeuer bestraft werde, ein weniger Aggressiver mich freundlich in sein Gebet einschließen wollte, obwohl ich als Klaustrophober nirgendwo eigeschlossen werden möchte, dann frage ich mich, warum Leute lesen, die nicht lesen können. Ist es nicht so, als würden Nichtschwimmer freiwillig in ein Schwimmbecken springen und allein auf den Bademeister vertrauen oder folgerichtig ertrinken?
Wenn ich schreibe, dass sich für das positiv geladene Elektron die Bezeichnung ‹Positron› durchgesetzt hat und meinetwegen auch so verwendet werden kann und soll, es aus einer sprachwissenschaftlichen Überlegung jedoch ‹Positon› und nicht ‹Positron› heißen sollte, weil das ‹r› in ‹Elektron› zum (abgetrennten und durch ‹posit›, nicht durch ‹positr› ersetzten) Stamm und nicht zur Endung gehört, mache ich allein eine Bemerkung zu einer Wortbildung und maße mir nicht an, etwas über Fermionen zu behaupten, von denen ich zugegebenermaßen kaum etwas verstehe.
Wenn ich in einem anderen Artikel beschreibe, wie es dazu gekommen ist, dass im Englischen die musikalische Note B dem deutschen H entspricht und das deutsche B auf Englisch ‹b flat› genannt werden muss, dann habe ich eine völlig neutrale, rein sprachliche und weder eine germanophile noch eine anglophile, weder eine germanophobe noch eine anglophobe Aussage gemacht!
Wenn ich schreibe, dass meiner Meinung nach zwischen dem lateinischen Text ‹Et dimitte nobis debita nostra› und dem lutherisch-deutschen Wortlaut ‹Vnd vergib vns vnſer Schuld› ein wesentlicher Unterschied besteht, denn ‹Schuld› (Singular) lässt an ‹Sünde› denken, was Lateinisch ‹peccatum› wäre — um ‹debita› getreuer zu übersetzen, wäre es naheliegender gewesen, den Plural ‹Schulden› zu verwenden, zumal ‹debita› bereits Plural von ‹debitum› ist —, dann habe ich mit keinem Wort behauptet, dass moralische Schuld nicht schwerer wiegt als Geldschulden!
‹Legere› heißt ‹lesen›, ‹intellegere› bedeutet ‹dazwischen lesen, einsehen, erkennen, verstehen, begreifen, bemerken, erfassen›. Aus dem Partizip davon ‹intellectus› ist der Intellekt (Denk- und Erkenntnisvermögen, Verstand) abgeleitet. Einige verstehen unter dem ‹Dazwischenlesen› aber offenbar einen Freibrief, eine uneingeschränkte Erlaubnis, zwischen den Zeilen und gedruckten Worten hineinzupferchen, was sich nicht der Schreibende, sondern die Lesenden selbst ausgedacht haben.

