Kurze Geschichte der Musiknotation

Alberigo TuccilloVermischtes 2 Kommentare

Über die Notationssysteme der Assyrer, Babylonier und Ägypter wissen wir nichts. Leider gibt es dazu keine Funde, die man analysieren könnte. Aber immerhin gibt es Belege dafür, dass es bereits in den frühen Kulturen Mesopotamiens, Syriens und Ägyptens Musik-Notationssysteme gab. Aus Chroniken und Berichten erfahren wir, dass es in den verschiedenen frühen Hochkulturen sogar mehrere Systeme gab und dass diese bezüglich ihrer Tauglichkeit unterschiedlich beurteilt wurden. Ägyptische Dokumente deuten darauf hin, dass ‹aufgeschriebene› Musik in Bibliotheken und Archiven aufbewahrt wurde, und in einem Fall gibt es möglicherweise einen Hinweis darauf, dass es in Karnak einen Diebstahl gegeben hat, bei dem neben anderen Schriften auch notierte Musik entwendet wurde. Dies legt den Schluss nahe, dass die nicht überlieferten früheren Notationssysteme im Vergleich zur späteren griechischen Notation, der wir uns gleich zuwenden, präziser und brauchbarer sein mussten, denn Dokumente, die in einem Archiv aufbewahrt und sogar gestohlen werden, mussten auch für jemanden lesbar und verständlich sein, der das notierte Stück nicht bereits kannte — was beim griechischen System nicht der Fall war.

Die altgriechische Notation entstand nach heutiger Kenntnis im 8. Jahrhundert v.Chr. und wurde mindestens neunhundert Jahre lang ohne grundlegende Veränderungen verwendet. Auch davon hat man nicht sehr viele Funde, doch reichen diese aus, um das System entschlüsseln zu können. Ich erkläre es hier anhand der Seikilos-Stele, ein Grabstein aus Tralleis (Kleinasien), auf dem in dieser Form der musikalischen Notation ein Lied mit Text eingemeißelt ist. Der Stein stammt spätestens aus dem 3. Jahrhundert und ist heute im Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen zu sehen. 

Seikilos-Stele aus dem 3. Jahrhundert, im Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen

In diesem Notations-System sind Buchstaben des griechischen Alphabets bestimmten Tonhöhen (Noten) zugeordnet; ähnlich wie heute auf Deutsch und auf Englisch die Noten lateinischen Buchstaben zugeordnet sind: C, D, E, F, G, A, H beziehungsweise C, D, E, F, G, A, B — während Italienisch oder Französisch die Noten die Namen Do, Re, Mi, Fa, Sol, La, Si haben beziehungsweise Ut, Re, Mi, Fa, Sol, La, Si (oder Ti). (Darüber, wie diese Namen zustande gekommen sind, schreibe ich demnächst einen eigenen Artikel.) 

Zurück zur hellenischen Notation: Über den Noten, die allerdings weder die Oktave festlegen noch um Versetzungszeichen (Alterationszeichen) Kreuz (♯) und Be (♭) erweitert sind und sich nicht auf eine bestimmte Stimmung beziehen wie beispielsweise unser A von 440 Hz, sind manchmal oberhalb des Noten-Buchstabens zusätzliche Zeichen angebracht, welche für die ungefähre Dauer der jeweiligen Note stehen. Ganze und halbe Noten, Viertel, Achtel, Sechzehntel, Triolen und punktierte Noten gab es nicht, auch keine Schlüssel, Taktart-Angabe und Taktstriche. Die rhythmische Notation war also so approximativ, dass sie bestenfalls als Gedächtnisstütze für Sängerinnen und Sänger, Instrumentalistinnen und Instrumentalisten dienen konnte, die Metrum und Rhythmus bereits kannten. Die Überlieferung von musikalischen Kompositionen erfolgte mehrheitlich mündlich.

Dies ist der Liedtext der Seikilos-Stele:

Ὅσον ζῇς φαίνου·
μηδὲν ὅλως σὺ λυποῦ·
πρὸς ὀλίγον ἐστὶ τὸ ζῆν.
τὸ τέλος ὁ χρόνος ἀπαιτεῖ.
Solange du lebst, zeig dich der Welt,
lass dich durch nichts niederschlagen:
Zum Leben bleibt wenig Zeit.
Das Ende bringt die Zeit selbst.

Dies ist die Notation mit griechischen Buchstaben mit den rhythmischen Zeichen darüber:

Dies ist die vermutete Melodie in heutiger Notation:

Ähnlich, aber noch viel ungenauer als im Griechenland der Antike notierte man während des Frühmittelalters (ca. 500–1000) so genannte Neumen, von Griechisch ‹νεῦμα› [neuma], (Geste, Handzeichen, Wink): kleine geschwungene Linien über den Silben des Liedtextes, die den ungefähren Verlauf der Melodie nachzeichnen — keine exakten Tonhöhen, geschweige Angaben zu Rhythmus, Phrasierung und Agogik.

Alleluia mit Neumen, 10. Jahrhundert, Ravenna

Die Neumen wurden ausschließlich für den ‹Gregorianischen Choral›, den ‹cantus choralis sive ecclesiasticus› (chormäßiger oder kirchlicher Gesang), später ‹cantus Gregorianus› (gregorianischer Gesang) verwendet. Es handelt sich um einen einstimmigen, ursprünglich unbegleiteten liturgischen Gesang der abendländischen (mittel- und westeuropäischen) Kirche in lateinischer Sprache. Der Begriff wurde erstmals im 9. Jahrhundert verwendet. Bis dahin waren die Begriffe ‹cantus Romanus› (römischer Gesang) und ‹Cantilena Romana› (andächtige römische Melodie) gebräuchlich und gilt noch heute in der römisch-katholischen Kirche als ein wesentlicher Bestandteil der liturgischen Handlung. Benannt ist der gregorianische Gesang nach Papst Gregor dem Großen (540–604, Papst ab 590). Achtung: Dieser ist nicht derselbe Papst Gregor, der den Gregorianischen Kalender einführte und rund tausend Jahre später lebte! — Anders als in der mesopotamischen, ägyptischen und griechischen Antike gibt es während des Frühmittelalters keine Hinweise darauf, dass es für profane Musik, für Volkslieder und Tänze irgendwelche Notationsmethoden gab.

Im Hochmittelalter erfuhr durch Guido von Arezzo (992 bis 1050) die Geschichte der Musiknotation die wohl größten und revolutionärsten Erneuerungen, die den Grundstein zur heutigen Notation darstellten. Der Mönch führte in einem Benediktinerkloster in der Nähe von Ferrara die geniale Erfindung der Notenlinien ein: zuerst zwei, dann vier. Darüber hinaus führte er den C-Schlüssel und den F-Schlüssel ein. Damit waren die Intervalle exakt festgelegt. Ob die Alterationszeichen, die ebenfalls zu Lebzeiten Guidos da und dort aufzutauchen beginnen, ihm selbst oder einem anderen Mönch zuzuschreiben sind, ist nicht klar. Sicher ist, dass sämtliche Neuerungen, die binnen kurzer Zeit hinzukamen, von Guido übernommen und perfektioniert wurden. Anfänglich hatten die vier Notenlinien verschiedene Farben. Dann wurden durch die Einführung der Schlüssel die verschiedenen Farben obsolet.

Statt durch farbige Linien wurde nun eine Referenz-Note, in der Regel die Tonika, durch den C-Schlüssel und den F-Schlüssel definiert.

Im linken C-Schlüssel ist die Note auf der zweitobersten Linie ein C (Ut beziehungsweise Do), im rechten F-Schlüssel ist die Note auf derselben Linie ein F (Fa) der tieferen Oktave.

Dieses System mit Notenlinien im Terzabstand und Notenschlüsseln setzte sich durch und wird heute noch für alte Kirchenmusik verwendet. Was dieses Noten-System jedoch weiterhin nicht leistet, ist die exakte Bestimmung der Notendauer.

Die rhythmische Notation oder Mensuralnotation wurde im Spätmittelalter während der ‹Ars nova› (Neue Kunst), zwischen 1300 und 1450, in mehreren Schritten entwickelt. Notenwerte, die Longa, die heute nicht mehr gebräuchlich ist, die Brevis, die einer heutigen ganzen Note entspricht, die Semibrevis, die heute eine halbe Note ist. Viertel-, Achtel-, Sechzehntelnoten, Triolen, Quintolen, Sextolen und andere kürzere Notenwerte wurden zum Teil erst sehr viel später zum kanonischen Zeichenrepertoire der Musiknotation. Dadurch wurde in spätmittelalterlichen und Renaissance-Musik der Rhythmus erstmals unabhängig vom Text und somit auch für rein instrumentale Musik notierbar. Auch wenn noch längere Zeit keine Taktstriche üblich wurden, machte der nunmehr genaue Notenwert zusammen mit dem Taktgefühl der Interpreten die Taktart ‹erfühlbar›.

Nun wurde eine fünfte Notenlinie eingeführt und die Noten nicht bloß auf die Notenlinien, sondern auch in deren Zwischenräume platziert, wodurch im System mit einem Schlag mehr Tonhöhen dargestellt werden konnten. Zum C- und zum F-Schlüssel kam jetzt noch der G-Schlüssel hinzu — und die sollten fortan ‹Bratschen-Schlüssel›, ‹Bass-Schlüssel› und ‹Violin-Schlüssel› genannt werden. 

Ricercar auf fünf Notenlinien, ohne Taktstriche, 1580, Venedig

Einige Neuerungen setzten sich allerdings erst in der Barock-Zeit durch (1600 bis 1750), so zum Beispiel das Fünf-Linien-System, die Versetzungszeichen beim Schlüssel, die bis zu ihrer Aufhebung für das ganze Stück gelten, die Taktstriche, die Pausen, Triller, Praller, andere Verzierungen, Wiederholungszeichen und einige musik-typografische Konventionen mehr. Als es schließlich sogar üblich wurde, nicht bloß Einzelstimmen, sondern eine Partitur zu erstellen, in der die einzelnen Stimmen in der Vertikalen die Töne notiert haben, die gleichzeitig gespielt oder gesungen werden sollen, war die moderne Notation geboren. — Der bezifferte Bass wird von allen Komponierenden und Interpretierenden beherrscht.

Johann Sebastian Bach, Blatt aus der Partitur der Matthäus-Passion, Staatsbibliothek, Berlin

Im Bestreben, eine möglichst exakte Reproduzierbarkeit der Werke zu garantieren, nehmen während der Klassik und der Romantik (1750 bis 1900) die Präzisierungen zu: einheitliche Notenwerte, Dynamik, Artikulation, Tempoangaben, Orchesterpartituren werden Standard, detaillierte Spielanweisungen, Ausdrucksangaben (espressivo, rubato, con brio, da lontano, furioso, solenne etc.)

Dies hatte einschneidende Folgen auf die Kompositionen selbst! War in der Antike und im Frühmittelalter die Notation noch eine äußerst ungenaue Darstellung dessen, was die Komposition intendierte, sodass Interpretinnen und Interpreten die Intention des Komponisten oder der Komponistin schon kennen mussten, wurde es seit Guido von Arezzo — schrittweise und durchaus nicht immer bewusst — immer üblicher, dass man nur noch komponierte, was sich auch genau aufschreiben ließ.

Im zwanzigsten Jahrhundert begannen viele Tonkünstlerinnen und Tonkünstler die Notation auch als einengend zu empfinden, die Rahmen zu sprengen und eigene, den individuellen Bedürfnissen angepasste Systeme zu entwickeln. Im Jazz wurden Leadsheets, Akkordsymbole und rhythmische Vereinfachungen üblich. In der komponierten E-Musik der 20. Jahrhunderts führten neue Spieltechniken, der Einsatz von Geräten wie Tonband, Schreibmaschine, Computer, von elektronisch erzeugten Tönen und Klängen, von eingeplantem Zufall (Aleatorik) zur Notwendigkeit neuer Notationsweisen, die zum Teil eigens für ein einzelnes Stück entwickelt wurden: Neue Zeichen, grafische Notation (Cage, Stockhausen), zeitbasierte Notation (Sekunden statt Takte). 

Hans-Ulrich Engelmann, Mini-Music to Siegfried Palm op. 38

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