Leumund — weder Leu noch Mund

Alberigo TuccilloSprache 2 Kommentare

Der ‹Mund› — Gotisch ‹munþs›, Althochdeutsch ‹mund›, Mittelhochdeutsch ‹munt›, Englisch ‹mouth›, Schwedisch ‹mun› — geht auf die indoeuropäische Wurzel ‹*menth-› (kauen) zurück und ist verwandt mit dem Lateinischen ‹mentum› (Kinn) und ‹mandere› (kauen). Das Wort wurde bereits früh auch übertragen im Sinne von ‹Mündung› oder ‹Öffnung› gebraucht. Daher auch das Verb ‹münden› (sich ergießen, hinein fließen; hinführen, enden). Weitere Ableitungen kamen erst später hinzu: ‹munden› (gut schmecken) und ‹mündlich› (gesprächsweise, nicht schriftlich) im 16. Jahrhundert; ‹Mundart› (regionale Sprachvariante, Dialekt) und ‹Mundschenk› (für die Getränke verantwortlicher Hofbeamter), 17. Jahrhundert, schließlich ‹mundfaul› (nicht bereit zu reden, wortkarg), Anfang des 19. Jahrhunderts.

Obwohl das Wort ‹Maul› schon in mittelhochdeutscher Zeit als derber Ausdruck für ‹Mund› verwendet wurde und in vornehmlich süddeutschen Dialekten heute nicht wertend verwendet wird, sind ‹Maul› und ‹Mund› trotz ihrer grafischen und phonetischen Ähnlichkeit etymologisch nicht verwandt. ‹Maul› (Mund und Schnauze von Tieren) geht zurück auf die lautmalerische indoeuropäische Wurzel ‹*mū-› (muhen, mit gepressten Lippen dumpfe Laute hervorbringen). Auf derselben Wurzel beruhen ferner die Wörter ‹mucken›, ‹mucksen›, ‹maulen› und ‹muffeln›, aber auch Griechisch ‹μύλλον› [mýllon] (Lippe) und ‹μυέειν› [myéein] (die Lippen schließen) sowie Lateinisch ‹mūtus› (stumm) und ‹mugire› (brüllen). Daraus entstand eine Fülle von Wörtern wie zum Bespiel: ‹Mystik›, ‹Mysterium›, ‹mysteriös›, ‹Motto› und viele mehr.

Der ‹Leu› ist eine ältere, poetische, mancherorts mundartliche Entsprechung von ‹Löwe›. Die Tierbezeichnung ist eine frühe Entlehnung aus dem Lateinischen ‹leo, leonis›, seinerseits aus dem gleichbedeutenden griechischen ‹λέων, λέοντος› [léon, léontos] übernommen, daraus ergaben sich: Althochdeutsch ‹leo› (frühe Form) und ‹leuuo› (spätere Form), Mittelhochdeutsch ‹lewe›, Niederländisch ‹leeuw› und Englisch ‹lion› (allerdings nicht direkt aus dem Germanischen, sondern über das Französische). Der ‹Löwenanteil› (19. Jahrhundert) bezeichnet nach einer alten Fabel Äsops den Großteil an einer Beute, den der Stärkere (in der Fabel ‹der Löwe›) für sich beansprucht; Löwenmaul (als Blumenbezeichnung seit dem 16. Jahrhundert; so benannt nach der mit einem aufgesperrten Löwenrachen verglichenen Blüte); Löwenzahn (als Pflanzenbezeichnung seit dem 16. Jahrhundert; der Name soll sich auf die spitz gezahnten Blätter der Wiesenpflanze beziehen).

Doch kommen wir endlich zum ‹Leumund› (Ruf, Renommee). Das auf den deutschen Sprachraum beschränkte Wort hat nämlich weder mit dem ‹Leu› noch mit dem ‹Mund› etwas zu tun. Es geht auf die indoeuropäische Wurzel ‹*k̑leu-› (hören, mitbekommen, vernehmen, wahrnehmen) zurück, bedeutet also ursprünglich ‹Gehörtes›, ‹Erzähltes›, ‹Gerücht›, ‹Überliefertes›. Dieselbe Bedeutung hatten mit geringen Schattierungen sowohl Althochdeutsch ‹hliumunt› und ‹liumunt› als auch Mittelhochdeutsch ‹liumde› und ‹liumunt›, während Gotisch ‹hliuma› das Gehör beziehungsweise den Gehörapparat im physiologischen Sinn bezeichnete. Bereits Mittelhochdeutsch sind die Verben ‹beliumden› (jemanden in den Ruf von etwas bringen) und ‹verliumden› (in schlechten Ruf bringen, verleumden) weidlich belegt.

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