Liechtenstein

Alberigo Tuccillo Geschichte, Gesellschaft, Sprache Schreibe einen Kommentar

Deonyme sind Wörter, meistens Substantive, die durch Ableitung von Eigennamen entstanden sind. Beispiele dafür sind: 

Röntgen — aus dem Namen des Physikers Wilhelm Conrad Röntgen.
Diesel — aus dem Namen des Erfinders des Dieselmotors Rudolf Diesel.
Panik — nach Pan, dem Hirtengott der griechischen Mythologie.
• Die Einheit für die elektrische Stromstärke Ampere, benannt nach dem französischen Mathematiker und Physiker André-Marie Ampère.
• Alzheimer-Krankheit, nach dem Neurologen und Neuropathologen Alois Alzheimer.

Weitere Deonyme sind: Saxofon, Sadismus, Odyssee, Sandwich, Mansarde, Guillotine, Badminton, Mäzen, Juli, August, Kardanwelle, Amerika, bezirzen, Bunsenbrenner, Kalaschnikow, Neandertal, Rom, Konstatinopel, Molotowcocktail, Montgolfière, Bluetooth, Achillessehne, Birchermüesli, Braille-Schrift, Duden, kyrillisch, lukullisch und viele mehr.

Viele Ländernamen sind Deonyme. Beispiele dafür sind:

Kolumbien — benannt nach Christoph Kolumbus.
Philippinen — benannt nach König Philipp II. von Spanien.
Saudi-Arabien — benannt nach der Saud-Dynastie, die das Land vereinte.
Israel — nach Jakob, der in der Bibel auch Israel genannt wird.
Bolivien  — nach Simón Bolívar, einem lateinamerikanischen Unabhängigkeitskämpfer und Anführer.
Bermuda — nach seinem Entdecker, dem spanischen Seefahrer Juan de Bermúdez.
Tasmanien — nach dem Entdecker, dem niederländischen Seefahrer Abel Tasman. 

So hat auch der mit 39’680 Einwohnern und einer Fläche von 160,5 km² sechstkleinste Staat der Welt, das Fürstentum Liechtenstein, das im Westen an die Schweiz und im Osten an Österreich grenzt, seinen Namen von Hans Adam von Liechtenstein, der im Jahr 1699 die Herrschaft Schellenberg und im Jahr 1712 die Grafschaft Vaduz von Jakob Hannibal III. von Hohenems erwarb. Hans Adam von Liechtenstein war folglich deonymischer Namensgeber des Zwergstaates, dem aus linguistischer Sicht nichts hinzuzufügen ist. Eine Frage, der man allenfalls noch nachgehen könnte, ist, wann und wieso sich der phonetisch nicht auswirkende Dehnungslaut ‹ie› in die erste Silbe eingeschlichen hat, wo sich doch andere homophone Familien, zum Beispiel jene des Malers Roy Lichtenstein, mit einfachem ‹i› schreiben.

Hans Adam I. von Liechtenstein

Historisch hingegen wäre es sehr spannend und interessant, die Entstehung und Entwicklung eines völkerrechtlich anerkannten Staates zu untersuchen, der die napoleonischen Neuordnungen überdauert und sich in die Gegenwart hineingerettet hat, und der sich aus einem Handwechsel eines Privatbesitzes heraus ergeben hat. Dies verdiente durchaus vertieft zu werden, es denn auch zu tun, fühle ich mich allerdings nicht kompetent, und ich bitte Historikerinnen und Historiker, es mir nachzusehen, wenn ich hier trotzdem auf ein paar linguistisch irrelevante historische Kuriositäten hinweise.

Die ehemaligen Besitzer der Talschaft, die Herrscher von Hohenems, hatten sich im Laufe des 17. Jahrhunderts dermaßen verschuldet, dass sie schließlich gezwungen waren, die Herrschaft Schellenberg und später die Grafschaft Vaduz zu verkaufen. Aus dem schlichten Handwechsel von Anwesen erfolgten schließlich nicht bloß Einträge in ein Katasterregister, sondern eine regelrechte Staatsgründung. Da das neue Land nur aus kleinen Bauerndörfern bestand, wurde die Administration vorerst in der nächstgelegenen Stadt, in Feldkirch (Vorarlberg), installiert, wo der Fürst zu diesem Zweck das Palais Liechtenstein errichten ließ. Liechtenstein war also der einzige mir bekannte Staat, in dem die Hauptstadt in einem Nachbarstaat lag.

Ein weiteres Kuriosum ist, dass beim Verkauf Alaskas im Jahr 1867 der russische Zar zunächst dem Fürsten von Liechtenstein ein Kaufangebot unterbreitet haben soll, bevor man den USA ein Angebot machte. Dieses Angebot lehnte der Fürst allerdings nach längerem Überlegen ab. — Es wäre doch köstlich und bizarr, wenn heute in Anchorage bei einem Länderspiel die Athletinnen und Athleten mit der rechten Hand auf der Brust und Vaduz in ihren Gedanken feierlich die Nationalhymne sängen:


Oben am jungen Rhein
Lehnet sich Liechtenstein
An Alpenhöh’n.
Dies liebe Heimatland,
Das teure Vaterland,
Hat Gottes weise Hand
Für uns erseh’n.

Zur Namen-Herkunft der Schweiz: https://tuccillo.ch/die-namen-der-schweiz/ 🇨🇭

Zur Namen-Herkunft Deutschlands: https://tuccillo.ch/die-namen-der-deutschen/ 🇩🇪

Zur Namen-Herkunft Italiens: https://tuccillo.ch/italien/ 🇮🇹

Zur Namen-Herkunft Österreichs: https://tuccillo.ch/oesterreich/ 🇦🇹

Zusatzinformation: ‹Ländle›, alemannischer Diminutiv von Land, steht in der Deutschschweiz für das Fürstentum Liechtenstein. Aber in Liechtenstein ist mit Ländle Vorarlberg gemeint. Sonst steht ‹Ländle› für das deutsche Bundesland Baden-Württemberg, mitunter auch nur für Schwaben (Schwabenländle; inklusive Bayerisch-Schwaben).

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