Lindas Energie

Alberigo Tuccillo Literatur

Damit hatte Linda nicht gerechnet — und auch ihr Meister hatte es offenbar nicht vorausgesehen —, aber plötzlich stand der Mann vom Elektrizitätswerk vor der Tür und wollte den Zählerstand ablesen.

«Das macht mir gar nichts aus», sagte dieser, als sie meinte, sie könne ihn wegen der schrecklichen Unordnung nicht in den Keller lassen. «Es dauert wirklich nur eine Minute. Ich übertrage die Ziffern ins Register und verschwinde wieder.»

Aber sie stellte sich ihm in den Weg, fühlte kalten Schweiß auf der Stirn und ihre Stimme beben. Das Haus sei eben voll von negativer Energie, stammelte sie. Das habe auch ihr Meister am Telefon bestätigt. Da hätten selbst die Kristalle und die Kupferplättchen kaum etwas genützt, die sie auf dessen Anraten überall angebracht habe.

«Negative Energie gibt es nicht», sagte der Stromableser, dem ein stechender und dennoch widerlich süßer Geruch von Räucherstäbchen in die Nase stieg. Und indem er lachend an Linda vorbeihuschte und auf die Kellertür zuging, fügte er hinzu: «Negative Energie ist nichts anderes als fehlende Energie. Wenn Sie irgendwo und irgendwie Energie verlieren, könnten Sie die meinetwegen als negative Energie bezeichnen. Aber die geht ja dann irgendwohin, die Energie, die Ihnen abhanden kommt. Und dort, wo sie dann auftaucht, ist sie positiv. Energie, die da ist, ist immer positiv.»

Es sei nicht lange her, dass sie in das Haus gezogen seien — stotterte Linda —, weg von der Stadt, wie der Meister es wünschte, weg von der alten negativen Wohnung im Bahnhofsquartier.

«Unter einer negativen Wohnung kann ich mir noch weniger vorstellen als unter negativer Energie», lachte der Mann.

Aber Linda fuhr unbeirrt fort: Bald hätten sie es gemerkt, ihr Meister und sie, dass es Franco war, ihr Mann, der die negative Energie ausstrahlte. Franco habe die ganze Energielehre immerzu einen Humbug und ihren Meister einen Scharlatan genannt. Dann seien sie ihm, Franco, jedoch auf die Schliche gekommen und hätten gemerkt, dass er sie vergiften wollte. Natürlich liege die schreckliche Negativität im Haus und im Keller und überall sonst im Moment auch am Saturn und am Jupiter in ihrer fatalen Konjunktion, aber die schlimmste Strahlung, die gehe halt immer von Menschen aus, und bei Franco… ja bei Franco, der den Skorpion im Aszendenten hatte, … bei ihm habe das Pendel immer im Gegenuhrzeigersinn ausgeschlagen und die Araukaria im Schlafzimmer habe gegen seine Bettseite hin ganz gelbe Blätter bekommen. Dass er sie umbringen wollte, das stehe fest, davon sei vollkommen überzeugt und auch ihr Meister habe es ihr bestätigt — am Telefon.

Jetzt roch der Stromableser keine Räucherstäbchen mehr, sondern etwas, was er zwar schon einmal irgendwo gerochen haben musste, was er aber nicht wirklich kannte und von dem er sich fragte, ob es Formalin sein konnte.

Lindas Tirade über Energiefelder, über nachteilige Planetenkonjunktionen und über Francos hartnäckige Verweigerung der Wahrheit drangen immer diffuser in sein Ohr.

Er suchte im fahlen Kellerlicht den Stromzähler, obwohl er ihn bereits vor der Nase hatte, blickte lange darauf, als wüsste er nicht recht, welche Zahlen er abschreiben sollte, dann sagte er: «Ich glaube, Sie haben Recht mit der negativen Energie. Darf ich mal kurz telefonieren?»