Linguistische Amuse-Bouche 26 bis 30

Alberigo Tuccillo Gesellschaft, Sprache

Nummer 26:

Ich lese immer wieder — auch in sozialen medien wie Facebook — abschätzige, despektierliche, verächtliche Kommentare über die ach so lachhaften Google-Übersetzungen oder Übersetzungen ähnlicher Software anderer Entwickler. — Nun, manchmal sind sie ja wirklich lustig. Und lachen darf man. Immer. Das sei niemandem verwehrt. 

Vielleicht liegt es daran, dass mein Sohn als Ingenieur an der Erforschung der einschlägigen Problematik involviert ist, vielleicht auch daran, dass ich mich selbst in meiner Übersetzertätigkeit zahllose Male schier Unlösbarem gegenüber gesehen habe, aber ich kann die heutigen maschinellen Übersetzungen nicht anders als mit Respekt, oft sogar mit Bewunderung betrachten — was selbstverständlich nicht ausschließt, dass ich mich ob der einen oder anderen ungewollten Komik erheitere.

Der einfachste zu übersetzende Fall ist jener der uneingeschränkten Reversibilität: Zum Beispiel: Ein französischer Begriff entspricht ganz genau einem bedeutungsgleichen schwedischen, und wenn ich ihn ins Schwedische übersetzt habe, kann ich ihn vom Schwedischen wieder ins Französische übersetzen und bekomme den identischen Ausgansbegriff. — Ich dachte jetzt, ein Beispiel für vollkommene Reversibilität gefunden zu haben, muss aber feststellen, dass ich doch keines finde. Ich dachte, die Fliege sei so ein Beispiel, Italienisch ‹la mosca›: ‹la mosca› = ‹die Fliege›. Durchaus. Außer wenn ich mir die Fliege zum Smoking umbinde, um den Chamisso-Preis der Bayrischen Akademie der Künste abzuholen, den ich längst verdient hätte. Dann wäre die Fliege nämlich nicht ‹una mosca› sondern ‹una farfalla›, was auf Deutsch dann ‹ein Schmetterling› wäre, und wenn wir auf Deutsch ‹Schmetterlinge im Bauch haben›, kommen sie auf Italienisch nur gerade bis in den Magen, und wenn wir ‹den Magen haben, etwas zu tun›, dann haben wir auf Italienisch ‹die Leber, etwas zu tun›, und wenn uns eine ‹Laus über die Leber gelaufen ist›, hat der Italiener ‹einen krummen Mond›… und so weiter.

Betrachten wir nun, ohne es übersetzen zu wollen, das Wort ‹Gang› in verschiedenen Sätzen: 1. ‹Er trat in den menschenleeren Gang hinaus.›, 2. Er schaltete vor der Kurve in den zweiten Gang.›, 3. Nachdem der Kellner den zweiten Gang aufgetragen hatte,…› 4. ‹Nur wenige Freunde begleiteten ihn auf seinem letzten Gang.› 5. ‹Ihr Gang hatte die Anmut ihrer Jugend bewahrt.› 6. Die brutalen Verhörmethoden vermochten sie nicht dazu zu bringen, ihre Gang zu verraten.› — Wer sich zutraut, alle diese Sätze in Sekundenschnelle, ohne Nachschlagewerke und ohne meditativen Spaziergang am Rheinufer in irgendeine Sprache zu übersetzen, der oder die werfe auf die digitalen Übersetzungen den ersten Stein!

Es gibt sogar Probleme, bei denen auch das Nachdenken einem und einer wenig nützt:

Deutsch: ‹Daniel Barenboim spielt gut› —> Italienisch: ‹Daniel Barenboim suona bene›;

Deutsch: ‹Robert Lewandowski spielt gut› —> Italienisch: ‹Robert Lewandowski gioca bene›;

Deutsch: ‹Renée Zellweger spielt gut› —> Italienisch: ‹Renée Zellweger recita bene›,

Deutsch: ‹das spielt keine Rolle› —> Italienisch: ‹non ha nessuna importanza›…

Gut: ihr seid ja keine Maschinen und habt folglich das System vollkommen durchschaut. Fein! Aber wie übersetzt ihr jetzt: ‹Wilhelmine Hugentobler SPIELT gut›?

Abschließend muss ich sagen, dass die ärgerlichsten Übersetzungsfehler, denen ich in letzter Zeit begegnet bin, reinsten Humanübersetzungen anzukreiden sind: In der (an sich recht guten) deutschen Übersetzung eines englischen Romans kauft die Protagonistin auf dem Markt neben anderen Früchten auch ein paar ‹Tangerinen› ein! (‹Tangerins› sind aber auf Deutsch nicht Tangerinen, sondern Mandarinen). In einem amerikanischen Roman rät in der deutschen Übersetzung ein Arzt einem Nierenkranken, möglichst kein Potassium einzunehmen. (Das englische ‹potassium› heißt aber auf Deutsch ‹Kalium›.) Und wenn Anthony Burgess’ ‹Clockwork Orange› mit ‹Uhrwerk Orange› übersetzt wird statt mit ‹Uhrwerkorange›, ist es schon ärgerlich genug, doch wenn sich dann Alex nach einem seiner Gewaltexzesse aufs Bett wirft und Bachs B-Moll-Messe hört, die Bach nie komponiert hat, dann platzt mir schon der Kragen! — Dass ‹B minor› nicht ‹B-Moll› ist, sondern ‹H-Moll›, weiß Google nämlich.

Ich halte ja nicht sonderlich viel von Google, aber die Übersetzungen sind etwas von Besten, was die Organisation leistet.

Nummer 27:

Als 1974 der grafisch und kalligrafisch ziemlich begabte Ferran Etxeberria in Amorebieta-Etxano, einem stillen baskischen Städtchen, seine eben eröffnete Backstube stolz mit dem wunderschön selbstgemalten Schriftzug ‹Okindegia› (Bäckerei) versah, bekam er, statt einer Auszeichnung, ein paar Jahre Gefängnis. Der spanisches Schlächter Franco lag in den letzten Zuckungen vor dem lange ersehnten Abkratzen, und da er jede Verwendung aller einheimischen Sprachen verboten hatte, bäumte sich der hinfällige Tyrann geifernd und ersatzzähneflätschend auf, das Ladenschild eines fleißigen und unbescholtenen Bäckers zum Terrorakt zu erklären.

Ähnliche Feldzüge gegen Sprachen wurden und werden noch heute überall auf der Welt geführt (leider zum Teil mit mehr Erfolg). Von der enormen sprachlichen Vielfalt Nord- und Südamerikas bleiben nach den verheerenden Invasionen durch europäische Nationen nur noch vage Spuren. Was von den Sprachen der australischen Aborigines übrig bleibt, ‹vage Spuren› zu nennen, ist geradezu beschönigend. Kurden bangen um ihr Leben, wenn sie sich vom türkischen — unter anderem linguistischen — Diktat nicht unterjochen lassen. Die Sowjetunion hat, wie fast in allem, auch darin (glücklicherweise) versagt, Ukrainisch, Usbekisch, Azerisch, Kirgisisch und andere Sprachen, die sie ausrotten wollte, tatsächlich auszuradieren; aber wie viele ugro-finnische und turk-tatarische Sprachen im Osten des Landes, das sich selbst Russland nennt, den Zaren und später der UdSSR zum Opfer gefallen sind, werden wir nie wissen, so wie wir wohl nie wissen werden, was China wirklich seit vielen Jahrzehnten gegen Sprachminderheiten tut und erreicht. — Ich breche die Auflistung dieser Verbrechen hier ab. Nicht, weil die Liste annähernd vollständig wäre, sondern weil wohl bereits allen klar ist, dass sie endlos wäre (und weil ich sonst ein Magengeschwür bekomme).

Analog zu Wörtern wie ‹Genozid› (Völkermord), ‹Insektizid› (Insektenvertilgungsmittel), ‹Fungizid› (Pilzbekämpfungsmittel), ‹Herbizid› (Unkrautbekämpfungsmittel) ist der Ausdruck ‹Linguizid› geprägt worden: Lateinisch ‹lingua› (Sprache) mit der Endung ‹-cidium› (-tötung, -vernichtung, -mord), auf Deutsch auch Sprachmord genannt. Das Wort bezeichnet die geplante oder bewusst in Kauf genommene Vernichtung einer Sprache. Erreicht wird ein Linguizid in der Regel durch politische und institutionelle Maßnahmen, die die Verwendung einer Sprache verbieten. Neben dem offenen Versuch, eine Sprache zu unterdrücken oder auszurotten, wird in der Literatur auch das bloße Sterbenlassen einer Sprache oder der mangelnde Schutz einer Sprache als verdeckter Linguizid gewertet.

Sprachliche Minderheiten sind offiziell durch das Völkerrecht und den Minderheitenschutz der UNO und anderer internationaler Gremien geschützt.

Nummer 28:

Die linguistische Bouche will lieber amüsiert werden! Der Chef de cuisine bittet für das letzte bittere Häppchen um Nachsicht und verspricht wieder Appetibleres:

Warum entwickeln sich Sprachen überhaupt? Warum reden wir nicht mehr alle Protoindoeuropäisch oder eine noch ältere Ursprache? Vor allem: Warum verstehen wir die Sprache unserer Vorfahren nach wenigen Jahrhunderten nicht mehr? Offenbar kommen nicht bloß neue Wörter hinzu, was leicht erklärbar wäre, sondern die Bezeichnungen für gleichbleibende und gleich gebliebene Dinge und Sachverhalte verändern sich.

Jede Art von Entwicklung vollzieht sich im Spannungsfeld zweier konträrer Prinzipien, eines konservativen und eines innovativen. Die Zeit und die sich verändernden Bedingung entscheiden dann darüber, ob sich eine Veränderung durchsetzt oder nicht. 

Nehmen wir als erstes Beispiel für eine Entwicklung etwas Aktuelles: Ein Virus ist im Wesentlichen ein konservatives Prinzip. Es tut überhaupt nichts! Es ist in allem völlig passiv. Es befällt im Grunde niemanden, sondern wird von jemandem aufgenommen, nachdem es von jemand anderem ausgeschieden worden ist. Wer es aufgenommen hat, beginnt es zu kopieren, stellt eine große Zahl identischer Kopien des Virus her und scheidet eine gewisse Menge dieser identischen Kopien aus, die dann vom nächsten Wirt aufgenommen wird. Daneben gibt es eine innovative Kraft: ab und zu wird ein Virus vom Wirt falsch kopiert und bekommt dadurch leicht andere Eigenschaften. Und jetzt kommt die dritte Kraft ins Spiel: die Bewährung. Die allermeisten Kopierfehler führen zu einem Nachteil für das Virus. Folgerichtig sterben diese Viren aus. Eine verschwindend kleine Zahl von Kopierfehlern kann aber dazu führen, dass die neue Variante leichter ausgeschieden oder leichter aufgenommen oder leichter kopiert wird. Diese Variante wird sich schneller und erfolgreicher verbreiten und schließlich gegenüber der alten Version durchsetzen. — Ebenso die Entwicklung in der Kunst: Künstlerinnen und Künstler lernen von den Meisterinnen und Meistern der Vergangenheit die Techniken, die ästhetischen Gesetze, die traditionellen Bedeutungen der Elemente und der Ausdrucksformen. (Das Konservative; deshalb heißt die Musikhochschule Konservatorium.) Den Künstlerinnen und Künstlern wird die ganze Sache aber irgendwann zu eng. Sie versuchen auszubrechen, beschreiten neue Wege, finden neue Formen, Verbindungen, Irritationen — nicht, weil Neues grundsätzlich gut wäre, sondern weil das Traditionelle allein nicht hinreicht, alles auszudrücken, was die Künstlerseele ausdrücken will. (Das Innovative.) — Wie für das Virus kommt dann auch für die Kunst die Bewährung: Wird die neue Musik verstanden? Wird die neue Bildsprache von den Rezipienten und Rezipientinnen aufgenommen? Wird die neue Erzählform, die neue Kameraführung im Film, das neue Material in der Bildhauerei, die neue Ästhetik fortan gelehrt und gelernt? Hat die Innovation in der Zeit Bestand?

So verhält es sich auch mit den Sprachen! Ein Neandertalerchen lernt vom Neandertaler, wie man Feuer macht und was man eine FLAMME nennt. (Konservatives Prinzip.) Irgendwann ist das Neanderkind dann ein Neanderteeny, das weiche Knie kriegt, wenn es in der Höhle nebenan das neu eingezogene Neandermädchen sieht. Und wenn der Junge beim Jagen dann den Kopf nicht mehr bei der Sache hat und der Papa ihn fragt: «Was ist denn heute los mit dir?», dann antwortet er vielleicht: «Weißt du, wenn ich die neue Neanderin sehe, fühle ich eine FLAMME in der Brust.» (Innovatives Prinzip). Anders als bei der künstlichen Intelligenz (im Moment noch) besteht bei Neanderpapa diese Innovation die Bewährungsprobe: Er versteht vollkommen, was sein Sohn ihm sagen will! Er macht sich die neue metaphorische Dimension des Wortes sogar zueigen und sagt am Abend zu Neandermama: «Die Neue von nebenan ist die FLAMME unseres Kleinen. Ich glaube, den hat’s erwischt, wie es mich erwischte, als ich dich zum ersten Mal sah.» Und schon lodert eine völlig neue Bedeutung über die Eiszeit hinaus.

Nummer 29:

Wir haben schon in einigen Amuse-Bouche gesehen, dass die Sprecherinnen und Sprecher verschiedener Sprachen (aller Sprachen!) dauernd die Grenzen der eigenen grammatikalischen und lexikalischen Vorgaben überschreiten wollen und letztlich, ob bewusst oder unbewusst, diese Grenzen auch tatsächlich dauernd überschreiten. Es ist, als wären uns unsere Sprachen fortwährend eine zu kurze Decke und als könnten wir damit nie ganz abdecken, was wir meinen, als wollten wir immerzu mehr sagen, als die Wörter und die Worte, die uns zur Verfügung stehen, bedeuten.

Drum verwenden wir Wörter mit einer konkreten Bedeutung oft nicht im konkreten, sondern in einem übertragenen Sinn, was wir dann eine Metapher nennen. Zum Beispiel: ‹Scrupulus› ist ein Steinchen. Wenn man ein Steinchen im Schuh hat, kann man nicht einfach und energisch drauflos marschieren. Man macht vorsichtig kleine Schritte, ohne den Fuß allzu doll aufs Pflaster zu schlagen, weil es sonst weh tut. Wenn man dann das Steinchen entfernt hat, kann man wieder ungehemmt und… ja, eben ‹sine scrupulo›, ohne Skrupel oder skrupellos voranschreiten. 

Aber die allen Sprachen innewohnende Anarchie ist weit dreister als die Verwendung von Metaphern! Die Anarchie benutzt ganz selbstverständlich, beiläufig und ohne Aufhebens oft auch die Paradoxie! 

Ein Schild mit dem Hinweis ‹Kein Durchgang› ist intrinsisch paradox! Es würde nämlich überhaupt keinen Sinn ergeben, das Schild dort anzubringen, wo tatsächlich kein Durchgang ist! Man stelle sich vor, das Schild ‹Kein Durchgang› stünde an einer dicken Betonwand, an einem Granitfels oder an einer mehrere Kilometer dicken Eiswand eines grönländischen Gletschers! Das wäre absurd! ‹Kein Durchgang› kann doch bloß bei einem Durchgang, bei einem wirklichen und echten Durchgang stehen! ‹Kein Durchgang› bedeutet sogar — und zwar unmissverständlich: ‹Dies IST ein Durchgang›! Ja, was denn sonst? Es bedeutet: ‹Dies ist zwar ein Durchgang, denn sonst müsste gar kein Schild dastehen, aber es ist sozusagen kein Durchgang für DICH, der du dies liest, sondern bloß für mich, der ich das geschrieben habe.›

Mit andern Worten: ‹Kein Durchgang› ist keine Aussage über den Durchgang, sondern über ein Recht, das den Lesenden nicht eingeräumt wird.

Nummer 30:

Der Text, den ich gerade schreibe, gibt den Lesenden, noch bevor sich die Frage stellt, was ich überhaupt sagen will, eine äußerst wichtige Information: Er sagt, dass der Text selbst auf Deutsch verfasst ist. — Ja, es ist eine Binsenweisheit, aber doch keine ganz unerhebliche: Bis vor nicht allzu langer Zeit musste man beispielsweise, wenn man einen Text vom Computer korrigieren lassen wollte, in den Korrektureinstellungen die Sprache wählen, denn wenn die falsche Sprache eingestellt war, gab es fast unter jedem Wort eine rote Wellenlinie. Neuere Software erkennt die Sprache anhand verschiedener Analyse-Kriterien (Art und Häufigkeit bestimmter Buchstaben, lexikalische Kriterien, syntaktische Kriterien.) Doch auch gegenüber den modernsten Programmen sind Menschen (im Moment noch) etwas schneller. — Na gut, sagen wir: einige Menschen.

Es gibt jedoch Texte, die auch Menschen Schwierigkeiten bereiten können. Den folgenden Text

I VITELLI DEI ROMANI SONO BELLI

übersetzen die meisten Studentinnen und Studenten auf Anhieb und völlig korrekt mit ‹Geh, oh Vitellius, beim Kriegsklang des römischen Gottes.› — Außer ein paar wenigen, die den Text für italienisch halten. Die übersetzen: ‹Die Kälber der Römer sind schön›.

(Aulus Vitellius (12 oder 15 – 69 n. Chr.) war von April 69 bis zu seinem Tod im Dezember desselben Jahres römischer Kaiser.)