Linguistische Amuse-Bouche 31 bis 35

Alberigo Tuccillo Gesellschaft, Sprache

Nummer 31:

Ob ‹Servus› in Wien oder ‹Ciao› in Venedig und inzwischen auf der ganzen Welt: Ein Gruß ist etwas Nettes, Freundliches! — Weniger nett ist die Herkunft und ursprüngliche Bedeutung dieser beider Grußwörter, die nebenbei identisch ist.

Man verzeihe mir, dass ich manchem und mancher schon wieder mit dem (zu Unrecht!) verhassten Latein die Laune verderbe, aber ich habe es nicht zu verantworten, dass der ‹Servus› in der Antike und im Mittelalter ein Sklave war! Erst in der Barockzeit wurde der Sklave zum Diener. Und ob sich für ihn dadurch wirklich viel änderte, wage ich zu bezweifeln. 

In der Republik Venedig, der Serenissima, holte man die Leibeigenen vornehmlich aus Slowenien, Dalmatien, Kroatien, Serbien, Bosnien, Bulgarien… — das waren Slawen. Ein kleiner linguistischer Schritt und aus ‹Slawen› wurden ‹Sklaven›. Auf Italienisch wurde ‹uno slavo› zu ‹uno schiavo›. Und weil die sonst durchaus sympathischen Venezianer die Angewohnheit haben, die Muskulatur des Sprechapparates extrem zu schonen, wurde aus ‹schiavo› in drei phonetischen Sparmaßnahmen ‹sciavo›, ‹sciao›, ‹ciao›.

Wie wurde aber aus dem Sklaven ein Gruß? — Ganz einfach: Wenn der Herr jeweils in die Hände klatschte, kam der Sklave sofort herbeigeeilt, verneigte sich und sagte: ‹Servus sum, Domine… (ich bin dein Sklave, Herr, rede und gebiete)›.

Nummer 32:

Deonyme (auch Eponyme) sind Wörter, die von einem Eigennamen abgeleitet worden sind. Das gab es schon seit jeher: Aus dem Eigennamen Gaius Iulius CAESAR (ausgesprochen KAESAR) wurde Deutsch ‹Kaiser› und beispielsweise Russisch ‹Zar›. Der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen entdeckte die nach ihm benannte Strahlung. Und wenn man mittels dieser Strahlung ein gebrochenes Schienbein oder einen faulen Zahn untersucht, sagt man es mit einem Verb, mit dem Deonym ‹röntgen›.

Deonyme sind oft nicht mehr als solche erkennbar. Viele nisten sich mit der Zeit in unserem Wortschatz ein und leben da munter weiter, auch wenn die Erinnerung an die Erfinderin oder den Erfinder gänzlich verblasst ist. Als Deonyme bezeichnet man auch Marken- und Warennamen, die zum Gattungsbegriff werden. Ein paar Beispiele:

Zeppelin ist bloß der Erfinder des Starrluftschiffs (erst noch zeitgleich mit Schütte-Lanz; und der Ungar David Schwarz machte die Erfindung sogar noch vor Zeppelin).

Das, was man eine Neonröhre nennt, ist meistens eine ganz andere Leuchtstoffröhre, denn eine Neonröhre leuchtet rot. Früher verwendete man Neonröhren für Leuchtreklamen. Heute verwendet man auch dann gewöhnliche Leuchtstoffröhren, wenn man rotes Licht will — man wickelt einfach eine transparente rote Folie um die weiße Lichtquelle. Man nennt heute die Leuchtstoffröhre ‹Neonröhre›, weil die Herstellerfirma sich mit der echten Neonröhre auf dem Markt bereits etabliert hatte und es kundenfreundlicher fand, die Leuchtstoffröhre eine Weißlicht-Neonröhre zu nennen.

Duden ist ein Verlag: Nur ein Nachschlagewerk dieses Verlags ist ein Duden.

Aspirin ist eine Firmenbezeichnung für Acetylsalicylsäure.

Tempo oder Kleenex sind ebenfalls Firmen, auch wenn die Namen inzwischen auch für Papiertaschentücher anderer Hersteller verwendet werden.

Was ‹geschäumtes Polystyrol› ist, weiß man in der Regel nicht, aber unter den Produkte-Namen Styropor oder Sagex ist der äußerst leichte und feste Kunststoff fast allen bekannt.

Ebenso kann man sich unter Polytetrafluorethylen meistens gar nichts vorstellen, obwohl man auf die Teflon®-Beschichtung der Bratpfanne nicht verzichten möchte.

Als Diesel bezeichnet man das Gemisch verschiedener Kohlenwasserstoffe, das als Treibstoff für den von Rudolf Diesel erfundenen Motor dient.

Deonyme, Marken- oder Firmennamen sind auch: Tesa, Scotch, Bostitch, Post-it, Uhu, Walkman, Discman, Tupperware, Maggi, Kärcher, Jacuzzi, Whirlpool, Vaseline, Dynamit, Fön (eigentlich ‹Foen›), Knirps, Pampers, Babyfon, Labello, Q-Tips, Polaroid, Flipflop, Goretex, Jeep, Bobby-Car, Lego, Kalaschnikow, Colt, Petrischale, Bunsenbrenner, Saxofon, pasteurisieren, Martinshorn, googeln, morsen, Litfaßsäule, Weckglas (und ‹einwecken›).

Eigentlich sind auch folgende geografischen Bezeichnungen von Eigennamen abgeleitet: Amerika, Bermuda, Bolivien, Humboldt-Strom, Israel, Karlsruhe, Kolumbien, Leverkusen, Liechtenstein, Louisiana, Mauritius, Philippinen, Rhodesien, Saudi-Arabien, Seychellen, Victoria, Washington, Wellington.

Dasselbe gilt auch für Krankheiten wie Down-Syndrom, Alzheimer, Parkinson, Creutzfeldt-Jakob, Salmonellen, Listerien, Asperger-Syndrom, Basedow-Syndrom, Morbus Hodgkin, Marburg-Fieber, Sadismus, Masochismus.

Nummer 33:

Die römischen Legionäre waren mehrheitlich Syrer, Ägypter, Goten, Dakier, Thraker und andere. Die konnten meistens gar kein Latein und erst recht nicht lesen und schreiben. Echte Römer waren in der Armee fast ausschließlich die Offiziere und Söhne von Bürgern, die arg verschuldet oder aus irgendwelchen anderen Gründen in Ungnade gefallen waren und deshalb als gewöhnliche Legionäre dienen mussten. Dasselbe wie für die Soldaten galt bezüglich Kenntnisse der Amtssprache auch für die rechtlosen Bauern, Handwerker und Händler nördlich der Alpen, und für diese sollte es weit über das Ende des Weströmischen Reiches (476 nach der Zeitrechnung) auch so bleiben. Die Verwaltung, die Gesetze, die Verträge, Dekrete, Erlasse und Bestimmungen wurden jedoch immer auf Lateinisch abgewickelt und verfasst.

Während der mehr als 1700-jährigen Zeit, bis ungefähr zur Französischen Revolution, war es im Europa außerhalb des lateinischen Kernlandes eine völlig übliche Situation, dass in einem Gerichtssaal der Richter, der Gerichtsschreiber und ab und zu ein beigezogener beratender Rechtsgelehrter, oft ein Geistlicher, sich auf Lateinisch unterhielten und die Verhandlung für sich führten, während Kläger und Angeklagter einander auf Einheimisch anbrüllten, das Gericht weder verstanden noch von diesem verstanden wurden, von der Wache hin und wieder einen Tritt in die Genitalien oder einen Schlag auf den Kopf bekamen, wenn sie zu laut wurden und die Juristen in ihrer lateinischen Litanei störten, bis sie schließlich in feierlichem Ton ein lateinisches Urteil vorgelesen bekamen, das sie ebensowenig verstanden wie den ganzen Rest. Es sollte für alle Anwesenden inklusive den unmittelbar Betroffenen bis zuletzt spannend bleiben: Man würde ja schon früh genug sehen, wer von den beiden am Galgen hängen würde oder welchem Schlitzohr man eben einen Schlitz ins Ohr schneiden wollte.

In diesen heute kaum mehr vorstellbaren Verhältnissen sind aber aus den unvermeidlichen Missverständnissen und Irrtümern die köstlichsten Redewendungen erblüht! Eine davon kennen wir wohl alle: Wenn uns etwas als empörend, dreist, unsagbar und unfassbar enttäuschend vorkommt, sagen wir, es sei ‹unter aller Kanone›.

Logischerweise kann die Wendung frühestens aus dem Ende des 15. Jahrhunderts stammen, denn vorher gab es keine Kanonen. Aber die lateinische Floskel, aus der die Wendung entstanden ist, ist viel älter, und die heißt ‹sub omni canone› (nach jedem Gesetz, nach jeder Gesetzessammlung). Das Wort ‹Canon› hat nichts mit einer Kanone zu tun. Ursprünglich bedeutete es Maßstab, Richtlinie. Später wurde daraus eine Sammlung; etwa der Texte, die man offiziell in die Bibel aufnahm, oder von Gesetzen, die einen bestimmten Bereich betrafen (die Nutzung einer Pass-Straße, die Eheschließung, die Jagd, die Fischerei, die Marktbestimmungen etc.). Die Worte ‹sub omni canone› wurden jeweils vom Richter der Formulierung der Anklage beigefügt, um der Möglichkeit vorzubeugen, dass der Angeklagte (meistens ein Fremder) sich damit herausreden würde, anderswo sei das, was er getan hatte, gar nicht verboten. — Ein Händler aus Basel hatte beispielsweise Wein mit bestem Quellwasser verdünnt und wollte nun ein paar Fässer davon in Aachen verkaufen. Nachdem die betrogenen Wirte ihn ordentlich verprügelt und ihm das Geld abgenommen hatten, schleppten sie ihn, um die Sache abzurunden, auch noch vor Gericht. Der Richter sagte ihm auf Lateinisch: «Das, was du getan hast, ist schändlich! Es gefällt Gott nicht und uns noch viel weniger! Und jetzt behaupte nicht, das sei in Basel an der Tagesordnung, denn es ist nach jedem Gesetz verboten! Sub omni canone!» — Die klagenden Wirte nickten und murmelten: «In der Tat, das ist unter jeder Kanone.»

(Die Formel ‹sub omni canone› ist im ganzen Reich während mehr als tausend Jahren in Gerichtsakten tausendfach belegt. Sie war so üblich, dass sie oft als ‹s.o.c.› abgekürzt wurde.)

Nummer 34:

NON SCHOLAE SED VITAE DISCIMUS

(Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.)

Dieses Motto thronte über der Lektion 4 unseres Lateinbuches! Auch später — nicht in der Schule, sondern im Leben, eben — bin ich dem Zitat immer wieder begegnet. Anfänglich fand ich bloß, es sei ein Gemeinplatz, nichts wirklich Gescheites, nichts, was verdiente, in Versallettern mit auf den Lebensweg gegeben zu werden. So als würde man nach langer Meditation feierlich und endlich erleuchtet verkünden: ‹Wir kochen zwar in der Pfanne, essen aber aus dem Teller.› Umwerfend.

Mit der Zeit und je öfter ich diesem Paradebeispiel der Unbedarftheit begegnete, desto mehr begann es mich zu nerven. Wer war es denn, der sich die Mühe gemacht hatte, eine solche Plattheit auf Lateinisch auszuscheiden, und warum machte man sich immer noch die viel unverständlichere Mühe, sie der Nachwelt dauernd unter die Nase zu reiben? Ich forschte nach und war bald nicht bloß fündig, sondern höchst erstaunt: Der Urheber ist kein Geringerer als der verehrte und verehrenswerte Lucius Annaeus Seneca! Zur Ehrenrettung des großen Philosophen merkte ich aber sofort, dass er immer falsch zitiert wird! In einem Brief an seinen Schüler Lucilius, schrieb Seneca nämlich genau das Gegenteil von dem, was man ihm seit Jahrhunderten in den Mund legt:

NON VITAE SED SCHOLAE DISCIMUS

(Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir).

Nun reden sich die Zitatenfälscher damit heraus, Seneca habe seinen Satz doch ironisch gemeint, also würde ihre syntaktische Retusche schlicht einem Missverständnis durch die noch unreifen Schülerinnen und Schüler vorbeugen. — Ach ja? Wie dankbar müsste doch Seneca den gestrengen Bildungs- und Erziehungsräten sein, dass sie ihm erklären, was er im Grunde sagen wollte! Und selbst wenn es so wäre! Selbst wenn die Manipulation im Sinne Senecas wäre (was nicht der Fall ist!), woher bitteschön nimmt man das Recht, einem Zitat die Flügel nach eigenem Gutdünken zu stutzen, um daraus ein flugunfähiges geflügeltes Wort zu machen?

Ich bin davon überzeugt, dass Seneca zwar provozieren, aber genau das sagen wollte, was er sagte! — Niemand lernt in seinem ganzen Leben mehr, als er oder sie in den ersten Lebensjahren bis zum Schuleintritt gelernt hat. Ein Kind lernt nicht, was ein Rabe ist, weil es Ornithologin oder Ornithologe werden will, und nicht das Konjugieren von Verben, weil es der dereinstigen Karriere förderlich ist. Es will einfach wissen, wie der Vogel heißt, und es will reden lernen, um ausdrücken zu können, was es denkt! Ich habe in vierzig Jahren im Schuldienst die Erfahrung gemacht, dass nicht diejenigen am besten Italienisch und Deutsch gelernt haben, die später ihren Bewerbungen ein schönes Zeugnis oder ein B2-Zertifikat beilegen wollten, sondern diejenigen, die Italienisch und Deutsch lernen wollten, weil sie Italienisch und Deutsch können wollten.

Nummer 35:

Ich möchte gleich vorweg etwas klarstellen: Ich will mit meinen ‹Amuse-Bouche› über das hinaus, was ich wörtlich sage, gar nichts Weiteres sagen. Ich fordere weder die Abschaffung des Grußes ‹ciao› noch die Wiedereinführung der Lateinpflicht für das Medizinstudium, noch bin ich der Ansicht, dass indoeuropäische Sprachen anderen Sprachfamilien überlegen seien, und ich will nicht belehren, vor nichts warnen, niemanden beschämen, sondern einzig und allein unterhalten, denn sonst hätte ich zumindest eine andere Überschrift für die Rubrik gewählt. Dass ich zugleich sage, was wissenschaftlich belegt ist und was bloß hübsche Geschichten sind, die von der Wissenschaft nicht anerkannt werden, hat mit meinem Verständnis von Unterhaltung zu tun. Ich möchte also — bitte! — nicht dauernd Aufschreie der Entrüstung aus dem Messenger-Chat entfernen müssen. Nicht, weil ich keine Kritik vertrage, sondern weil ich mich nicht gern für Aussagen rechtfertige, die ich nie gemacht habe.

Und bei diesem ‹Amuse-Bouche› will ich speziell, explizit und unmissverständlich vorausschicken, dass meine Überzeugung und Haltung erschöpfend und ohne Vorbehalte in den 30 Artikeln der Menschenrechtserklärung von 1948 nachzulesen sind, auch was jede Art von ‹Emanzipation› angeht.

Das lateinische Wort ‹emancipatio› ist eine Zusammensetzung aus drei Wörtern: ‹e›: aus (wie in ‹aus-ziehen›, ‹aus-führen›, ‹aus-radieren›…), ‹manus›: Hand (aber eigentlich wie in ‹Handhabung›, ‹Handwechsel›, ‹Handel›), ‹capere›: nehmen. Ausgangspunkt ist das Wort ‹mancipatio›, was seit der Republik, vermutlich aber bereits unter den Königen, und weit über die Kaiserzeit hinaus in Rom einem heutigen schriftlichen Vertrag entsprach: durch Erheben der Hand wurde, in Anwesenheit von fünf Zeugen, eine Sache (Güter, Immobilien, Sklaven) in Besitz genommen. Als ‹mancipium› wurde das Wort dann zum juristischer Fachausdruck und auch auf Urkunden ausgedehnt. Die ‹e-mancipatio› war dann die Freigabe aus dem Besitz, im juristischen Sinn zunächst die Entlassung eines Sohnes (für Töchter galt ein anderes Gesetz) aus der väterlichen Gewalt in die Selbständigkeit. Später galt dieselbe Regelung für die Freilassung eines Sklaven aus dem Eigentum seines Herrn. Faktisch bedeutete dies aber keineswegs eine Missbilligung der Sklaverei. Die Befreiung bedeutete, dass sich der Sklave durch Geld oder durch eine besondere Leistung, die einer gewissen Geldmenge entsprach, vom Herrn losgekauft hatte. (Er hatte den Preis für sich selbst entrichtet). Dadurch erwarb der Sklave das Recht, seinerseits Sklaven zu kaufen, was er in der Regel tat, sobald er es sich leisten konnte.

Im Kirchenrecht wurde der Begriff von X. bis ins XVIII. Jahrhundert vornehmlich für eine partikuläre Situation verwendet: Kinder, die man der Obhut eines Ketzers gewaltsam entriss und in ein Kloster steckte, also eigentlich versklavte, wurden ‹emanzipiert›, von der Obhut des Ketzers in die Knechtschaft durch die Kirche überführt.

Die oben erwähnten Töchter wurden im Gegensatz zu den Söhnen nicht aus der väterlichen Gewalt entlassen, sondern gingen in den Besitz des Ehemannes über. Auch wenn sich in der Praxis römische Frauen in einem Maß aus den Fittichen des Vaters lösten und ihre eigenen Wege gingen, das heute sehr überrascht, stand es ihnen nicht nach dem Gesetz zu.Der Philosoph Moses Mendelssohn erreichte im XVIII. Jahrhundert geringfügige Anerkennung einiger weniger Rechte für Juden im preußischen Staat und nannte seine mäßigen Erfolge ‹Jüdische Emanzipation›.