Linguistische Amuse-Bouche 36 bis 40

Alberigo Tuccillo Gesellschaft, Sprache

Nummer 36.1:

Diesmal ein zweigängiges Amuse-Bouche mit deftiger ‹Entrée froide› und, morgen oder übermorgen, ‹Couronnement surprise›. (Wahrscheinlich wird bei diesem ersten Gang nicht klar, worauf ich überhaupt hinaus will. Aber das macht es vielleicht spannend.)

Was könnten Norddeutsche mit der neapolitanischen Pizza zu tun haben? — Ich stelle eine zugegebenermaßen kühne Überlegung an, die wohl nie Bestätigung oder Widerlegung erfahren wird.

Die Pita, das Fladenbrot, seit dem frühen Altertum von Mesopotamien bis zum Mittelmeer bekannt, heißt und hieß fast überall ähnlich oder sogar gleich und ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Wortursprung der Pizza.

Altgriechisch ‹πὴκτα› (pekta)*, Neugriechisch ‹πίτα› (pita), Lateinisch ‹picta›, Italienisch ‹pitta›, Hebräisch ‹פַּת› (paṯ)*, Aramäisch ‹פתא› (pittā’)*, Ivrit ‹פִּתָּה› (pittāh), Türkisch ‹pide›, Albanisch ‹pite›, — (Um genau zu sein: die 3 Wörter mit * bezeichnen nicht speziell das Fladenbrot, sondern Brot allgemein oder, je nach Epoche, ein Stück Brot oder Brotkrumen).

Und nun zu den Langobarden! Das kleine Volk, das im ersten Jahrhundert vor der Zeitrechnung noch in Südschweden lebte, ließ sich zweihundert Jahre später am unteren Lauf der Elbe (zwischen Cuxhaven und Magdeburg) nieder und wuchs da bis zum sechsten Jahrhundert zu einem starken und militärisch gut organisierten Volk an. In einer sehr schnellen Migration südwärts, in der sie sich zum Teil mit anderen germanischen Volksgruppen vermischten, erreichten sie in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts die zu jener Zeit von Byzantinern und Ostgoten beherrschte italische Halbinsel. Der Rest ist bekannt: Die Langobarden gewannen jede Schlacht und besetzten in kurzer Zeit ganz Italien. — Ganz Italien? Nein! Drei unbeugsame Regionen leisteten tapfer Widerstand: Kalabrien, Sizilien und Sardinien! (Und das ist wichtig für meine unverschämte Überlegung! Na gut: Sardinien musste keinen Widerstand leisten, denn zu den vielen Dingen, von denen die Langobarden keinen blassen Schimmer hatten, gehörte das Meer.)

Ob es wahr ist, dass die Langobarden zum Schlafen ihre Kleider und Stiefel nicht auszogen, ob es wahr ist, dass sie dachten, Waschen und Körperpflege würden ihre Kampfkraft schwächen, werden wir wohl nie wissen. Was wir aber sicher wissen, ist, dass sie überzeugte und stolze Analphabeten waren, die es bleiben wollten! Überraschend ist daran vor allem, dass sie die Vorzüge der römischen Kultur, der Wissenschaft, der Kunst, der fortgeschrittenen Technik in der Landwirtschaft und im Bauwesen, der geschriebenen Gesetze und der Rechtswissenschaften durchaus anerkannten und bewunderten. So beschlossen sie: «Die Römer kümmern sich um die Verwaltung, um die Landwirtschaft, die Urbanistik, den Handel, die Kultur, die Justiz und so weiter, wir treiben die Steuern ein und regeln alles, was man mit dem Schwert regeln kann.» — Der langobardische Staat blieb im Wesentlichen römisch. 

(Wer mir jetzt unterstellen will, dass ich gegen Langobarden bittere Vorurteile kultiviere, wird in der nächsten Folge erst recht Anlass dazu haben. Bis bald also und: Bonne digestion pour le moment!)

Nummer 36.2:

Et voilà, le deuxième plat, les dames et messieurs sont servis. Bon appétit.

Ein merkwürdiges Verhältnis hatten die Langobarden nicht bloß zu andern Kulturen und anderen Lebensweisen, sondern auch zu sich selbst und zur eigenen Identität: Innerhalb dreier Generationen nach ihrer Machtergreifung in Italien, starb ihre Sprache aus — und böse Zungen behaupten, die bärtigen Krieger hätten bald angefangen, sich sogar mit Stoffkleidern statt mit Fellen zu bekleiden, sich zu waschen und zum Schlafen die Stiefel auszuziehen.

Dennoch hatten die Langobarden durch ihre Herrschaft auch einen gewissen sprachlichen Einfluss auf das Italienische. Eine Liste von Wörtern langobardischen Ursprungs soll zeigen, wie das Italienische, wenn nicht gerade bereichert, so doch angereichert wurde: ‹rubare› (rauben, stehlen), ‹grinta› (Fratze, verzerrtes Gesicht, Verbissenheit), ‹bara› (Sarg), ‹guerra› (Krieg), ‹graffiare› (zerkratzen), ‹farabutto› (Dreckskerl), faida (Blutrache), ‹scherma› (Fechten), ‹scudo› (der Schild), ‹attaccare› (angreifen), ‹tanfo› (Moder, Gestank, faulige Ausdünstung), trappola (Falle), ‹strozzare› (erwürgen), ‹manigoldo› (hinterhältiger Mensch), ‹guado› (Hinterhalt), ‹arraffare› (gierig an sich reißen), ‹spaccare› (mit Wucht zerstören, zerschmettern), ‹forfora› (Kopfschuppen), ‹zuffa› (Schlägerei)… 

Ursächlich nicht geklärt, aber zeitlich gesichert ist eine auffällige Koinzidenz: Die lateinische Aussprache vieler Wörter mit ‹t› (Dalmatia, Raetia, tertius, pretium, tia, natione, portione, ratione, essentia, gentiana, patientia, Florentia etc.), in denen das t auch als t ausgesprochen wurde, mutierte zu ‹z› (Dalmazia, Rezia, terzo, prezzo, zia, nazione, porzione, razione, essenza, genziana, pazienza, Florenzia —> Firenze etc.) — Und dies geschah genau dann, als die Langobarden auftraten, und überall dort und nur dort, wo die Langobarden waren, auch wenn sich dann viel später diese Änderung der Aussprache allmählich auch auf andere Sprachräume ausdehnte.

Auf den Punkt gebracht: Wir haben zu wenig in der Hand, um diese Lautverschiebung eindeutig den Langobarden zuzuschreiben. Es gibt zwei Gründe dagegen, einen dafür. Dagegen: 1. Langobarden waren auch in ihrem möglichen Einflussgebiet demographisch stets in der Unterzahl. 2. Das Langobardische war gegenüber der Lokalsprache nie dominant. Dafür: Die Lautverschiebung stellt sich dort und nur dort ein, wo Langobarden waren, die ihre Sprache noch benützten.

Und nun zu meiner Frage, die wohl nie eine Antwort bekommen wird: Könnte es sein, dass die Langobarden, als sie nach Neapel kamen, gierig und gieprig mit den Fingern in ihre offenen Münder und dann auf die duftenden Fladenbrote im Ofen zeigten und ‹Pizza› sagten, weil sie ‹Pitta› nicht aussprechen konnten? — Vergessen wir nicht: Überall in Italien, wo die Langobarden nicht waren, nämlich in Kalabrien, Sizilien und Sardinien, sagt man immer noch ‹Pitta›!

Als Neapolitaner und Pizza-Liebhaber hoffe ich selbstverständlich sehr, dass sich meine Vermutung (sie ist ja zu schwach, um sie eine Theorie zu nennen) als falsch erweist!

Nummer 37:

Meinen Vornamen schulde ich einer Familientradition: So hieß mein Urgroßvater, ein Onkel, so heißt ein Cousin zweiten Grades, und mein Großvater hatte einen Cousin, der denselben Vornamen trug. Seit Jahrhunderten taucht der Name in meinem Stammbaum immer wieder auf. Hoffentlich machen meine Söhne der Geschichte ein Ende.

Es ist ein germanischer Name: Alberich, zusammengesetzt aus Althochdeutsch ‹albh›, was ‹Elf› bedeutet, und ‹rikja› (Herr, Herrschaft, Anführer). Vor allem der zweite Teil kommt in vielen germanischen Namen vor: Heinrich, Friedrich, Erich, Ulrich, Theoderich…

Der erste Alberich, der uns in den Sinn kommt, ist wohl der Zauberer aus dem Nibelungenlied — ja, richtig, der mit der Tarnkappe, für den ich auch kurz eine linguistische Klammer aufmache: Seine Tarnkappe ist natürlich keine Kappe, sondern eine ‹Cappa› — in der internationalen Laufsteg-Sprache würden wir heute sagen ‹ein Cape› — also ein Mantel. Darunter kann man sich auch besser verstecken als unter einer Mütze. 

In der provenzalischen Dichtung entstanden Varianten: Alvari, Albéri und Aubery. In England kam es zum shakespearschen Oberon und zum weidlich verbreiteten Aubrey (eigentlich nur als Männervornamen, erst später, vornehmlich in den USA, wurden auch Frauen auf den Namen getauft — vermutlich wegen der Ähnlichkeit mit dem Namen ‹Audrey›, mit dem er nichts zu tun hat). 

Dante erfindet für die Divina Commedia mit Frate Alberigo eine ganz verruchte, hinterhältige Figur, die er im dritten Kreis der Hölle schmoren lässt, und Wagner lässt Alberich im Rheingold wütend keifen: «Gewänn ich nicht Liebe – doch listig erzwäng’ ich mir Lust!»

Ach, von Dantes Frate Alberigo über Shakespeares Oberon zu Wagners Alberich… nichts als Negativfiguren! Dabei bin ich doch ein so gutmütiger Kerl! Die Sprachgeschichte ist nicht immer gerecht.

Nummer 38 (Nachtrag zu 37):

Martin Waldseemüller, latinisiert Martinus Hylacomylus, war ein deutscher Humanist und Kartograph. Er fertigte unter vielen anderen Kostbarkeiten eine Weltkarte an. Es war weder die erste noch eine besonders genaue Weltkarte. Dennoch hinterließ diese Karte wegen einer beiläufigen Bemerkung eine ungeahnte Spur in der Weltgeschichte: Die Länder (fast ausschließlich Inseln) jenseits des Atlantiks konnte Waldseemüller nur vage skizzieren und eigentlich gar nicht beschriften, weil er über sie kaum Informationen besaß. Er schrieb summarisch irgendwo ins Meer ‹Terrae Americi› (die Länder des Amerigo, gemeint: die Länder, die der Florentiner Vespucci in seinem Buch «Paesi nuovamente retrovati et Novo Mondo da Alberico Vesputio Florentino» beschreibt).

Ja! Ihr habt schon richtig gelesen! Und es ist kein narzisstischer Tippfehler meinerseits: Auf dem Frontispiz des berühmten Reiseberichts nennt sich der Seefahrer tatsächlich so: Alberico Vesputio Florentino. — Es war im XVI. und bis sogar ins XIX. Jahrhundert hinein gang und gäbe, dass Leute sich so schrieben, wie es ihre Laune grad wollte. Beethoven zum Beispiel unterschrieb bald mit Ludvig, Ludwig oder Ludevig, bald mit Louis, bald mit Ludovico, Lodovigo oder Luigi und, wenn in seinem Kopf gerade Pauken schlugen und Posaunen dröhnten, sogar mit Luiggi.

Dass man nicht genau weiß, wie Vespucci eigentlich hieß, ist also nicht außergewöhnlich. Erstaunlich ist höchstens, dass es der schamhaft zurückhaltend gekritzelte Name auf der Weltkarte und nicht jener auf dem Titelblatt des ziemlich umfangreichen Reiseberichts war, nach welchem der neue Kontinent benannt wurde. — Jedenfalls bin ich froh, dass er nicht Alberika heißt!

Nummer 39:

Eine gewählte schweizerische Politikerin mit einer hochrangigen politischen Funktion sagte unlängst öffentlich: «Wir leben in einer Diktatur.»

Ein kluger Mensch bezeichnete auf Facebook diese Aussage als paradox und argumentierte wie folgt: «Allein die Tatsache, dass Frau M. M.-B. (Name der Redaktion bekannt) als Volksvertreterin und in ihrer offiziellen Funktion eine solche Aussage ungestraft manchen kann, widerlegt deren Inhalt. Man braucht gar nicht erst den Vergleich mit Regimen der Vergangenheit anzustellen. Es genügt, sich vorzustellen, was dieser Frau blühen würde, wenn sie eine solche Aussage im chinesischen, nordkoreanischen, russischen, belorussischen, türkischen oder ungarischen Parlament gemacht hätte.»

Die Argumentation ist korrekt: Die Aussage widerlegt sich selbst und ist somit — da man ja annehmen muss, dass die Urheberin dies selbst weiß — nicht bloß widersinnig, sondern auch im übelsten Sinn zynisch.

In einer ursprünglichen und umgangssprachlichen Verwendung des Wortes darf man die Aussage auch durchaus als ‹paradox› bezeichnen, denn Griechisch παράδοξος (parádoxos) bedeutet ‹wider das gewöhnliche Verständnis, widersprüchlich›.

In der Fachsprache (der Philosophie, der Logik, der Mathematik, der Informatik) hat der Begriff allerdings eine etwas eingeschränktere Bedeutung: Dem hier untersuchten populistischen Schwachsinn fehlt, um in den Stand einer echten Paradoxie erhoben zu werden, eine wesentliche zusätzliche Bestimmung: Die Zyklizität.

Was ist damit gemeint? — Klären wir das Zyklische gleich mit einem Beispiel: Wenn wir auf beide Seiten eines Blattes den Satz schreiben würden ‹Folgen Sie der Anweisung auf der Rückseite›, müsste, wer dieser Aufforderung nachkommen wollte, das Blatt endlos wenden.

Auch das wäre jedoch noch kein Paradoxon, denn die Anweisung wäre nur zyklisch, würde sich aber nicht selbst widersprechen. Ein echtes Paradoxon müsste beiden Bedingungen genügen: der Zyklizität und der inhärenten Selbstwiderlegung.

Ein Beispiel, das beide Bedingungen erfüllt: ‹Diese Aussage ist falsch.› — Wenn die Aussage falsch ist, ist es richtig, dass sie sich selbst als falsch bezeichnet, wenn aber das, was sie über sich selbst aussagt, richtig ist, ist es falsch, wenn sie behauptet, es sei falsch, somit wäre es wieder richtig…

Berühmt sind die Paradoxa von Epimenides ‹Ein Kreter sagt, dass alle Kreter lügen.› und von Bertrand Russell ‹Ein Barbier rasiert alle Männer der Stadt, die sich nicht selbst rasieren. Wer rasiert den Barbier?› Bereits im Mittelalter wurde das so genannte Allmachtsparadoxon formuliert: ‹Kann Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass selbst er ihn nicht hochheben kann?›

Nummer 40:

Ich stelle immer wieder fest, dass Leute in meinem Umfeld das S, zum Beispiel in ‹FrühlingSanfang›, für ein Genitiv-S halten. Man deutet offenbar das Kompositum als Verkürzung von ‹Anfang des Frühlings›. Dem ist aber nicht so: Das S hat hier mit einem Genitiv nicht das Geringste zu tun! Es ist kein Genitiv-S, sondern ein Fugen-S und das hat bloß phonetische Gründe.

Statt uns in komplizierten morphosemantischen und phonetischen Erklärungen zu verirren, ist die Angelegenheit einmal mehr mit einfachen Beispielen viel leichter zu verdeutlichen: In ‹Hochzeitstorte› und ‹Erinnerungsfoto› haben wir genau denselben Fall und kein Mensch käme auf die Idee, dass es sich dabei um die Reduktion von ‹Torte des Hochzeits› beziehungsweise um ‹Foto des Erinnerungs oder mehrerer Erinnerungs› handle.

Das Fugen-S schließt oder überbrückt die ‹Fuge›, den ‹Bruch›, die äußerst kurze ‹Unterbrechung› zwischen den beiden Elementen des Kompositums, fügt sie zu einem einzigen Wort zusammen, erleichtert dessen Aussprache und macht somit den Duktus fließender. Ein musikalisches, dem Gesang förderliches, also — wie ich meine — ein wertvolles Sprachelement.

Wie vieles aber, was eigentlich entstanden ist, um das Leben angenehmer zu machen (nicht bloß in der Sprache!), kann die Erleichterung ins Gegenteil umschlagen und zu einem Hemmnis werden, wenn man nicht mehr weiß, wozu es ursprünglich diente und, folglich, wie man damit umgehen sollte. Ein Fugen-S einzuflechten ist nur sinnvoll, wenn tatsächlich eine Fuge da ist, die man überbrücken möchte, und nicht, wenn das eingeflochtene S die Aussprache schier verunmöglicht! Neulich sah ich einen Firmenwagen, auf dem die grafisch professionelle und sprachlich stümperhafte Beschriftung prangte ‹Schutzsvorrichtungen›! — Das, bitteschön, ist kein Fugen-S, sondern ein Unfugen-S!

(Damit habe ich bei meiner Wortschöpfung das Fugen-N verwendet, das es auch gibt! Aber darüber ein andermal.)