Linguistische Amuse-Bouche 6 bis 10

Alberigo Tuccillo Gesellschaft, Sprache

Nummer 5:

Nicht auszurotten ist die Behauptung, die immer wieder auftaucht (sogar in Publikationen von Psychologinnen und Psychologen): ‹Sucht kommt von suchen!› — Vielleicht ist die Vorstellung insofern nicht ganz falsch, als dass wir Süchtigen, wie alle anderen auch, ständig etwas suchen: Eine versteckte Flasche, eine Zigarettenschachtel als Notvorrat, ein Feuerzeug, den Dealer in der Nähe der düsteren Straßenbahnhaltestelle im Industriequartier, die Brille oder den Schlüsselbund. Oder wir suchen einfach alle das Glück. — Sprachgeschichtlich jedoch hat Sucht mit Suchen nichts, überhaupt nichts, wirklich rein gar nichts zu tun! Mittelhochdeutsch ‹sucht›, Althochdeutsch ‹suht›, Gotisch ‹saúhts›, Niederländisch ‹zucht›, Schwedisch ‹sot› bedeutet ganz einfach ‹Krankheit›. Daraus sind Wörter wie ‹Seuche, Siechtum, dahinsiechen› oder Niederländisch ‹ziekenhuis› (Spital), auch durchaus positive wie Schweizerdeutsch ‹tolle Siech› (Supertyp) entstanden. Letztlich steht wieder einmal am Anfang der Kette ein Verb: Althochdeutsch ‹sūcan›, Mittelhochdeutsch ‹sūgen› bedeutet ‹saugen›. Vom Saugen zur Krankheit hat die Vorstellung geführt, dass den Kranken etwas Mysteriöses die Kräfte und schließlich das Leben aussaugt.

Nummer 6:

Wer jahrzehntelang als Übersetzerin oder als Übersetzer aller Textgattungen und aus allen erdenklichen Sprachen in die Zielsprachen Deutsch und Italienisch gearbeitet hat, weiß, dass keine (indoeuropäische) Sprache die lexikalische Präzision und Differenziertheit der italienischen auch nur annähernd erreicht. Ich werde in weiteren Postillen dafür Belege und Beweise liefern. Erstaunlich und belustigend ist aber, dass Italienisch ausgerechnet in einem Bereich, in dem es die Weltsprache ist, eine unerklärliche Lücke aufweist: Ja, ausgerechnet in der Musik! Ja! So unfassbar es ist: es gibt auf Italienisch keine Wörter für ‹laut› und ‹leise›! — Selbstverständlich weiß ich, dass Komponistinnen und Komponisten aller Länder sich vor langer Zeit vereinigt haben und übereingekommen sind, in ihre Partituren ‹forte› und ‹piano› und ‹mezzoforte› und ‹mezzopiano› als dynamische Spielanweisung zu schreiben. Und selbstverständlich weiß ich, dass das Pianoforte das Tasteninstrument ist, das im Gegensatz zum Cembalo und zur Orgel, je nachdem, wie stark man eine Taste anschlägt, laut und leise spielen kann. — Aber ‹forte› heißt nicht ‹laut›, sondern ‹stark›! Wenn ich stark auf die Taste drücke, stark in die Trompete oder in die Oboe blase, stark auf die Pauke schlage, dann gibt es einen lauten Ton, was aber eine Qualität der Tonerzeugung ausdrückt, nicht des Tones an sich! So bedeutet ‹piano› nicht ‹leise›, sondern ‹sanft›, ‹behutsam›, ‹sachte›, sogar ‹langsam› (die Schilder, die auf der Autobahn mahnen «Va’ piano!», meinen nicht «Mach keinen Lärm!»); eigentlich und ursprünglich bedeutet ‹piano› ‹eben, plan, flach›. — Man hat diese Lücke seit jeher, durchaus erfolgreich, mit Wendungen ausgefüllt: ‹a mezza voce› (mit halber Stimme), ‹sottovoce› (unterhalb der Stimme), ‹da lontano› (wie von weither), ‹sussurrando› (flüsternd), ‹di petto› (aus voller Brust), ‹a voce piena› (mit voller Stimme)… der Ausdruck ist zwar immer wichtig, aber mit den Dezibel nimmt es die italienische Sprache nicht genau.

Nummer 7:

Eine weitere Absurdität, die von Unbedarften immer wieder abgesondert wird, ist die Behauptung, ‹dämlich› sei von ‹Dame› abgeleitet. — Schon allein die Chronologie müsste selbst den Urheberinnen und Urhebern dieses Schwachsinns Zweifel aufkommen lassen: Die Dame kommt erst Anfang 17. Jahrhundert aus Frankreich in den deutschsprachigen Raum, während es seit Jahrhunderten schon hinreichend Dämliche beiderlei Geschlechts aus Eigenproduktion gab. Auf das Wort ‹Dame› gehe ich nur kurz ein: Es leitet sich (wie ‹don›, ‹dom›, ‹donna›, ‹doña›, ‹dominus›, ‹domina›) vom Lateinischen ‹domus› (Heim, Haus, Wohnung) ab. Das Adjektiv ‹dämlich› geht hingegen auf die indoeuropäische* Wurzel ‹tem(ə)› (dunkel) zurück. Daraus leiten sich das Lateinische ‹tenĕbrae› (Dämmerung) ab und das Wort ‹Dämmerung› selbst, ferner das Niederdeutsche ‹dämelen› (nicht bei Sinnen sein), das Bayrisch-Schwäbische ‹dämisch/damisch› (dumm), und das Vulgärlateinische ‹temulentus› (besoffen). — Wie kam man von ‹dunkel› auf ‹dämlich›? Nun, wir wissen doch, dass die Dämlichen nicht die Hellsten sind, vor allem, wenn sie dämliche Etymologien verbreiten.

*Nebenbei: In allen Sprachen sagt man ‹indo-européen, indoeuropeo, indoeuropean, indo-europejski, indoeurópai, ινδο-ευρωπαϊκό, الهندو أوروبية (alhindu urubiya)…›; nur die Deutschen sagen ‹indogermanisch›. Man verzeihe mir, dass ich auch auf Deutsch ‹indoeuropäisch› bevorzuge.

Nummer 8:

«Nein, ich kann nicht in den Aufzug, ich habe Platzangst!» — Da geht man natürlich aus schierer Empathie mit ins Treppenhaus, denn Phobien sind etwas Schreckliches, und man will schließlich nicht, dass unsere Begleitung einen Klaustrophobie-Schub erleidet! — Psychologisch also eine klare Sache, sprachlich aber weniger, denn: Nicht die KLAUSTROPHOBIE — also nicht die Platznot! — sondern ausschließlich die AGORAPHOBIE,​ also die Angst, freie Plätze zu überqueren oder mitten in einer leeren Turnhalle oder Kathedrale auf einer Matratze schlafen zu müssen, sollte man Platzangst​ nennen! Die Platzangst ist die Angst VOR dem Platz und nicht UM den Platz. Platzangst bezeichnet die Agoraphobie, nicht die Klaustrophobie! — Weil dies jedoch außer Fachleuten kaum jemand weiß und es kaum jemanden überhaupt kümmert, erlaubt Duden seit 2006, auch die Klaustrophobie, freilich bloß umgangssprachlich, Platzangst​ zu nennen. — Einen Ersatz für die nunmehr fehlende umgangssprachliche Bezeichnung für die Agoraphobie schlägt Duden allerdings noch nicht vor.

Nummer 9:

Von Hygiene ist zurzeit viel die Rede und die Verwendung des Wortes hat sich immer stärker auf die Sauberkeit reduziert. Doch das Wort kommt aus dem Griechischen ὑγιεινή (hygieiné), weibliche Form von ὑγιεινός (hygieinós) ‹gesund machend, der geistigen und körperlichen Gesundheit förderlich› und hat eigentlich eine viel breitere Bedeutung. Unhygienisch war ursprünglich (und im Fachjargon noch heute) alles, was krank macht; alles, was Hygeia, die schöne Göttin der Gesundheit (siehe Bild), verdrießen könnte. Also: sich schlecht ernähren, sich zu wenig bewegen, sich zu wenig oder zu viel dem Sonnenlicht aussetzen, zu viel Alkohol trinken, Giorgia Meloni oder Roger Köppel reden hören etc. — Als man die ersten Krankheitserreger entdeckte und einen stringenten Zusammenhang zwischen Sauberkeit und Verbreitung infektiöser Krankheiten feststellen konnte, begann sich das Bedeutungsfeld des Wortes Hygiene auf das heute üblichere einzuschränken.

Nebenbei: Weil meine beiläufige Bemerkung, die ich über die Präzision der italienischen Sprache in einem Post gemacht habe, von einigen nicht sehr goutiert worden ist, liefere ich hin und wieder ein Beispiel, das gerade zum Thema passt. Wenn ich die deutschen Worte ‹der Apfel ist gesund› ins Italienische übersetzen muss, muss ich den Kontext genau anschauen. Wenn man nämlich sagen möchte, dass er gut ist für die Gesundheit, übersetze ich ‹la mela è salubre›, wenn gemeint ist, dass er nicht faul oder wurmstichig ist, ist die richtige Übersetzung ‹la mela è sana›. Ist jedoch nicht von einem konkreten, sondern von einem metaphorischen Apfel die Rede (oder der Kontext feierlich), dann wäre das richtige Wort ‹pomo›. Der Adamsapfel heißt zum Beispiel ‹il pomo d’Adamo›, (aber: ‹la mela di Eva›).

Nummer 10:

Heute poste ich bloß eine Liste.

Wenn wir nach der Herkunft unserer Wörter fragen, erwarten wir in der Regel eine Antwort, die folgende Entwicklungsschritte klärt: Wie lautete das Wort in Mittelhochdeutsch, wie in Althochdeutsch, gibt es eine lateinische und/oder griechische Wurzel, allenfalls Umwege über Italienisch, Spanisch, Französisch, Slawisch oder Englisch? — Und in sehr vielen Fällen ist es denn auch so. 

Was man aber leider oft vergisst, ist der enorme Beitrag zu unseren europäischen Sprachen und Kulturen, den die semitischen Sprachen und Kulturen, vor allem die arabische, geleistet haben.

Die folgende (unvollständige) Liste von deutschen Wörtern, die aus dem Arabischen entlehnt sind, soll daran erinnern, wie viel Europa Arabien verdankt. Wer frei von meinen Schrullen und Marotten ist, wird freilich wenig Spaß am Lesen einer trockenen Liste haben, überfliegt sie aber trotzdem: Euch wird da und dort schon Überraschendes ins Auge stechen! 

Abrakadabra, Admiral, Alchimie, Algebra, Algorithmus, alkalisch, Alkane, Alkermes, Alkohol, Almanach, Aprikose, Arsenal, Artischocke, Azimut, Azur, Beduine, Benzin, Benzol, Bier, Chemie, Chiffre, Elixier, Gazelle, Giraffe, Harem, Haschisch, Havarie, Horizont, Kadi, Kaff (nicht gesichert, aber vermutlich aus Arabisch ‹kafir› = ‹Ungläubiger› über Afrikaans ‹kaffer› = ‹Schwarze, die in kleinen Gruppen verstreut leben› —> Kolonialdeutsch Namibias), Kaffee, Kaftan, Kalif, Kalium, Kamel (lustig: das Wort ‹Kamel› ist Arabisch, das Wort ‹Dromedar› = ‹arabisches Kamel› ist Griechisch), kalfatern, Karaffe, Karmin, Kuppel, Lapislazuli, Lasur, Laute, makaber, Makramee, Magazin, Marabu, Marzipan, Matratze, Mokka, Monsun (seinerseits ein Lehnwort aus dem Urdu), Nadir, Razzia, Safari, Safran, Sahara, Schachmatt (‹Scheich = König› ist Persisch, ‹mat = gestorben› ist Arabisch), Sirup, Sofa, Sorbet, Spargel, Sultanine, Tabak, Tamarinde, Tarif, Theodolit, Viola, Zenit, Ziffer, Zucker (seinerseits ein Lehnwort aus dem Sanskrit).