Linguistische Amuse-Bouche 66 bis 70

Alberigo Tuccillo Gesellschaft, Sprache, Wissenschaft

Nummer 66:

Die Etrusker waren ein Volk, das Mittelitalien zwischen 900 v.Chr. und der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v.Chr. beherrschte. Nach der Eroberung durch die Römer (300 bis 90 v.Chr.) gingen die Etrusker weitgehend in der Kultur des Römischen Reichs auf. Die letzten drei Könige Roms waren Etrusker: Tarquinius Priscus, Servius Tullius und Tarquinius Superbus. — Allerdings werden noch im 6. Jahrhundert n.Chr. in Dokumenten toskanischer und umbrischer Klöster einzelne etruskische Siedlungen erwähnt, in denen noch Etruskisch gesprochen wurde.

Die Etrusker waren ein faszinierendes und höchst rätselhaftes Volk. Sie waren in der Metallverarbeitung weit fortgeschritten, exportierten im ganzen Mittelmeerraum begehrte Eisenlegierungen von unerreichter Härte, stellten Goldschmuck her, der selbst für die heutige Goldschmiedekunst eine Herausforderung wäre, waren Meister der Baukunst und der Steinbearbeitung, hatten ein erstaunlich modern anmutendes Gesellschaftssystem, in dem die Frau weitgehend gleichberechtigt war — auf der anderen Seite waren sie noch abergläubischer als die Römer, schlitzten dauernd Tiere auf, um an deren Innereien abzulesen, welche Entscheidungen sie über ganz Alltägliches treffen sollten, und errichteten Steinbehausungen ausschließlich für die Toten, während die Lebenden in Holzhütten wohnten, von denen nichts übrig geblieben ist.

Noch rätselhafter ist aber die etruskische Sprache. Man kann sie bis heute keiner Sprachfamilie mit Sicherheit zuordnen. Die wenigen schriftlichen Zeugnisse, die man besitzt, sind von einer Qualität und Einheitlichkeit, die auf eine rege Schreibkultur schließen lassen. Deshalb ist es ein Rätsel, warum man auf so wenige Funde gestoßen ist.

Am überraschendsten ist jedoch, dass einige unserer Wörter etruskischen Ursprungs sind. Hier einige Beispiele:
• Antenne: ‹ant’themna› = ‹Segel›, möglicherweise auch ‹Vorhang›.
• mondial: über Lateinisch ‹mundus› (Welt, Erde), aus Etruskisch ‹munth› = ‹Land, Acker›.
• Person: über Lateinisch ‹persona›, aus Etruskisch ‹phersu› = ‹Maske, Figur, Götzenbild›.
• Arena: über Lateinisch ‹arena›, aus Etruskisch ‹hasēna/fasēna› = ‹Sand›.
• Triumph: über Lateinisch ‹triumphus›, aus Etruskisch ‹tionipho› (wahrscheinlich eine Verballhornung des Griechischen ‹Dionysos›).
• Fenster: über Lateinisch ‹fenestra›, aus Etruskisch ‹fe’estka› = ‹Windfang›; (schließbare Fenster gab es kaum; Englisch heißt das Fenster ‹window›).
• Rom: über Lateinisch ‹Roma›, aus Etruskisch ‹ruma› = ‹Euter› und dem Verb ‹rumis› = ‹nähren›.

Städte- und Dorfnamen etruskischen Ursprungs gibt es viele. Dass ausgerechnet Rom etruskisch ist und dass Romulus wohl seinen Namen seiner Stadt schuldet und nicht umgekehrt, finde ich besonders amüsant.

[‹ph› wurde etruskisch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht als ‹f› ausgesprochen, sondern als zwei getrennte Konsonanten ‹p› und ‹h›; das ‹h› wurde vermutlich ursprünglich ‹ch› ausgesprochen und schwächte sich nach und nach zu ‹h› oder zu ‹f› ab. Wie man in ‹hasēna/fasēna› erkennt, gibt es bei vielen Wörtern eine bedeutungsgleiche Variante mit ‹h› und eine mit ‹f›.]

Nummer 67:

Wer zwei- oder mehrsprachig aufgewachsen ist, weiß, dass es ist den verschiedenen Sprachen nicht für jedes Wort eine Entsprechung gibt und dass man gewisse Gedanken nicht bloß nicht übersetzen, sondern in einer andern Sprache nicht einmal denken kann. Das ist ein Gemeinplatz, und wissen tun es natürlich auch Einsprachige. Mehrsprachige wissen es bloß auf eine andere, auf eine unmittelbarere Weise, weil sie täglich die Erfahrung machen, dass sie in ihren verschiedenen Sprachen selbst jeweils anders und anderes denken. Und je weniger diese Sprachen miteinander verwandt sind, desto stärker unterscheidet sich das Denken, das durch sie möglich ist.

Das Verfügen über die nötigen Begriffe und über grammatikalische und syntaktische Strukturen bedingt nicht nur das Denken — erstaunlicherweise sogar die sinnliche Wahrnehmung! Wenn man in einem Weinkurs das einschlägige Vokabular vermittelt bekommt und sich durch Degustieren im Benennen der Geschmacks-, Duft- und Farbnoten der Weine übt, beginnt man die Unterschiede zwischen ihnen auch wahrzunehmen. Wenn man die Intervalle mit ihren Namen kennt und Dur von Moll unterscheiden kann, merkt man sich Melodien einfacher. Einer Malerin, einem Restaurator und einer Grafikerin, die für Hunderte von Farben Namen haben, fällt sofort auf, wenn auf einer Reproduktion eines Gemäldes die Farben nicht stimmen.

Und darauf will ich in dieser Nummer hinaus: auf die Farben! — In der modernen und weitgehend globalisierten Welt haben die meisten Sprachen inzwischen alle nötigen Wörter, um die Farben der Kleider, der Autos und der Smartphone-Hüllen zu bezeichnen. Doch dem war lange nicht so!

Das Farbspektrum ist physikalisch ein Kontinuum, wird aber sprachlich in einzelne Abschnitte zerlegt, was den Vergleich von Farblexemen in verschiedenen Sprachen für die Linguistik interessant macht. Die Frage, die sich dabei stellt, ist, ob in den jeweiligen Sprachen diese Bereiche des Spektrums willkürlich gesetzt, also kultureller Natur sind oder universell. Sind diese in allen Sprachen also deckungsgleich? Das spräche für ein physiologisch bedingtes Muster. Tatsächlich lassen sich jedoch in vielen Sprachen grundlegend verschiedene, nicht deckungsgleiche Unterteilungen finden. So gibt es im Lateinischen keine Lexeme für grau und braun, das Navajo (eine nativ-amerikanische Sprache) hat ein gemeinsames Wort für blau und grün, aber zwei für schwarz: eines für Gegenstände, die schwarz sind, weil sie nicht beleuchtet sind, und eines für Gegenstände, die schwarz sind, obwohl sie beleuchtet sind. Im Russischen gibt es kein Blau, stattdessen die zwei Farben ‹синий› (sinij) und ‹голубой› (goluboj) für Dunkelblau und Himmelblau. In einigen Sprachen kommen nur sehr wenige Farblexeme vor, so im Hochland von Neuguinea, wo einige Völker nur zwischen schwarz und weiß unterscheiden.

Die Sprachforscher B. Berlin und P. Kay haben 1969 bei einer Untersuchung der Farbsysteme von 98 Sprachen folgende Erkenntnis gewonnen: Es gibt ein universelles Inventar von grundlegenden Farbkategorien, das je nach Sprache entweder vollständig oder teilweise — aber in fester Rangfolge! — ausgeschöpft wird: 1. weiß, schwarz, 2. rot, 3. grün, gelb, 4. blau, 5. braun, 6. violett, rosa, orange, grau. Das heißt: eine Sprache, die gelb/grün unterscheidet, unterscheidet auch weiß, schwarz und rot, aber nicht notwendigerweise blau. Eine Sprache, die das Blau kennt, unterscheidet auch alle rangtieferen Farben, aber nicht notwendig das Violett und das Orange.

In der deutschen Sprache treten die Farben ‹Orange› (15. Jahrhundert) und ‹Violett› (Ende 17. Jahrhundert) verhältnismäßig spät auf. Darüber hinaus verschiebt sich im Laufe der Zeit der Bereich des Farbspektrums, der mit einem bestimmten Begriff bezeichnet wird, und diese Verschiebungen sind nicht im ganzen Sprachraum einheitlich.

Wichtig ist zu wissen, dass wer kein Wort für eine Farbe hat, sich eine Farbe auch nicht merken kann! Paul Watzlawick bewies dies mit einem eifachen Experiment, das er mit Hopi-Indianern durchführte, die nicht Englisch konnten, und solchen, die Englisch konnten. Während des Experiments wurde ausschließlich Hopi gesprochen. Man gab allen Probanden eine orange Kugel in die Hand, die sie in je eine Schachtel legen mussten, in der schwarze, blaue, rote, grüne und weiße Kugeln identischer Größe waren. Danach wurden die Schachteln geschlossen. Ohne dass die Probanden es merkten, wurden die orangen Kugeln durch gelbe ersetzt. Nach einer bestimmten Zeit wurden die Probanden aufgefordert, die Kugel, die sie in der Hand gehalten hatten, wieder aus der Schachtel zu nehmen. Alle Hopi, die nicht Englisch konnten, nahmen die gelbe Kugel aus der Schachtel, alle Hopi, die Englisch konnten, sagten, die Kugel sei nicht mehr da.

Nummer 68:

Cristiano Ronaldo war (oder ist vielleicht) für viele ein Supermensch. Da es hier aber nicht um Fußball geht, sondern um Sprache, halten wir einmal fest, dass in vielen italienischen Wendungen und Redensarten ‹cristiano› zwar nicht Supermensch, aber doch immerhin Mensch bedeutet. ‹Un povero cristiano› ist, unabhängig von seiner Religion, ein armer Kerl oder ein armer Teufel. ‹Chi non ha rispetto delle bestie non ne ha dei cristiani› heißt: Wer Tiere nicht respektiert (mit ihnen nicht achtsam umgeht), hat auch keinen Respekt vor Menschen. ‹Fare una vita da cristiano› bedeutet: In Würde leben (können). — Und die Liste solcher Sätze wäre noch sehr lang.

Es ist zwar der Fall, dass diese Wendungen immer weniger häufig verwendet werden und ‹cristiani› nach und nach durch ‹umani› oder ‹persone› ersetzt wird, aber ebenso wahr ist, dass in der Vergangenheit das Wort auch in anderen romanischen Sprachen mit dieser Bedeutung verwendet wurde. Zum Beispiel Provenzalisch ‹crétin› (ausgesprochen: ‹kretäŋ›). Ja, so ist es. Es ist kein Tippfehler.

In der Provence hatten die Christen während des Frühmittelalters bis ins Hochmittelalter keinen guten Ruf. Sie galten als Eiferer, als Fantasten, als Fanatiker, als alles andere als harmlose Irre, die an skurrile Geschichten glaubten, wie dass eine Jungfrau Gott geboren hatte und dabei Jungfrau geblieben war. Also bekam im Provenzalischen ‹crétin› eine negative Konnotation und bezeichnete ausschließlich dumme Leute. — Das Christentum fasste jedoch, wie wir wissen, auch in der Provence allmählich Fuß. So kam es, dass man für die Christen das französische Wort ‹chrétien› (ausgesprochen: ‹kretjä:› mit nasalem ‹ä›) importierte, dafür für den Dummkopf das ursprünglich provenzalische ‹crétin› exprotierte.

Vom Französischen aus verbreitete sich das Wort in Windeseile in fast allen europäischen, sogar in den slawischen Sprachen (Polnisch ‹kretyn›, Tschechisch ‹kretén›, Slowenisch und Kroatisch ‹kreten›, Russisch und Bulgarisch ‹кретин›, Ukrainisch ‹кретін›), für einmal machten auch das Ungarische (kretén) und das Baskische (kretina) mit. Das Finnische allerdings nicht: ‹ääliö›.

Die Bemühungen waren angesichts des Erfolgs dieses Wortes selbstverständlich groß, dessen Etymologie zu verfälschen. In Wörterbüchern der meisten Sprachen werden (ob vorsätzlich oder nicht, sei dahingestellt) die verrücktesten Erklärungen abgegeben. Am häufigsten mussten die armen Kreter dran glauben, wo doch Griechisch eine der ganz wenigen Sprachen ist, in denen sich der Ausdruck nicht durchgesetzt hat.

Als der Begriff schließlich von der Wissenschaft, speziell von der Medizin aufgenommen und die Pathologie des ‹Kretinismus› beschrieben wurde, fühlte man sich schon wesentlich sicherer, denn von da an hatten selbst Gelehrte keine Assoziation mehr, die irgendwelche religiöse Gefühle hätte verletzen können. (Der Begriff ‹Kretinismus› wird in der modernen Wissenschaft nicht mehr verwendet.)

Nummer 69:

Es ist alles andere als einfach, antike Texte zu lesen!

Ich weiß: Das ist eine Binsenweisheit, und um das zu wissen, braucht man keine Amuse-Bouche zu lesen. Gut. Aber ist es denn wirklich ganz klar, warum es so schwierig ist?

Der erste Grund (abgesehen davon, dass die Kenntnisse antiker Sprachen nicht sehr verbreitet sind) liegt darin, dass man bis zu Johannes Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks 1440 ausschließlich von Hand schrieb und dass in der Antike jeder Schreiber die Buchstaben nach eigenem Gutdünken malte oder in was auch immer eingravierte. (Die ägyptischen Hieroglyphen sind da eine Ausnahme: diese waren schon immer normiert, und die Skriba [ägyptische Schreiber] wurden hart bestraft, wenn sie bloß einen klitzekleinen Fehler machten, und der Fehler wurde sofort entfernt!) — Ein weiterer Grund ist, dass man sich in allen antiken Sprachen lange nicht auf eine bestimmte Schreibrichtung festlegte. Einige schrieben von links nach rechts, andere von rechts nacht links. Am verbreitetsten war das sogenannte ‹Bustrophedon› (so, wie die Ochsen pflügen), das heißt: erste Zeile von links nach rechts, zweite von rechts nach links, dritte wie die erste und vierte wie die zweite… — an sich schon schwierig genug; aber die meisten Texte sind Fragmente! Und wie zum Kuckuck weiß ich, ob das, was ich grad vor mir habe, eine zwölfte oder eine dreizehnte Zeile ist? Und wie weiß ich, ob der Schreiber von links nach rechts oder umgekehrt angefangen hat? Es kommt noch schlimmer: Die einen pflegten, wenn sie die Schreibrichtung änderten, auch die Buchstaben zu spiegeln (⇒N / ⇐И), andere taten dies nicht, oder nicht konsequent: bald taten sie es und bald nicht; im selben Text! — Das Allerschwierigste ist aber wohl, dass es viele, viele Jahrhunderte dauerte, bevor ein Antiker sich die Mühe machte, den Leerschlag zu erfinden! Phönizier, Ionier, Etrusker, Osker, Umbrer, Illyrer… sie alle schrieben Wort an Wort ohne Zwischenraum und gingen auf eine neue Zeile, wenn kein Platz mehr da war, und nicht, wenn ein Wort zu Ende war. An Satzzeichen dachte auch nach der Erfindung des Leerschlags und dessen ziemlich willkürlicher Anwendung jahrhundertelang niemand!

Als dann endlich im 5. Jahrhundert zuerst der Punkt (den man anfänglich nicht auf den Liniengrund, sondern in die Mitte der Zeilenhöhe schrieb), dann das Komma erfunden wurde, ging’s rasant. In süditalienischen Klöstern erließ man für die Kopisten eine ganze Reihe von Vorschriften. Zum Beispiel musste eine Frage mit dem Wort ‹questio› gekennzeichnet werden.

Das fanden die Mönche aber nicht schön. Deshalb entwickelten sie aus der Abkürzung ‹qo› (erster und letzter Buchstabe des Wortes) das Zeichen ‹?› — und zwar: ‹¿›, um die Frage zu eröffnen, ‹?›, um sie abzuschließen, wie es im Spanischen heute noch üblich ist.

‹Io› bedeutet auf Lateinisch nicht ‹ich›, sondern ist eine Interjektion, die etwa dem heutigen ‹wow!› entspricht. Daraus wurde, analog zum Fragezeichen, das Ausrufezeichen: ‹¡› und ‹!›.

Nummer 70:

Diese Nummer 70 schreibe ich mit besonderem Enthusiasmus!

Nachdem wir doch mit Ernüchterung festgestellt haben, dass Wörter wie ‹Skrupel› (Steinchen), ‹Delirium› (aus dem Haus gehen), ‹Hängematte› (Bett), ‹Monster› (etwas, was man zeigt), ‹Geist› (erschrecken), Staat (Zustand), Psyche (Atem) ursprünglich eine ganz profane Bedeutung hatten, kann ich diesmal enthusiastisch etwas wahrhaft Göttliches anbieten!

Nehmen wir also den ‹Enthusiasmus› einmal selbst unter die etymologische Lupe und beginnen wir beim hinteren, nicht vollkommen gesicherten und etwas weniger wichtigen Teil: Vermutlich geht der zweite Teil des Wortes, ‹-iasmus›, auf ‹χιασμός› (chiasmós) zurück. Ein Chiasma, ein Wort, das wir in mehreren Wissenschaften verwenden, bezeichnet eine Verschmelzung von zwei Elementen, zum Beispiel in der Biologie: die Verschmelzung homologer Chromosomen-Stränge im Prozess der Zellteilung. Da die Wissenschaft sich von den wahrhaften Wurzeln der Kultur zunehmend abwendet, nennt man das Chiasma immer häufiger ‹cross over›.

Wie bereits gesagt: wichtiger ist der erste Teil, nämlich das, was beim Enthusiasmus verschmilzt! Das Wort ‹Enthusiasmus› gab es bereits auf Griechisch ‹ἐνϑουσιασμός› (enthusiasmós) und hatte dieselbe Bedeutung wie heute. Es setzt sich zusammen aus ‹ἐν› (en) ‹in›, ‹im Innern›, ‹in einem drin› und ‹ϑεός› (theós) ‹Gottheit›, ‹das Göttliche›!

Enthusiasmus bedeutet also, dass etwas Göttliches mit dem Innersten des Enthusiasten verschmilzt! Ich bin enthusiastisch und finde dies göttlich!