Aus sprachlicher Sicht gäbe es über ‹Ostern› so viel zu sagen, dass man bis Weihnachten zwei oder drei Amuse-Bouche pro Woche schreiben könnte, ohne das Thema auch nur annähernd zu erschöpfen. Da wir also das Allermeiste sowieso werden auslassen müssen, können wir ganz ausgelassen loslegen und irgendwo anfangen: Woher kommt das Wort? — Im germanischen Frühlingsfest (21. März) wurde ‹Austro› (Altenglisch ‹Ēastre›), die Göttin der Morgenröte verehrt. Daraus wurden sowohl die deutschen als auch die englischen Wörter für ‹Osten› und ‹Ostern› (beziehungsweise ‹east› und ‹Easter›) abgeleitet. Da das Frühlingsfest, wie fast überall auf der Welt, mit der Hoffnung auf ein erntereiches Jahr verbunden war, wurde es vornehmlich mit dem universellen Fruchtbarkeitssymbol zelebriert: dem Ei.
In einigen Teilen der Schweiz, etwa im Emmental, war noch im 19. Jahrhundert der Kuckuck der österliche Eierlieferant, in Teilen von Westfalen war es der Osterfuchs, in Thüringen brachte der Storch und in Böhmen der Hahn die Eier zum Osterfest. Aber das waren bloß vereinzelte letzte Bastionen, denn schon im Frühmittelalter hatte das römische Fruchtbarkeitssymbol weitgehend das Monopol über die Lieferung von Ostereiern: das Kaninchen!
Ja, so ist es: nicht der Hase, sondern das Kaninchen! Im Englischen ‹Easter Bunny›, im Spanischen ‹conejito de Pascua›, im Französischen ‹Lapin de Pâques› und im Italienischen ‹coniglietto di Pasqua› — kein ‹hare›, kein ‹liebre›, kein ‹lièvre› oder ‹lepre›! — Und ich möchte unterstreichen, dass es zwischen Hasen und Kaninchen enorme Unterschiede gibt: Es handelt sich um zwei völlig getrennte Arten, die genetisch so wenig verwandt sind, dass sie beispielsweise nicht gekreuzt werden können. — Hasen wiegen bis zu 6 kg, werden als Nestflüchter, voll behaart und sehend in einem Bodennest geboren, sind Einzelgänger, haben 46 Chromosomen, gehören zu den schnellsten einheimischen Tieren und konnten nie domestiziert werden; Kaninchen bringen es hingegen höchstens auf 2 kg Körpergewicht, werden unbehaart, blind und völlig hilflos in einem unterirdischen Bau geboren, sind gesellig, leben in Gruppen, haben 44 Chromosomen, sind als eher langsam hoppelnde Tiere außerhalb ihres Baus für Räuber eine leichte Beute und sind bereits in der Frühantike auch domestiziert worden. Was sie gemeinsam haben, ist, dass sie beide rammeln wie die Kaninchen oder Hasen, viel Nachwuchs haben und folglich beide prädestiniert sind, als Fruchtbarkeitssymbol zu gelten.
Wie heißt das Fest in anderen Sprachen? — Portugiesisch ‹Páscoa›, Italienisch ‹Pasqua›, Französisch ‹Pâques›, Albanisch ‹Pashke›, Isländisch ‹Páskar›, Rumänisch ‹Paști›, Russisch ‹Пасха› [Pasʼcha], Spanisch ‹Pascua›, Schwedisch ‹Påsk›, Norwegisch und Dänisch ‹påske›, Niederländisch ‹Pasen›, Plattdeutsch ‹Paasken› oder ‹Paasch(en)›… diese haben selbstverständlich einen andern Ursprung und meinten ursprünglich auch ein ganz anderes Fest. Diese Wörter kommen aus dem Lateinischen ‹Pascha›, das seinerseits aus dem Griechischen ‹πάσχα› [pás’cha] kommt, was die Gräzisierung von Aramäisch ‹פסחא› [pas’cha] und Hebräisch ‹פסח› [pésach] ist, was ‹sich fortbewegen, weitergehen, fortschreiten› bedeutet. Dieses Fest erinnert an den Auszug aus Ägypten (Exodus), also an die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei, von der das 2. Buch Mose im Tanach erzählt. — Als frommer Jude ging Jesus gemäß Evangelien bereits am Palmsonntag, also eine Woche vor Ostern, nach Jerusalem, um mit seinen Jüngern das Fest zu begehen, wozu es dann wegen seiner Verhaftung und Kreuzigung nicht mehr kam.
Das jüdische Passach-Fest und die christlichen Feierlichkeiten um die Passion, die Kreuzigung und die Auferstehung Christi begannen bereits im Frühchristentum (im 2. und 3. Jahrhundert) zu verschmelzen, während die vollständige Verschmelzung mit den germanischen und nordischen Ostern sich erst im Hoch-, zum Teil sogar erst im Spätmittelalter vollzog.
Nach der Christianisierung war es vielerorts (etwa in Irland) durch die Kirche verboten worden, Ostern zu feiern, weil es ein heidnisches Fest war. Es gelang jedoch nicht, den Brauch zu unterbinden. Schließlich übernahm ihn das Christentum und besetzte ihn mit neuen Inhalten.
Ähnliches geschah auch mit andern heidnischen Festen, zum Beispiel mit Weihnachten (Wintersonnenwende).

