Phosphor passt besser zu Luzifer als Schwefel!
Der indoeuropäische Stamm ‹*bʰer-› (tragen, bringen, führen) ist in vielen deutschen Wörtern noch in der Silbe ‹bar› enthalten, zum Beispiel in ‹wunderbar› (Wunder in sich tragend), ‹kostbar› (teuer, Kosten bringend), ‹dankbar› (Dank tragend), ‹sichtbar› (der Sicht zuführend), ‹durchschaubar› (die Möglichkeit in sich tragend, durchschaut zu werden), ‹schandbar› (Schande bringend) und viele mehr.
Durch die obligate lateinische Lautverschiebung (‹b› zu ‹f›) — wie etwa in Sanskrit ‹brahtar› (Bruder) zu gleichbedeutend Lateinisch ‹frater›, Italienisch ‹fratello›, Französisch ‹frère› — wurde aus Indoeuropäisch ‹*bʰer-› das lateinische Verb ‹ferre› (tragen, bringen, führen). Das ganze überaus ungewöhnliche Paradigma lautet: ‹fero, fers, tuli, latum› (ich trage, du trägst, trug, getragen). Es ist allerdings zu bemerken, dass es zwar selten, aber nicht ausgeschlossen ist, dass die einzelnen Stammformen eines Verbs sehr verschieden sind. Führen wir uns zum Beispiel in seinen Stammformen ein weidlich vertrautes deutsches Verb vor Augen: ‹bin, bist, war, gewesen, sein› — da würde ein Fremdsprachiger oder eine Fremdsprachige auch nicht ohne Weiteres darauf kommen, dass es sich um Formen desselben Verbs handelt. So muss man für diese Untersuchung bei ‹ferre› unbedingt alle Stammformen betrachten, denn aus ihnen allen leiten sich Wörter und Begriffe ab, die noch immer in Gebrauch sind.
Beginnen wir bei den konjugierten Formen des Indikativ Präsens: ‹fero, fers, fert› (trage, trägst, trägt). Davon leiten sich ab: ‹Transfer› (bringen an einen anderen Ort, zum Beispiel einen Fußballspieler von Bayern München zu Real Madrid), Konferenz (verschiedene Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Ansichten zusammenbringen), Interferenz (das Dazwischen-Bringen von Kräften oder Aktivitäten, die sich gegenseitig stören), Referat (Vortrag), ‹Präferenz› (was man am liebsten hervorbringt), Referenz (bei einem Vorstellungsgespräch mitzubringende lobende Beurteilung einer gewichtigen Person, oder verbindlicher Vergleichswert, den man bei jeder neuen Messung herbeiführt) und viele mehr. Geht man in der Zeit noch weiter zurück, gehen auf dieselbe Wurzel auch die Verben ‹fahren› und ‹führen› zurück, mithin die Wörter ‹Fahrt›, ‹Fähre›, ‹Fährte›, ‹Führung›, ‹verführen›, ‹aufführen›, ‹einführen›, ‹ausführen› und unzählige weitere.
Die Menge an Wörtern, die von ‹tuli› (ich trug, brachte, führte) abgeleitet sind, ist in der deutschen Sprache zwar geringer, aber nicht von geringerer Bedeutung: Das ‹Postulat› setzt sich zusammen aus ‹post› (folgend, danach, später) und eben ‹tuli› (ich brachte). Ein Postulat ist, was sich aus einem Axiom, aus einer offensichtlichen und unumstößlichen Wahrheit ergibt, ein Grundsatz, der bereits zuvor vom gesunden Menschenverstand hervorgebracht worden ist und den man nicht anzweifeln kann. Daher auch das Verb ‹postulieren›.
In der deutschen Sprache gehen auch auf das Partizip ‹latum› nur sehr wenige Wörter zurück: Ein ‹Prälat› ist ein Würdenträger, dessen Ansehen und Bedeutung ihm frühere (prä) Leistungen und Verdienste eingebracht haben. Und ‹latent› ist, was etwas im Augenblick nicht Manifestes, nicht Erkennbares in sich trägt, was jedoch jederzeit in Erscheinung treten könnte.
Die Sache kann man aber nicht abschließen, ohne vom Teufel zu reden! Selbstverständlich setzt sich der Name des Oberteufels ‹Luzifer› aus ‹lux, lucis› (Licht) und ‹fert› (er bringt) zusammen! Wird der ‹Lichtbringer› andernorts auch als düster, klumpfüßig, nach Schwefel stinkend, scheel, missgünstig und hinterhältig apostrophiert, bringt er wenigstens Licht in die Etymologie!
Das altgriechische ‹φῶς, φωτός› [fōs, fotós] (Licht), aus dem ‹Foto›, ‹Fotografie›, ‹Fotografin›, ‹Fotomodell›, ‹fotogen›, ‹Photon›, ‹Photovoltaik›, ‹Photometrie› entstanden sind, entspricht genau dem lateinischen ‹lux, lucis›, und ‹φορείν› [foreín] ist mit ‹ferre› (tragen, bringen) etymologisch und bedeutungsmäßig identisch. Also bedeutet ‹φωσφόρος› [fōsfóros] (Lichtbringer) dasselbe wie Luzifer. Das 1669 von Hennig Brand, einem deutschen Apotheker und Alchemisten entdeckte chemische Element Phosphor wurde lediglich nach dessen intensiver, grell leuchtender Reaktion beim Verbrennen so benannt. Aber Brand, der Phosphor-Verbrenner — Nomen est Omen! — wählte den Namen für das von ihm entdeckte Element dank seiner humanistischen Bildung. Er wusste nämlich, dass man in der griechischen und römischen Antike den Planeten Venus, den leuchtenden Morgenstern ‹Phosphoros› beziehungsweise ‹Lucifer› nannte. Und es ist doch wesentlich hübscher, den meinetwegen rebellischen, aber schönen Engel Luzifer mit leuchtendem Phosphor als mit faulig stinkendem Schwefel zu assoziieren.
Von ‹φόρος› [fóros] (Bringer) leitet sich übrigens auch ‹φάρος› [fáros] (Leuchtturm) ab — was mich persönlich wegen meines Roman-Erstlings ‹Die Leuchtturmgeschichte› ganz besonders berührt.



Kommentare 2
Einfach klingende Zusammenhänge, die mir als Lateiner bisher nur teilweise bewusst waren. So bringt es Sinn in unsere heute gelegentlich schnell praktizierte Sprache hinein, was durch KI noch zusätzlich übergangen wird.
Author
Danke, Thomas, für deinen wohlwollenden und geschätzten Kommentar.