Protein und Schokolade

Alberigo TuccilloGeschichte, Gesellschaft, Sprache Schreibe einen Kommentar

Dass man weniger Schokolade und mehr Proteine essen sollte, weiß jedes Kind! Vor allem die Kinder wissen es, denn sie bekommen es von verantwortungsvollen und besorgten Eltern dauernd eingetrichtert. Vielleicht sagt man den Kindern ab und zu auch, was Proteine sind und was sie für die Ernährung und für das Leben so wichtig macht. Nur wenige Kinder erfahren hingegen von den Erwachsenen, woher das Wort ‹Protein› stammt und was es aus linguistischer Sicht bedeutet. Meine Kinder gehörten zu jenen wenigen, die es hin und wieder beiläufig erfahren haben, wenn die Mutter gerade nicht zugegen war und wir gemeinsam Schokolade naschten. — Dies ist zugegebenermaßen weniger gewichtig als die weisen ernährungstechnischen Belehrungen, aber Spaß könnte es auch machen.

Ein Protein, umgangssprachlich auch Eiweiß genannt, ist ein sehr großes Molekül, das aus einer Kette von verschiedenen Aminosäuren besteht, die miteinander chemisch verbunden sind. Da es 20 Aminosäuren gibt und die Anzahl der Aminosäuren sowie deren Reihenfolge in einer Proteinkette sehr groß beziehungsweise beliebig sein kann, kann man leicht ausrechnen, dass die Zahl sowohl der möglichen als auch der tatsächlich existierenden Proteine unbegrenzt ist.

Proteine finden sich in jeder Zelle und dienen unterschiedlichen Aufgaben. Sie ermöglichen Zellbewegungen, transportieren Stoffe in die Zelle hinein und andere aus der Zelle heraus, beschleunigen chemische Reaktionen oder lösen sie überhaupt aus, katalysieren sie, bilden Signalstoffe, Hormone zur Regelung der Abläufe des Körpers, bilden grundlegende Substanzen und Strukturen des Immunsystems und vieles mehr. Überwiegend aus Proteinen bestehen Muskeln, Herz, Hirn, Haut, Haare, Finger- und Zehennägel — nicht aber die Hornhaut.

Ärztinnen und Ärzten muss man dies selbstverständlich nicht sagen, genauso wenig wie dem sonstigen medizinischen Personal, doch jetzt kommt die Sprache zur Sprache: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen Wissenschaftler die eminente Bedeutung der Proteine zu ahnen und allmählich zu erkennen, auch wenn sie dafür noch keinen Namen hatten und irrtümlicherweise davon ausgingen, dass alle diese Substanzen auf einer gemeinsamen Grundsubstanz basieren. Jöns Jakob Berzelius (1779 – 1848), schwedischer Arzt und Chemiker, schlug 1838 dem niederländischen Mediziner und Pharmakologen Gerardus Johannes Mulder (1802 – 1880) vor, die Stoffgruppe ‹Proteine› zu nennen, und der Holländer verwendete das Wort im folgenden Jahr in einer Veröffentlichung, was sofort und diskussionslos weltweit übernommen wurde, als hätte es das Wort immer schon gegeben.

Berzelius hatte das Wort aus dem Griechischen konstruiert: aus ‹πρῶτος› [pròtos] (Erster, Vorderster, Vorrangiger) und ‹πρωτεῖος› [proteios] (grundlegend, vorrangig) schöpfte er zuerst das deutsche Wort ‹Protein›, weil die Publikation auf Deutsch erschien, und im selben Jahr das französische ‹protéine› für die erste Übersetzung der Veröffentlichung.

Eine Zeit lang zirkulierte die glücklicherweise — man möchte sagen: Gott sei Dank — aus den Köpfen wieder verschwundene, falsche Etymologie, ‹Protein› sei, wegen seiner fundamentalen Bedeutung für das Leben, von ‹πρω› [pro] (für) und ‹ϑεο› [theo] (Gott) abgeleitet. Das ist zwar unsinnig und, da niemand es mehr ernsthaft behauptet, auch irrelevant, aber es führt zurück zur Schokolade, denn wenn kein Gott im Protein steckt, stecken sogar viele Götter in der Schokolade!

Besonders reich an Proteinen ist Schokolade nicht. Der Proteinanteil in handelsüblicher Schokolade schwankt zwischen 5 und 10%. Wenn man von fakultativen Zusätzen wie Milch, Malz, Nüssen, Weinbeeren, Orangen, Chili oder Zucker absieht, besteht reine, schwarze, bittere Schokolade im Wesentlichen aus Kakao. Das Nahuatl-Wort (der Sprache der Azteken) ‹cacahuatl› [kakáwātɬ], auch ‹xoclatl› [dschokātɬ], setzt sich zusammen aus ‹xococ› [dschokok] (bitter) und ‹atl› [ātɬ] (Wasser) und bedeutet ‹Kakaowasser›, ein teures, herbes, oft mit Chili, Vanille und Maismehl gewürztes Luxusgetränk für hochrangige Krieger und für den Adel. Da Kakaobohnen äußerst wertvoll und absolut fälschungssicher waren, wurden sie auch als Zahlungsmittel, als Münzen verwendet und ebenfalls ‹cacahuatl› genannt. Weil ‹cacahuatl›, ähnlich wie Gold, mit Reichtum und Luxus assoziiert wurde und das Getränk nur Feldherren, Herrschern, Priestern zugedacht war, war es nur folgerichtig, dass in der Vorstellung der Azteken, es auch das Trunk der Götter sein musste — wie der Nektar der griechischen Olympier.

Die Spanier übernahmen zunächst das Wort ‹cacahuatl›, vereinfachten es dann zu ‹cacao› und ‹chocolate›, was in Varianten von vielen weiteren Sprachen übernommen wurde, brachten aber Nektar und Ambrosia etwas durcheinander und hielten die Schokolade nicht nur für das Getränk, sondern auch für die Speise der Götter.

Dies führt uns nun zurück zur Medizin und schließt den Kreis: 1841 entdeckte der russische Chemiker Alexander Abramowitsch Woskressenski (1809 – 1880) im Kakao ein Alkaloid, das eine ähnlich anregende Wirkung auf das Nervensystem hat wie Coffein, und diesem Wirkstoff gab er den Namen ‹Theobromin›.

Bereits 1753 hatte Carl von Linné, latinisiert Carolus Linnaeus (1707 – 1778), schwedischer Naturforscher und Begründer der modernen botanischen und zoologischen Taxonomie, den Kakaobaum ‹Theobroma cacao› genannt. Der Name setzt sich zusammen aus ‹θεός› [theós] (Gott) und ‹βρῶμα› [brōma] (Speise).

Linné übernimmt damit die ungenaue Überlieferung durch spanische Missionare aus Mexiko, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts sich dem ausdrücklichen rigorosen Verbot der Kirche widersetzten und versuchten, vereinzelte Elemente der präkolumbianischen Mythologie für die Nachwelt zu retten. Wegen Verständigungsschwierigkeiten mit der indigenen Bevölkerung und der ständigen drohenden Gefahr von Repressalien und Strafmaßnahmen vonseiten kirchlicher und militärischer Behörden der Kolonialmacht hatten sich viele Fehler, Missverständnisse und Missdeutungen in die Darstellungen, die sich über Jahrhunderte hielten. Eine dieser Fehldeutungen hatte aus dem Göttetrunk eine Götterspeise gemacht.

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