Rosetta

Alberigo Tuccillo Geschichte, Sprache 2 Kommentare

Eine Rosette ist eine kleine Rose oder eine dicht gedrängte Anordnung von Blättern bei Pflanzen, auch eine Fellzeichnung bei Wildtieren, ein großes kreisrundes Kirchenfenster, eine stilisierte Rose als Verzierung, eine epizykloide Kurve in der Mathematik, das verzierte Schallloch von Saiteninstrumenten wie Mandolinen und Gitarren oder eine umgangssprachliche Bezeichnung für den Anus, wie ich neulich erfahren habe. Um nichts von alledem geht es aber hier.

Rosette oder Rosetta ist auch eine ägyptische Hafenstadt mit 70’000 Einwohnern. Sie liegt am westlichen Mündungsarm des Nils, 65 Kilometer östlich von der Fünf-Millionen-Stadt Alexandria. Der Name der Stadt — Lateinisch, Italienisch, Englisch ‹Rosetta›, Französisch ‹Rosette› — ist eine vage lautliche Nachahmung der arabischen Eigenbezeichnung ‹رشيد› [Raschid], was zugleich ein häufiger arabischer männlicher Vorname ist und ‹der gut Geführte› oder ‹der richtig Gelenkte› bedeutet. Raschid ist im Islam auch einer der vielen Beinamen für Gott und für den Propheten. Rosetta wurde erst im 9. Jahrhundert von Arabern gegründet und ist folglich, im Gegensatz zu Alexandria, keine altägyptische Stätte.

Dennoch hängt aber Rosettas Berühmtheit genauso mit der altägyptischen Kultur zusammen wie die Pyramiden von Gizeh, wie Karnak und das Tal der Könige. Während der ägyptischen Expedition Napoleons im Jahr 1799 wurde von einem französischen Offizier namens Pierre Bouchard im sieben Kilometer nordnordwestlich von Rosetta gelegenen Fort St. Julien der Stein von Rosetta, auch Stele von Rosetta genannt (Arabisch ‹حجر رشيد› [Hagar Raschid]), gefunden — eine unscheinbare Granitplatte von 112 x 76 x 28 cm und einem Gewicht von 762 Kilogramm, die aber für die Ägyptologie und mittelbar für die Linguistik zu einer der bedeutendsten Entdeckungen aller Zeiten werden sollte.

Der Stein lag im Abbruchgeröll eines Walls und war offenbar Jahrhunderte zuvor, ohne dass jemand dessen Wert und Bedeutung erkannt oder bloß erahnt hätte, als schnödes Baumaterial verwendet worden. Bouchard übergab den Fund seinem General, Jacques-François Menou, der den Stein in sein Haus in Alexandria bringen ließ, wo ihn dann französische Wissenschaftler zu Gesicht bekamen, diese die Augen aufrissen, sofort die außerordentliche Bedeutung erkannten und in schiere Begeisterung ausbrachen. Allerdings wurde bereits am 30. August 1801, nach der Kapitulation von Alexandria, der Stein vom britischen Militär beschlagnahmt und ein Jahr später ins British Museum nach London gebracht. Die britischen Militärs hatten logischerweise weder das Gespür noch das Wissen der französischen Wissenschaftler. So wurde die Stele mit der inzwischen völlig verblassten Beschriftung versehen «Captured in Egypt by the British Army in 1801 and presented by King George III» und in einfältiger militärischer Borniertheit bloß als Kriegsbeute betrachtet.

Glücklicherweise hatten die kultivierteren französischen Wissenschaftler in weiser Vorahnung von der Stele Abrieb-Kopien auf Papier erstellt und diese nach Paris bringen lassen, sodass die Forschung dennoch beginnen konnte.

Im Tempel von Karnak, im Totentempel der Hatshepsut in Luxor, in mehreren Grabkammern im Tal der Könige und an vielen andern Orten hatte man bereits unzählige Inschriften und zum Teil sehr lange Texte in ägyptischen Hieroglyphen gefunden oder schlicht gesehen, weil man sie an den Säulen und Wänden der Tempel in Stein gemeißelt seit jeher vor den Nase hatte. Allein war noch niemandem gelungen, auch nur ein Wort in jener mysteriösen Schrift zu entziffern. Man hatte eine erschöpfende, eine der allergrößten schriftlichen Dokumentationen der frühen Antike vor den Augen und konnte sie nicht lesen!

Das sollte sich nun durch den Fund der Stele ändern. Auf dem Stein von Rosetta ist nämlich derselbe Text einmal in ägyptischen Hieroglyphen, einmal in demotischer Schrift (eine spezielle Schriftform des Ägyptischen, die durch starke Reduktion und Abstraktion älterer Zeichenformen entstand und von etwa 650 v. Chr. bis 450 n. Chr. verwendet wurde) und einmal in griechischer Sprache eingraviert. Griechisch kannte man selbstverständlich durch Überlieferung bereits vollkommen: in Grammatik, in Syntax, in Wortschatz, in allen zeitlichen, geografischen und stilistischen Varianten. So konnten sich nun Semiotiker und Linguisten daran machen, in mühevoller Kleinarbeit, geduldig Puzzlestein für Puzzlestein unter die Lupe zu nehmen, Überlegungen anzustellen und einzelne Zeichen und zunächst Eigennamen zu deuten.

Der Philologe und Begründer der modernen Arabistik Silverstre de Sacy (1758 – 1838) konzentrierte sich zunächst vorwiegend auf den demotischen Text, versuchte Regelmäßigkeiten in der Reduktion aus den älteren klassischen Hieroglyphen zu erkennen und mutmaßte dabei (zu Unrecht) einen Einfluss des Griechischen auf die Entwicklung des Ägyptischen.

Dem schwedischen Paläografen und Orientalisten Johan David Åkerblad (1763 – 1819) gelang es zunächst im demotischen, dann auch im klassisch ägyptischen Text Eigennamen zu entziffern, wodurch er Sacys Arbeit fortsetzte.

Der englische Arzt und Universalgelehrte Thomas Young (1773 – 1829) entzifferte, gelenkt von genialischer Intuition und durch Vergleich mit anderen bekannte Inschriften und Texten, die Mehrheit der Wörter auf dem Stein von Rosetta, ohne allerdings die inhärente Logik und die Gesetzmäßigkeiten der Hieroglyphen zu enträtseln.

Das Verdienst, die Hieroglyphenschrift schließlich vollständig dekodiert, das System und die Grammatik der Sprache erkannt zu haben, kommt dem französischen Archäologen und Ägyptologen Jean François Champollion (1790 – 1832) zu. Die wohl entscheidende Entdeckung, die es Champollion ermöglichte, die ägyptische Hieroglyphenschrift restlos lesen zu können, war, dass die Zeichen nach einem durch feste Regeln bestimmten System sowohl für ganze Wörter als auch für Silben als auch für einzelne Laute oder Buchstaben stehen können. Der unermüdlich arbeitende und äußerst akribisch vorgehende Champollion fand heraus, dass es in den Hieroglyphen eigens dazu konzipierte Zeichen gibt, die den Lesenden sagen, wann die Schriftzeichen als Wort, wann als Silbe und wann als Lautzeichen zu deuten und zu lesen sind. Er entdeckte auch die Kartusche, eine aus einer Schlaufe bestehende, länglich-ovale Linie, die den Namen eines Herrschers oder einer Herrscherin umschließt. In einigen Fällen war es ein griechischer Name, der im ägyptischen Hieroglyphen geschrieben war, was Aufschluss über den Lautwert einzelner Zeichen gab und eine Kettenreaktion an weiteren Erkenntnissen auslöste. Dadurch vertausendfachte sich auf einen Schlag die Menge an Wörtern, die nun zu lesen und zu verstehen waren, und verhunderttausendfachte sich die Menge an Information, die den Texten zu entnehmen war. Nach diesem triumphalen Durchbruch standen der Ägyptologie und der Linguistik mit einem Mal Tausende von Texten zur Verfügung, die nun gelesen, gedeutet, analysiert, interpretiert und in Zusammenhang gebracht werden konnten.

Jean-François Champollion.*oil on canvas.*60 x 73,5 cm.*1831

Die historischen Kenntnisse und Erkenntnisse über das Ägypten der Pharaonen von 3800 v. Chr. bis zu Kleopatra, der Letzten der Ptolemäer im ersten Jahrhundert n. Chr. wuchsen binnen weniger Jahrzehnte zu einem fast lückenlosen Bild an, das wir in der Klarheit nur von der griechischen und römischen Kultur besitzen.

Die Linguistik konnte dank der unmittelbaren Verwandtschaft des alten Ägyptischen zum heute noch gesprochenen Koptischen nun auch die Aussprache und den Klang der Pharaonensprache weitgehend rekonstruieren und in ihr eine semitische Sprache erkennen, was auch die Erforschung des Arabischen, Hebräischen, Aramäischen, Amharischen, Tigrinya und Tigre entscheidend weiterbrachte.

Kommentare 2

  1. Sehr interessant und spannend und brilliant geschrieben. Obwohl ich von dem berühmten Rosetta Stone schon gehört hatte,war mir doch die gesamte Geschichte der Entzifferung der Hieroglyphen nicht bekannt. Hier wird sie so lebendig erzählt, dass sie uns sozusagen ganz plastisch erneut vor dem geistigen Auge erscheint. Bravo! Vielen Dank dafür!

    1. Post
      Author

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert