Sehr

Alberigo TuccilloVermischtes 3 Kommentare

Vielleicht erinnert sich jemand an meinen Artikel ‹https://tuccillo.ch/ich-han-di-vast-lieb/›, in dem von einem Minnesänger aus dem 13. Jahrhundert die Rede ist, der seiner Geliebten seine Gefühle für sie mit den Worten erklärte ‹Ich hân dî vast lieb›. Die meisten Lesenden hätten wohl erwartet, dass die Begehrte und Geliebte — von dieser vermeintlich relativierten, abgeschwächten, halbherzigen Liebeserklärung enttäuscht — den Minnesänger abgewiesen oder von ihm zumindest ein weniger zögerliches Liebesbekenntnis gefordert hätte. Doch das Gegenteil geschah: Die mittelhochdeutsche Frau schmolz augenblicklich dahin und der junge Mann durfte sofort ihre ‹suozen lipen kusen› (süßen Lippen küssen).

Die Lösung des Rätsels lag darin, dass ‹vast› nicht ‹fast›, sondern ‹fest› bedeutet! Die Passion des Minnesängers war also nicht eingeschränkt, verhalten, unterkühlt, sondern feurig und leidenschaftlich.

Das Umgekehrte würde geschehen, wenn ein neuhochdeutscher Verehrer einer althochdeutschen Verehrten sagen würde: «Ich liebe dich sehr.» Der moderne Verführer könnte bei der mittelalterlichen Angebeteten nur Verwirrung und Unverständnis auslösen, denn das Adverb ‹sehr› hatte bis ins Hochmittelalter eine ganz andere Bedeutung als heute.

Das Adverb dient in der neuhochdeutschen Standardsprache zur Verstärkung, zur Bezeichnung eines hohen Grades bei Verben und Adjektiven und ist auch im Mittelhochdeutschen, kontextabhängig, bereits so gebraucht worden. Mittelhochdeutsch bedeutet ‹sēre wunt› tatsächlich ‹sehr verletzt›, doch es ist zugleich das triftige Beispiel für den Bedeutungswandel, denn im Grunde und gleichzeitig bedeutet der Ausdruck ‹schmerzhaft verwundet›.

Das althochdeutsche Adverb ‹sēro› stammt von einem protoindoeuropäischen Wort ‹*seh2yro› ab, das zum urgermanischen ‹*sairaz› führte. Das Wort bedeutete ‹leidvoll›, ‹schmerzlich›, ‹schlimm›, ‹arg›, ‹peinvoll›. Diese Wortbedeutung ist durch den althochdeutschen Text ‹Hie frāgoda huat siu sô sēro biuuiepi› (Er fragte, worüber sie so schmerzlich, so bitterlich weinte) belegt. Damit eng verwandt sind: das gotische ‹sair› (Schmerz), das altenglische ‹sāre› (schmerzlich), das niederländische ‹zeer› (verwundet), das norwegische ‹sår› (wund) und schwedische ‹sår› (Wunde), das englische ‹sore› (wund) sowie das lateinische ‹saevus› (wütend, schrecklich, grausam) und das altirische ‹sāeth› (Leid, Krankheit).

Im Neuhochdeutschen ist die Bedeutung ‹wund› oder ‹verletzt› nur noch im Verb ‹versehren› und in den davon abgeleiteten Adjektiven ‹versehrt› und ‹unversehrt› erhalten.

Zeitreisenden, die sich ins Frühmittelalter zurückbegeben und dort eine Affaire mit einer althochdeutschen Dame eingehen möchten, sei also dringend angeraten, es viel eher mit ‹Ich hân dî vast lieb› zu versuchen als mit ‹Ich liebe dich sehr›! Andernfalls könnte man eine ‹ora feigan› riskieren — von ‹ora› (Gehör, Ohr) und ‹feigan› (fegen, schlagen, prügeln).

Kommentare 3

  1. Ja, in „versehrt“ ist die ursprüngliche Bedeutung noch greifbar, ebenso wie im englischen „sore“. Manchmal helfen die Präfixe oder ein Blick auf eine Nachbarsprache bei der etymologischen Forschung.

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      Danke, Angelika. Das ist — wie alle deine SEHR geschätzten Hinweise! — richtig. Präfixe und andere Ableitungen frieren oft ältere Bedeutungen gleichsam ein. So ist der Bedeutungswandel von ‹schlecht› zu ‹schlicht› noch in den Wörtern ‹schlechterdings› und ‹schlechthin› zu erkennen. — Dann versteht man auch, was Goethe im ‹Zauberlehrling› meint, wenn dieser sagt «Nimm die schlechten Lumpenhüllen»! Es bedeutet nämlich «kleide dich nicht festlich, sondern schlicht» und nicht «deine Kleider sollten von schlechter Qualität sein».

  2. Da kommt mir ein ehemaliger Geschäftskollege in den Sinn, der unserem deutschen Bürokollegen eine kurze Einführung in die Schweizerdeutsche Sprache wie folgt lieferte: „Wenn du zum Essen eingeladen bist und die Speisen sehr lecker findest, dann nennst du das einfach >huere guet<!"

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