Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.

Seneca, das Lernen und die Schule

Alberigo Tuccillo Gesellschaft, Sprache

LINGUISTISCHE AMUSE-BOUCHE Nummer 34

NON SCHOLAE SED VITAE DISCIMUS
(Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.)

Dieses Motto thronte über der Lektion 4 unseres Lateinbuches! Auch später — nicht in der Schule, sondern im Leben, eben — bin ich dem Zitat immer wieder begegnet. Anfänglich fand ich bloß, es sei ein Gemeinplatz, nichts wirklich Gescheites, nichts, was verdiente, in Versallettern mit auf den Lebensweg gegeben zu werden. So als würde man nach langer Meditation feierlich und endlich erleuchtet verkünden: ‹Wir kochen zwar in der Pfanne, essen aber aus dem Teller.› Umwerfend.

Mit der Zeit und je öfter ich diesem Paradebeispiel der Unbedarftheit begegnete, desto mehr begann es mich zu nerven. Wer war es denn, der sich die Mühe gemacht hatte, eine solche Plattheit auf Lateinisch auszuscheiden, und warum machte man sich immer noch die viel unverständlichere Mühe, sie der Nachwelt dauernd unter die Nase zu reiben? Ich forschte nach und war bald nicht bloß fündig, sondern höchst erstaunt: Der Urheber ist kein Geringerer als der verehrte und verehrenswerte Lucius Annaeus Seneca! Zur Ehrenrettung des großen Philosophen merkte ich aber sofort, dass er immer falsch zitiert wird! In einem Brief an seinen Schüler Lucilius, schrieb Seneca nämlich genau das Gegenteil von dem, was man ihm seit Jahrhunderten in den Mund legt:

NON VITAE SED SCHOLAE DISCIMUS
(Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir).

Nun reden sich die Zitatenfälscher damit heraus, Seneca habe seinen Satz doch ironisch gemeint, also würde ihre syntaktische Retusche schlicht einem Missverständnis durch die noch unreifen Schülerinnen und Schüler vorbeugen. — Ach ja? Wie dankbar müsste doch Seneca den gestrengen Bildungs- und Erziehungsräten sein, dass sie ihm erklären, was er im Grunde sagen wollte! Und selbst wenn es so wäre! Selbst wenn die Manipulation im Sinne Senecas wäre (was nicht der Fall ist!), woher bitteschön nimmt man das Recht, einem Zitat die Flügel nach eigenem Gutdünken zu stutzen, um daraus ein flugunfähiges geflügeltes Wort zu machen?

Ich bin davon überzeugt, dass Seneca zwar provozieren, aber genau das sagen wollte, was er sagte! — Niemand lernt in seinem ganzen Leben mehr, als er oder sie in den ersten Lebensjahren bis zum Schuleintritt gelernt hat. Ein Kind lernt nicht, was ein Rabe ist, weil es Ornithologin oder Ornithologe werden will, und nicht das Konjugieren von Verben, weil es der dereinstigen Karriere förderlich ist. Es will einfach wissen, wie der Vogel heißt, und es will reden lernen, um ausdrücken zu können, was es denkt! Ich habe in vierzig Jahren im Schuldienst die Erfahrung gemacht, dass nicht diejenigen am besten Italienisch und Deutsch gelernt haben, die später ihren Bewerbungen ein schönes Zeugnis oder ein B2-Zertifikat beilegen wollten, sondern diejenigen, die Italienisch und Deutsch lernen wollten, weil sie Italienisch und Deutsch können wollten.