Unter ‹Schimmel› versteht man den sichtbaren oberflächigen Teil von verschiedenen filamentösen Pilzen. Einige Schimmelpilzarten haben für den Menschen eine Bedeutung als Human-Parasiten und als Erreger von Infektionskrankheiten sowie als Ursache von Vergiftungen durch verdorbene Lebensmitteln, da die Pilze zum Teil Toxine bilden, von denen einige sogar kanzerogen sind. Das Wort ‹Schimmel›, Althochdeutsch ‹skimbal›, geht auf die urgermanische Wurzel ‹*skimbla› (schimmern, scheinen, glänzen) zurück.
In der Linguistik gibt es das Phänomen der ‹Kontaktassimilation›, wonach zwei aufeinanderfolgende Konsonanten zu einem, manchmal verdoppelten, verschmelzen. Die Kontaktassimilation kann entweder progressiv sein — zum Beispiel: Lateinisch ‹doctor› → Italienisch ‹dottore› — oder regressiv — zum Beispiel: Althochdeutsch ‹thumb› → Neuhochdeutsch ‹dumm›. Durch vollständige regressive Kontaktassimilation wandelte sich die frühe althochdeutsche Form ‹skimbal› zur späteren ‹skimmal›, zur frühen mittelhochdeutschen ‹skimel› und zur späteren ‹schimel›.
Pferde, die man ‹Schimmel› nennt, sind keine Rasse. Ein Schimmel ist ein Pferd irgendeiner Pferderasse und Farbe (Rappe, Brauner, Fuchs), das mit dunklem Fell geboren wird und aufgrund des dominanten ‹Grey-Gens› im Laufe der Jahre immer weißer wird und allmählich eine dem Schimmelpilzbelag ähnliche Farbe annimmt (ausschimmelt). Es handelt sich also nicht um Albinos, die es ebenfalls in allen Rassen gibt.
Unter dem Begriff ‹Amtsschimmel› versteht man die übertriebene, sich durch eine Überfülle an unsinnigen Regeln und durch pedantische Vorschriftstreue selbst lähmende Bürokratie. An der Entstehung des Begriffs waren mehrere linguistische Phänomene beteiligt. Zuallererst liegt die Assoziation bereits in der Luft, die verstaubte Amtsstuben mit ihrer lebensfeindlichen, zermürbenden, entmutigenden Schwerfälligkeit in der Vorstellung in die Nähe von einem modrigen, zerfallenden, eben verschimmelnden toten Organismus rückt. Diese Grundempfindung hat mit Bestimmtheit das Feld vorbereitet, die Prädisposition geschaffen für die Entstehung des Ausdrucks, dessen Etymologie allerdings eine völlig andere ist.
Man kennt den Begriff ‹Faksimile› — Lateinisch ‹fac simile› (mach es ähnlich) —, was eine möglichst präzise, originalgetreue, täuschende Echtheit anstrebende Nachbildung einer historischen Handschrift, eines Buches, eines Dokuments, eines Kunstwerks, eines archäologischen oder paläontologischen Fundes bezeichnet. Im bürokratischen Apparat des 18. und 19. bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus wurden zwar keine Faksimile produziert, aber von jedem Antrag, von jedem Brief, jedem Bescheid, Protokoll, jeder Eingangsbestätigung, Bewilligung und Ablehnung wurden Abschriften, dann Durchschläge, Pausen angefertigt, nummeriert und archiviert — jedenfalls war es ein immenser Wust an Kopien, an ‹similis› (Kopie)! Dass es sich jeweils beim abgelegten Dokument um eine Abschrift und nicht um das Original handelte, wurde in der Regel mit einem Stempel und dem Schriftzug ‹Simile› gekennzeichnet. In den österreichischen Amtstuben wurden schließlich auch die verschiedenen Formulare als ‹Simile› bezeichnet. Die Beamten, die stur und pingelig auf dem vollständigen und korrekten Ausfüllen und fristgemäßen Einreichen von ‹Simile› herumritten, wurden dann als ‹Simile-Reiter›, später als ‹Schimmelreiter› bezeichnet, wodurch die Assoziation vom Schimmelpilz auf das weiß gewordene Pferd schwappte. In der Folge, als kaum mehr jemand die Etymologie gegenwärtig haben konnte, kam auch die Redensart auf ‹der Amtsschimmel wiehert›, wenn man ausdrücken und betonen wollte, dass der heruntergekommene Verwaltungsapparat sich wieder einmal dreist und bürgerfeindlich aufbäumte.

