Staat der Vatikanstadt

Alberigo Tuccillo Geschichte, Gesellschaft, Sprache 4 Kommentare

Einen Staat ohne Land — weil es kaum mehr ist als ein geringfügig begrünter urbaner Gebäudekomplex — ein Land zu nennen, scheint wunderlich euphemistisch, doch wenn das Völkerrecht diktiert, senkt der Sprachsinn demütig das Haupt. Wenn das Sprachgefühl der Ansicht ist, ‹Verein›, ‹Vereinigung› oder allerhöchstens ‹Organisation› seien treffendere Begriffe, muss es doch zähneknirschend klein beigeben, wenn die internationale Gemeinschaft trotzig mit den Füßen auf den Boden stampft und keift: «Nein, nein, nein! Es ist ein Staat! Es ist ein Land!» — Sprachlich gibt es allerdings über den Vatikan und über die einschlägigen Begriffe, die fast ausschließlich im Zusammenhang mit diesem ‹Staat›, oder wie auch immer man dieses Gebilde, dieses Konstrukt nennen möchte, einiges zu klären. Jedoch kommt man selbst beim schlechtesten Willen nicht umhin, vorher auch einige wenige nicht linguistische Fakten festzuhalten, damit dann in einem zweiten Schritt die Begriffe auch greifbar und begreifbar werden.

Wollte man alle Besonderheiten bloß aufzählen, auch ohne sie näher zu erläutern, die den Vatikan zu einem Unikum unter den völkerrechtlich anerkannten Staat machen, würde ein Blog-Artikel nicht ausreichen und man müsste wohl mehrere Bände füllen. Hier nur einige Beispiele von pontifikalen Eigentümlichkeiten:

Mit einer Fläche von 0.49 km², 453 Einwohnern und 764 im Jahr 2023 noch lebenden Staatsbürgern (ob es da auch Staatsbürgerinnen überhaupt gibt, habe ich nicht herausgefunden) ist der Kirchenstaat nicht nur mit Abstand das sowohl flächenmäßig als auch einwohnerzahlmäßig kleinste Land der Welt, es ist auch das einzige Land, das mehr Staatsbürger als Einwohner hat. Der Vatikan stellt zwar eigene Reisedokumente aus, die als Vatikanpass bezeichnet werden, diese Dokumente sind jedoch keine Staatsbürgerschaftsnachweise im eigentlichen Sinne — das heißt: man kann einen vatikanischen Pass haben, ohne vatikanischer Staatsbürger zu sein. Der Vatikanstadtstaat ist ein souveräner Staat mit einem eigenen Staatsangehörigkeitsrecht. Die Staatsbürgerschaft wird aber auf Antrag oder aufgrund einer besonderen Beziehung zur katholischen Kirche, in der Regel nur an eine kleine Anzahl von Personen, hauptsächlich an hohe Prälaten der römisch-katholischen Kirche sowie an Diplomaten des ‹Heiligen Stuhls›, verliehen. Somit ist der Vatikan der einzige Staat, in dem niemand als Staatsbürger geboren wird — gesetzt den Fall, dass da überhaupt jemand je geboren wird.

Der Vatikanstaat ist die einzige noch existierende absolute Wahlmonarchie der Welt. Deren Monarch ist der Papst. Dieser wird von den Kardinälen gewählt und scheidet nur durch Tod oder — was in der Geschichte erst zweimal vorgekommen ist — durch Rücktritt aus diesem Amt aus. Neben dem Vatikan gibt es nur noch eine weitere Wahlmonarchie, nämlich das Fürstentum Andorra, über das ich auch bald schreiben möchte. Das kleine Land zwischen Spanien und Frankreich und hat zwei Ko-Fürsten, den Präsidenten Frankreichs (derzeit Emmanuel Macron) und den Bischof von Urgell, der normalerweise vom Papst ernannt wird. Der Bischof von Urgell und der Präsident Frankreichs sind Ko-Fürsten von Andorra und stehen ebenfalls an der Spitze einer Wahlmonarchie. Da jedoch Andorra im Gegensatz zum Vatikan ein Parlament hat, ist es eine konstitutionelle und keine absoluteMonarchie. Auch Saudi-Arabien und Oman sind absolute Monarchien, aber keine Wahlmonarchien. — Der ‹Heilige Stuhl› als nichtstaatliches, eigenständiges, vom Staat Vatikanstadt zu unterscheidendes Völkerrechtssubjekt vertritt den Vatikan auf internationaler Ebene, wenn auch beide Begriffe zum Teil als Synonym verwendet werden.

Noch verblüffender ist wohl auf den ersten Blick, dass der Vatikan weltweit der Staat ist mit der höchsten Kriminalitätsrate. Doch dies liegt allein an der Mathematik und an der äußerst geringen Einwohnerzahl des Ministaates und nicht an einer besonders ausgeprägten verbrecherischen Energie von Prälaten, Verwaltungsangestellten, Gästeführern und Schweizergardisten. Einige Fälle von Wirtschaftsdelikten, Bilanzfälschung, Betrug und Hinterziehung, einige wenige Fälle von Weitergabe geheimer Informationen (über Verurteilungen sexueller Delikte liegen keine Informationen vor) und der Doppelmord eines Schweizergardisten, der vor etwas mehr als zwanzig Jahren mit seiner Dienstwaffe seinen Vorgesetzten, dessen Frau und danach sich selbst erschossen haben soll (der Fall ist zwar zu den Akten gelegt, aber nicht wirklich geklärt), sind absolut numerisch betrachtet nicht sehr beeindruckend. Aber durch die nicht zu unterbietend geringe Einwohnerzahl geteilt kommt es zu einem statistischen Wert, der im ersten Moment zumindest überrascht. Statistische Aussagen wirken eben auf uns Ungeübte manchmal bizarr. Um in der einschlägigen Metaphorik zu bleiben, könnte man für die verzwickte Umständlichkeit statistischer Angaben ein Bespiel machen: «Mit 2.04 Päpsten pro Quadratkilometer ist der Vatikanstaat weltweit das Land mit der höchsten Papstdichte.» (bedeutet schlicht: Der Papst lebt in Rom.) — Mit der Schweizergarde verfügt der Vatikan über die kleinste (circa 100 Mitglieder) und älteste (seit 1506) Armee der Welt. Für die interne Sicherheit gibt es zusätzlich eine eigene Polizei, den ‹Corpo della Gendarmeria›, der fast ausschließlich aus Italienern zusammengesetzt ist.

Und nun zum Glossar:

Vatikan: Das Wort ist die Substantivierung des lateinischen Adjektivs ‹vaticanus› (zum ‹Vates› gehörig, den ‹Vates› betreffend). Der Begriff leitet sich von ‹vates› ab, was im Lateinischen ‹Seher›, ‹Magier› oder ‹Prophet› bedeutet, aber kaum verwendet wurde und mit ziemlicher Sicherheit etruskischen Ursprungs ist. ‹Vatikan› bezeichnete zunächst einen am rechten Tiber-Ufer gelegenen Hügel (Lateinisch ‹mons vaticanus›). Dort befand sich in der Antike der Zirkus des Kaisers Nero, in dem Martyrien und Hinrichtungen zahlreicher Christen und Juden stattgefunden haben sollen. Nördlich des Zirkus befand sich ein kleiner Friedhof, auf dem angeblich der Apostel Petrus begraben wurde. Später wurde dort ein Denkmal gebaut, und im 4. Jahrhundert ließ Kaiser Konstantin an jener Stelle eine große Grabeskirche errichten — die erste Peterskirche. Der Vatikan wurde zum zentralen Wallfahrtsort der Petrusverehrung. In den folgenden Jahrhunderten entstanden weitere Gebäude auf dem Hügel, vor allem so genannte ‹scholae›, die Wallfahrern verschiedener Nationalitäten Unterkünfte, Kapellen und Friedhöfe boten, aber auch Wehranlagen hatten. Unter Leo IV. wurde 847 bis 852 zum Schutz vor den Sarazenen (der Begriff ‹Σαρακηνοί› [Sarakenoí] bezeichnete ursprünglich bloß Araber; im Zuge der islamischen Expansion jedoch später alle Moslems) die noch heute zum Teil bestehende ‹leoninische Mauer› um den gesamten Wallfahrtsort errichtet. So entstand die sogenannte Leostadt. Der Bischof von Rom konnte im Verlauf der Spätantike seinen Anspruch auf Vorrang innerhalb der Christenheit weitgehend durchsetzen und kann spätestens seit Gregor dem Großen (um 600) als Papst bezeichnet werden. Nach dem Zerfall des Römischen Reiches beanspruchten die Päpste unter Berufung auf die (im 15. Jahrhundert als Fälschung enttarnte) ‹Konstantinische Schenkung› die weltliche Herrschaft über das Territorium um Rom, das zur Keimzelle des künftigen Kirchenstaates wurde. Im Jahre 751 wurde ihnen dieser Staat durch die Pippinische Schenkung garantiert, nachdem die Päpste einige Jahre zuvor aufgehört hatten, die Oberhoheit des oströmisch-byzantinischen Kaisers anzuerkennen. Die Päpste residierten zunächst nicht im Vatikan, sondern im Lateranpalast; die Kathedrale des Papstes ist bis heute nicht der Petersdom (der eben fälschlicherweise als Dom bezeichnet wird; deshalb ist die italienische Bezeichnung auch ‹basilica di San Pietro› nicht ‹duomo› wie etwa ‹duomo di Milano›), sondern die Lateranbasilika außerhalb der Vatikanstadt. — Parallel zum Ausbau des Vatikans weitete sich das Territorium des Kirchenstaats aus. Bis ins 19. Jahrhundert erstreckte es sich über Mittelitalien zwischen Rom im Südwesten bis Bologna im Nordosten, mit den Regionen Latium, den Marken, Umbrien und der Romagna. 1808 wurden die Territorien dem Königreich Italien einverleibt. Der Wiener Kongress stellte den Kirchenstaat jedoch wieder her. Als Frankreich seine Schutztruppen aufgrund des Deutsch-Französischen Krieges aus Rom abzog, wurde der Restkirchenstaat durch Truppen unter König Viktor Emanuel II. im Jahre 1870 besetzt. Der Status der Vatikanstadt war zunächst ungeklärt (sogenannte Römische Frage), jedoch blieb in ihr de facto die Herrschaft der katholischen Kirche bestehen, so dass sich ab 1870 die kirchlichen Verwaltungsorgane aus dem restlichen Kirchenstaat in der Vatikanstadt konzentrierten. In dieser Zeit entwickelte sich die bauliche und institutionelle Abschottung vom Rest Roms. Schließlich wurde der Kirchenstaat durch die Lateranverträge von 1929 zwischen dem Heiligen Stuhl und dem inzwischen diktatorisch von Benito Mussolini regierten Königreich Italien wieder als souveräner Staat festgeschrieben. Danach und seither umfasst er nur noch das von einer Mauer begrenzte Gelände um den Petersdom.

Papst: Spätestens ab dem 2. Jahrhundert war im östlichen Mittelmeerraum griechisch ‹πάππας› [páppas] (Vater) allgemein eine Ehrenbezeichnung für christliche Würdenträger, darunter auch Äbte und Bischöfe. Als Bezeichnung für den Bischof von Rom, also für die heute noch übliche Bezeichnung des Staatsoberhauptes des Vatikans, begegnet man dem lateinischen Begriff ‹pāpa› erstmals auf einem Grabstein aus der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts (‹sub Liberio papa›).

Pontifex: Ein ‹Pontifex› war im vorchristlichen Römischen Reich ein sakraler Beamter (manchmal und unzutreffend auch als Priester bezeichnet). Die Pontifices waren in einem Gremium, dem ‹Collegium pontificum›, zusammengefasst. Das Pontifikalkollegium war diejenige Behörde, die für die Organisation und die Durchführung aller Zeremonien und Opfer nach dem ‹patrius ritus› (von den Vorfahren überlieferte Feierlichkeit) zuständig war. Ihm fielen alle Aufgaben des regelmäßigen staatlichen Götterdienstes zu. Der Vorsteher jenes Kollegiums war der Pontifex Maximus. Das Wort ‹Pontifex› setzt sich zusammen aus ‹pons, pontis› (Brücke) und ‹facere› (machen); das Wort bedeutet also ‹Brückenmacher› oder ‹Brückenbauer›. Im 3. Jahrhundert begannen christliche Gemeinschaften, den heidnischen Begriff ‹Pontifex› für Bischöfe oder andere christliche Würdenträger zu übernehmen. Der Begriff wurde dann besonders im Zusammenhang mit dem Bischof von Rom, also dem Papst, verwendet; der dann vorwiegend als ‹Pontifex Maximus› (höchster Brückenbauer) bezeichnet wurde.

Bischof: (von ‹ἐπίσκοπος› [epískopos] (Aufseher, Hüter, Schützer). In christilichen Kirchen, nicht nur in der katholischen, wird mit dem Titel der Inhaber eines Amtes geistlicher und administrativer Art bezeichnet. Meistens handelt es sich um die Leitung innerhalb eines bestimmten Gebietes mit mehreren Gemeinden. Das Bischofsamt und auch die Gesamtheit der Bischöfe werden als ‹Episkopat› bezeichnet. Der Bischof von Rom ist der Papst.

Zur Namen-Herkunft Italiens: https://tuccillo.ch/italien/ 🇮🇹

Zur Namen-Herkunft der Schweiz: https://tuccillo.ch/die-namen-der-schweiz/ 🇨🇭

Zur Namen-Herkunft Deutschlands: https://tuccillo.ch/die-namen-der-deutschen/ 🇩🇪

Zur Namen-Herkunft Österreichs: https://tuccillo.ch/oesterreich/ 🇦🇹

Zur  Namen-Herkunft von Liechtenstein: https://tuccillo.ch/liechtenstein/ 🇱🇮

Kommentare 4

  1. Äusserst interessant. Vieles das nirgends in den Touriführer vermerkt ist und ev. der Papst selbst nicht weiss. (Staatskunde für den Papa)

    Danke.

    Bin gespannt auf den nächsten Vortrag.

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      Ich bin es, der Dank für die ermutigenden Worte schuldet. Duzen wir einander doch, liebe Barbara. Ich freue mich immer über deine Likes.

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