Stein und Reichtum

Alberigo Tuccillo Gesellschaft, Sprache, Wissenschaft Leave a Comment

Es gibt Wörter und Wendungen, deren Bedeutung so sonnenklar zu sein scheint, dass die Wissenschaft kein dringliches Interesse an ihnen hat. Doch gerade an solchen Beispielen zeigt und beweist sich die Strenge wissenschaftlichen Vorgehens: Was nicht untersucht und belegt ist, wird nicht behauptet! So fehlte in seriösen Publikationen lange das Wort ‹steinreich›, das wir alle selbstverständlich verwenden und ebenso selbstverständlich zu verstehen glauben. Anders halten es Wortsammlungen wie Wiktionary und Dudens Band 5 ‹Herkunftswörterbuch›, für die Vollständigkeit offenbar wichtiger ist als Richtigkeit. Da ist der identische Wortlaut zu lesen: «Spätmittelhochdeutsch ‹steinrīche› (reich an Edelsteinen).» — Vielleicht haben sie es einander abgeschrieben, vielleicht sind sie unabhängig voneinander darauf gekommen, jedenfalls werden sie gedacht haben: «Ja was denn sonst?! Mit Kieselsteinen und Nierensteinen wird man nicht reich! Nur mit Diamanten, Smaragden und Topasen kann man den Reichtum zur Schau stellen!» Zudem wirkt es sehr beruhigend und ernsthaft, wenn man das spätmittelhochdeutsche ‹steinrīche› noch angibt, auch wenn zusammenhangslos. — Technisch handelt es sich jedoch bloß um die Vorstufe einer Theorie, der die Verifizierung oder Falsifizierung fehlt.

Gewissenhafter geht Lutz Röhrich in seinem höchst empfehlenswerten «Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten» vor. Röhrich und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen erstens fest, dass das Wort nicht erst Spätmittelhochdeutsch belegt ist, sondern bereits im 9. Jahrhundert, also Althochdeutsch: ‹stainsrīhhi›; zu einer Zeit und in einer Gesellschaftsschicht, in der Edelsteine weder begehrt waren noch als Zeichen für Reichtum standen. (Zur Erklärung: Heute ist zum Beispiel Californium mit einem Preis von 21 Millionen US-Dollar pro Gramm das teuerste Metall überhaupt; niemandem würde jedoch einfallen, das Wort ‹californiumreich› zu prägen.) Zudem fällt auf, dass es in den romanischen Sprachen nichts Analoges gibt. — Röhrichs Team untersuchte, im welchem Zusammenhang das Wort ‹steinreich› im Hoch- und Spätmittelalter auftaucht und verwendet wird. Dabei stellt man fest, dass es in keinem einzigen Fall den Reichtum eines Fürsten, eines Kaisers oder Königs bezeichnet, sondern stets reich gewordene Händler und vorindustrielle Unternehmer meinte, die es sich nun leisten konnten, ein Steinhaus zu bauen statt eines Holz- oder Fachwerkhauses, was ihrem Stand entsprochen hätte. Im Süden, wo Holz teurer war als Stein, hatte man seit jeher selbst ärmliche Stallungen aus Stein gebaut; was erklärt, warum es in Vulgärlatein nicht als Zeichen des Wohlstandes galt, in einer steinernen Behausung zu wohnen.

Steinreich war also, wer in einem Steinhaus wohnte. Wie man weiß, war dies Adeligen mancherorts ein Dorn im Auge. So erfahren wir in Friedrich Schillers ‹Wilhelm Tell›, dass Werner Stauffacher, Landamman von Schwyz, von Landvogt Gessler eine schwere Sanktion angedroht wird, weil er ohne Erlaubnis (die er sowieso nicht bekommen hätte) ein Steinhaus gebaut hat.

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