Torschlusspanik

Alberigo TuccilloGesellschaft, Sprache 1 Comment

Der metaphorische Begriff ‹Torschlusspanik› bezeichnet im Allgemeinen die Angst, zu spät zu kommen oder einen letzten günstigen Zeitpunkt für eine wichtige Entscheidung im Leben zu verpassen. Zum Beispiel: Nunmehr zu alt zu sein, um noch einen Lebenspartner zu finden, um noch ein Kind zu zeugen und großzuziehen, um den ersehnten Traum einer eigenen kleinen Buchhandlung zu verwirklichen, um die Doktorarbeit endlich fertig zu schreiben, um das Haus dergestalt umzubauen, dass man darin den Lebensabend verbringen könnte, um eine Weltreise zu machen oder um Sanskrit zu lernen, um die Upanischaden im Original lesen zu können.

Ihren Ursprung hat die Redewendung in dem Umstand, dass in früheren Zeiten die Stadttore bei Anbruch der Dunkelheit verschlossen wurden. Stadtbewohner, die nicht rechtzeitig von Ausflügen ins Umland zurückgekehrt waren, oder auch verspätete Reisende mussten gezwungenermaßen außerhalb der Stadtmauern übernachten und waren so Räubern und wilden Tieren schutzlos ausgeliefert. Mit dem Anwachsen der Vorstädte wuchs vielerorts das Bedürfnis, die Tore abends länger offenzuhalten oder Regelungen zu erlassen, die das nächtliche Passieren der Tore gegen eine Einlassgebühr ‹Sperrgeld› ermöglichten. Solche Sperr-Reglements existierten in vielen Städten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein, so zum Beispiel in Hamburg (bis 1860) oder Lübeck (bis 1864). Auch in Basel gab es die so genannte ‹Torsperre›, ebenfalls bis 1860. Wie teuer das zu bezahlende ‹Sperrgeld› jeweils war, wenn man im Winter nach halb sechs, im Sommer nach halb zehn an einem Stadttor noch Einlass gewährt haben wollte, habe ich nicht herausfinden können. Aber es scheint eine arg willkürliche Angelegenheit gewesen zu sein: Über die Höhe der zu entrichtenden Gebühr entschieden jeweils die Bekanntheit, die Sympathie und die wirkliche oder vermeintliche Betuchtheit derer, die eingelassen werden wollten — manchmal die Schnapsmenge, die von der Wache bereits konsumiert worden war.

Eine konkrete Schilderung einer Massenpanik im Zusammenhang mit dem Schließen der Tore ist aus dem Jahr 1808 in Hamburg überliefert, wo viele Bürger insbesondere an Wochenenden die Vergnügungsviertel der damals noch vor den Toren gelegenen Vorstadt St. Pauli aufsuchten:

«Gestern Abends entstand bey dem Thorschluß von Hamburg, wo bey schönem Wetter mehrere tausend Menschen versperrt worden waren, ein Tumult. Das Volk warf auf das wachhabende holländische Militär mit Steinen, welches erst blind, dann scharf feuerte, wodurch einige Menschen getödtet, und mehrere verwundet wurden.» (‹Augsburgische Ordinari Postzeitung› vom 2. Mai 1808)

Mit der Schleifung der Basler Befestigungen in den 1860er Jahren verlor die Torsperre ihre Grundlage. Die Stadtmauern wurden nach der Mitte des 19. Jahrhunderts nach und nach beseitigt; die Tore wurden geöffnet und einige schließlich ganz abgebrochen. Damit verschwand selbstverständlich auch die nächtliche Torsperre. Praktisch endete sie, als Basel seine mittelalterliche Befestigung aufgab und sich zur offenen Stadt entwickelte. Da im selben Sperr-Reglement aber nicht bloß die Schließung der Stadttore, sondern auch der Wirtshäuser geregelt war, ging die ‹Sperrstunde› in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahtlos in die ‹kantonale Polizeistunde› über, die in den Jahrzehnten mehrfach gelockert und wieder verschärft wurde.

In meiner Studentenzeit an der Uni Basel meinte man mit dem Begriff ‹Torschlusspanik› daher meistens die Angst davor, dass man zu einer bestimmten Nachtzeit nirgendwo mehr ein Bier trinken konnte.

Kommentare 1

  1. Von der damaligen „Torschlusspanik“ hat ja meine Heimatgemeinde Birsfelden zu jener Zeit sehr profitiert. Die Hauptstrasse war links und rechts von Gaststätten mit Remisen besetzt, in denen die Händler, welche in Basel Waren verkaufen wollten, nächtigen und sich stärken konnten, bevor sie das St. Alban Tor am nächsten Morgen passierten. Auch für das körperliche Wohl der Fuhrwerker war bestens gesorgt: zahlreiche Prostituierte boten ihre Dienste an und bedienten die Männer gleich auf der grossen Wiese nördlich der Hauptstrasse. Von da komme auch der Spitzname „Blätzbums“ für Birsfelden. 😉

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