Dies ist bloß ein Gedankenexperiment und kein Beitrag zur Lösung einer theologischen Frage:
Stellen wir uns vor, dass der Papst von der Segnungsloggia an der Fassade des Petersdoms den feierlichen Segen spenden würde und statt «Urbi et Orbi» (der Stadt und dem Erdkreis) zu sagen, sagte er: «Infallibilitas Papae iam sustineri non potest.» (Die Unfehlbarkeit des Papstes kann nicht länger aufrechterhalten werden).
Im ersten Moment hätten die zutiefst Gläubigen auf der Piazza eine zutiefst ungläubige Reaktion, die sie denken ließe, der Papst müsse sich mit diesem ‹Dekretale› oder ‹Motu proprio› (eigenmächtige Entscheidung) vollkommen irren! «Was ist denn das für ein Papst!» würden einige sogar laut protestieren. «Er zieht ja sein eigenes Pontifikat in den Dreck! Wir sind gläubig und wollen weiterhin einen unfehlbaren Papst! Wir können eine solche Ungeheuerlichkeit niemals akzeptieren!»
«So sei es!», würden andere in den Chor einstimmen. «Ein Papst muss unfehlbar sein! Auch wenn er etwas sagt, was wir nicht auf Anhieb einsehen!» — «Genau! Auch wenn er sagt, dass wir keine Präservative benützen sollen!» — «Richtig! Auch wenn er sagt, dass Frauen kein Priesteramt innehaben sollen!» — «Auf jeden Fall! Auch wenn er sagt, dass die Unfehlbarkeit des Papstes nicht länger aufrechterhalten werden kann!» — «Absolut! Denn was er sagt, muss immer richtig sein.»
Wenn aber unser Papst in seinen Äußerungen unfehlbar ist, muss auch seine Behauptung richtig sein, die Unfehlbarkeit des Papstes könne nicht länger aufrechterhalten werden! Wenn aufgrund seiner Unfehlbarkeit, die Unfehlbarkeit aufgehoben ist, ist es wiederum möglich, dass er sich irrt. Und wenn er sich irrt und folglich immer irren kann, ist es auch richtig und sogar weise, die Möglichkeit des Irrtums vorauszusehen und unfehlbar zu benennen!


Kommentare 2
Die päpstliche „Unfehlbarkeit“ kann der jeweilige Papst von sich aus nicht aufheben.
In der katholischen Kirche ist die Unfehlbarkeit des Papstes (Infallibilität, lateinisch Infallibilitas) eine Eigenschaft, die – nach der Lehre des Ersten Vatikanischen Konzils (1870) unter Papst Pius IX. – dem römischen Bischof (Papst) zukommt, wenn er in seinem Amt als „Lehrer aller Christen“ (ex cathedra) eine Glaubens- oder Sittenfrage als endgültig entschieden verkündet.
Also müsste eine grössere Bischofsversammlung diese Frage beraten und allenfalls ändern.
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Das Problem ist, dass es bei meinem Gedankenexperiment nicht um den Papst geht, so wie es bei Zenons Gedankenexperiment ‹Achill und die Schildkröte› weder um griechische Helden noch um Reptilien geht. Es geht um reine formale Logik und um die Paradoxie, die wir auch im Russells Barbier oder in Epimenides’ immer lügendem Kreter finden.