| Koine-Griechisch: Codex Sinaiticus (um 330) | Lateinisch: Vulgata des Hieronymus (um 380) | Althoch-deutsch: St. Galler Paternoster (um 790) | Gotisch: Wulfila-Bibel (4. Jahr-hundert) | Mittel-hochdeutsch: um 1200, Trier Stadt-Bibliothek |
| Πάτερ ἡμῶν ὁ ἐν τοῖς οὐρανοῖςἁγιασθήτω τὸὄνομά σουἐλθέτω ἡ βασιλεία σουγενηθήτω τὸ θέλημά σου, ὡς ἐν οὐρανῷκαὶ ἐπὶ τῆς γῆςΤὸν ἄρτον ἡμῶν τὸν ἐπιούσιον δὸς ἡμῖν σήμερονκαὶ ἄφες ἡμῖν τὰὀφειλήματα ἡμῶν, ὡς καὶ ἡμεῖς ἀφίεμεν τοῖς ὀφειλέταις ἡμῶνκαὶ μὴ εἰσενέγκῃς ἡμᾶς εἰς πειρασμόν, ἀλλὰ ῥῦσαι ἡμᾶς ἀπὸ τοῦ πονηροῦ | Pater noster qui es in caelis, sanctificetur nomen tuum. Adveniat regnum tuum. Fiat voluntas tua sicut in caelo et in terra. Panem nostrum supersubstantialem da nobis hodie. Et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris. Et ne nos inducas in temptationem, sed libera nos a malo. Amen. | Fater unseer, thu pist in himile, uuihi namun dinan, qhueme rihhi din, uuerde uuillo diin, so in himile sosa in erdu. prooth unseer emezzihic kip uns hiutu, oblaz uns sculdi unseero, so uuir oblazem uns sculdikem, enti ni unsih firleiti in khorunka, uzzer losi unsih fona ubile. amen. | atta unsar, thu in himinam, weihnai namo thein. quimai thiudinassus theins. wairthai wilja theins, swe in himina, jah ana airthai. hlaif unsarana thana sinteinana gif uns himma daga. jah aflet uns thatei skulans sijaima, swasswe jah weis afletam thaim skulam unsaraim. jah ni briggais uns in fraistubnjai, ak lusei uns af thamma ubilin. amen | vater unser. dû bist in den himelen. geheiliget werde dîn name. zuo kome uns dîn rîche. daz dînwille werde ervollet. hier in erde. alsdâ ze himele. gip uns. hêrre unser tagelich brôt. unde vergip uns unsere schulde. als wir vergeben unseren scholæren. lâ uns niht verleitet werden hêrre. in die bekorunge des êwigen tôdes. sunder dû erloese uns hêrre von alleme übele. âmen |
Martin Luther 1545:
Vnſer Vater in dem Himel.
Dein Name werde geheiliget.
Dein Reich kome.
Dein Wille geſchehe auff Erden wie im Himel.
Vnſer teglich Brot gib vns heute.
Vnd vergib vns vnſer Schuld,
wie wir vnſern Schuldigern vergeben.
Vnd füre vns nicht in Verſuchung,
ſondern erlöſe vns von dem Vbel.
Denn dein iſt das Reich vnd die Krafft
vnd die Herrligkeit in Ewigkeit.
Amen.

Die Peschitta-Fassung (Rückübersetzung ins Aramäische) von Matthäus 6,9–13 lautet:
ܐܒܘܢ ܕܒܫܡܝܐ ܢܬܩܕܫ ܫܡܟ
ܬܐܬܐ ܡܠܟܘܬܟ ܢܗܘܐ ܨܒܝܢܟ ܐܝܟܢܐ ܕܒܫܡܝܐ ܐܦ ܒܐܪܥܐ
ܗܒ ܠܢ ܠܚܡܐ ܕܤܘܢܩܢܢ ܝܘܡܢܐ
ܘܫܒܘܩ ܠܢ ܚܘܒܝܢ ܐܝܟܢܐ ܕܐܦ ܚܢܢ ܫܒܩܢ ܠܚܝܒܝܢ
ܘܠܐ ܬܥܠܢ ܠܢܤܝܘܢܐ ܐܠܐ ܦܨܢ ܡܢ ܒܝܫܐ
ܡܛܠ ܕܕܝܠܟ ܗܝ ܡܠܟܘܬܐ ܘܚܝܠܐ ܘܬܫܒܘܚܬܐ ܠܥܠܡ ܥܠܡܝܢ
Transkription:
Abun d-bashmaya, nethqadash shmakh.
Tete malkuthakh; nehwe sebyanakh, aykana d-bashmaya af b-ar’a.
Hab lan lakhma d-sunqanan yawmano.
Washboq lan hawbayn, aykana d-af hnan shbaqan l-haybayn.
W-la ta’lan l-nesyuna, ella passan men bisha.
Metul d-dilakh hi malkutha w-hayla w-teshbuhta l-‚alam ‚almin.
Eine möglichst wörtliche neudeutsche Wiedergabe:
Unser Vater, der in den Himmeln ist, geheiligt werde dein Name.
Es komme dein Reich; es geschehe dein Wille, wie im Himmel, so auch auf der Erde.
Gib uns das Brot unseres Bedürfnisses heute.
Und erlasse uns unsere Schulden, wie auch wir denen erlassen haben, die uns etwas schulden.
Und führe uns nicht in Versuchung/Prüfung, sondern erlöse uns vom Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Interessant ist m. E. «Gib uns das Brot unseres Bedürfnisses heute», was mit «gib uns heute unser tägliches Brot» übersetzt wird. Während «unser tägliches Brot» nach etwas klingt, was uns aus welchen Gründen auch immer, gewissermaßen als Grundrecht zusteht, ist das «Brot unseres Bedürfnis» bescheidener; das Notwendige zum Überleben. — So meint die Formulierung «wie wir denen erlassen haben, die uns etwas schulden» (‹erlassen haben› ist Perfekt, Vorzeitigkeit, also bereits geschehen), folglich bloß: ‹im selben Maße, in angemessenem Verhältnis›. Das heißt: Wenn wir viel erlassen haben, seien uns viele Schulden erlassen, wenn wir wenig erlassen haben, seien uns entsprechend weniger erlassen. «Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern» (Präsens, also Gewohnheit) klingt eher wie eine Anweisung an Gott, gefolgt von einer Begründung: «Vergib uns unsere Schuld, schließlich tun wir dies ja auch mit unseren Schuldigern.» Darüber hinaus gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen ‹erlassen› und ‹vergeben›: Erlassen tut man allenfalls materielle Schulden oder eingegangene, aber noch nicht erledigte Verpflichtungen, vergeben kann man indessen nur üble Taten, Verfehlungen, Sünden, moralische Schuld.
(Mit herzlichem Dank an Sabina Gass für den Hinweis auf diese folgenreiche Nuance in der unterschiedlichen Bedeutung der Verben ‹erlassen› und ‹vergeben›!)


Kommentare 2
‚Vergib uns unsere Schuld‘ oder ‚erlasse uns unsere Schulden‘ hört sich für mich nicht als das Gleiche an. Ersteres schliesst irgendwie auch böse Taten ein, letzteres eher Geldschulden. Oder scheint das nur mir so?
Author
Danke für den Hinweis, Sabina! Du hast vollkommen recht! Ich nehme mir die Stelle noch einmal vor! — Ich habe die Präzisierung durch deine Anregung vorgenommen! Danke noch einmal!